Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Pflege-Impfpflicht - was bringt sie überhaupt?

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Symbolfoto. © Benjamin Büttner

Mit großem Pardauz ist die allgemeine Impfpflicht geplatzt – was aber die einrichtungsbezogene Impfpflicht betrifft, drängen sich auch ein paar Fragen auf: Was bringt sie überhaupt? Und ist es wirklich nötig, sie eisern durchzusetzen? Bemerkenswerte Zahlen aus dem Rems-Murr-Kreis und aus ganz Deutschland lassen einen ketzerischen Schluss nicht ganz abwegig erscheinen: Womöglich lohnt sich der ganze Riesenaufwand gar nicht so richtig.

Die Lage in einzelnen Branchen des Pflege- und Gesundheitswesens

Bereits vergangene Woche hatten wir berichtet: Rems-murr-weit sind 1118 Beschäftigte in Medizin und Pflege ungeimpft. Wenn man davon ausgeht, dass in Altenheimen, Arztpraxen, Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern, Rettungsdiensten an Rems und Murr wohl mindestens 20.000, womöglich eher 30.000 Leute arbeiten, ist im Gesundheitswesen von einer Impfquote klar über 90 Prozent auszugehen.

Der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann (FDP) aus Kernen hat dazu nun beim Landesgesundheitsministerium noch eine genauere Aufschlüsselung angefordert. Sie offenbart unter anderem:

  • 310 Ungeimpfte gibt es in den hiesigen Krankenhäusern (also in den Rems-Murr-Kliniken mit etwa 3000 Beschäftigten, im Winnender Zentrum für Psychiatrie mit etwa 1000 Leuten und in der privaten Waiblinger Zentralklinik).
  • 233 Ungeimpfte gibt es in den rund 60 Pflegeheimen mit ihren insgesamt mehreren Tausend Beschäftigten.
  • 93 Ungeimpfte gibt es in den Arztpraxen – bei rund 500 Ärzten in freier Praxis mit mutmaßlich Tausenden von Angestellten im Rems-Murr-Kreis.

All das ist: wenig.

Jochen Haußmann, FDP, fordert: "Ermessensspielräume nutzen!"

Völlig entspannt ist Jochen Haußmann, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, dennoch nicht. Denn in der Pflege ist vielerorts die Personaldecke sowieso schon fadenscheinig dünn. Wenn nun noch weitere – und seien es nur wenige – Leute ausfallen, spitzt sich die Lage zu. Haußmann mahnt deshalb das Landesgesundheitsministerium, die „Beschäftigten ohne Impfnachweis“ so zu behandeln, „dass die Patienten keine Nachteile und die Kliniken keine Leistungseinschränkungen haben“. Mit anderen Worten: Wenn Personalnot droht, lieber die Ungeimpften weiterarbeiten lassen. „Das Gesundheitsamt muss die Ermessensspielräume großzügig nutzen.“

Genau danach aber sieht es momentan zumindest im Rems-Murr-Kreis sowieso aus. Bisher sind die Ungeimpften weiterhin im Einsatz – und so schnell wird sich daran wohl auch nichts ändern. Zurzeit nämlich werden sie erst mal angeschrieben und gebeten, Nachweise nachzureichen; danach folgen gegebenenfalls Einzelbefragungen; zu vorübergehenden Arbeitsverboten käme es wohl – wenn überhaupt – frühestens im Mai; und Ende 2022 läuft die Impfpflicht dann auch schon wieder aus.

Mittlerweile stellt sich die Frage, ob der gewaltige Arbeitsaufwand, den die Behörden für dieses Thema treiben müssen, überhaupt angemessen ist. Fürs Kreisgesundheitsamt Rems-Murr zum Beispiel heißt es jetzt: 1118 Briefe verschicken; danach – mal sehen, wie viele reagieren – 600, 800 oder 1000 Antworten sichten; denen, die sich nicht rühren, hinterhertelefonieren; dann womöglich Hunderte von Einzelanhörungen anberaumen; und jeweils auch mit den Arbeitgebern reden, ob Personalausfälle überhaupt verkraftbar wären ... Wahnsinn.

Wogegen die Impfung gut hilft - und wogegen nicht so gut

Dabei ist momentan gar nicht klar, ob die einrichtungsbezogene Impfpflicht mit Blick auf die Sicherheit in Gesundheitseinrichtungen überhaupt so furchtbar viel bringt. Denn eines muss man mittlerweile, unterm Omikron-Regiment, sehr deutlich sagen: Die Impfung verhindert schwere Krankheitsverläufe meistens; gegen die bloße Verbreitung des Virus hilft sie nicht gut (Näheres dazu unter anderem auch hier).

In der typischerweise werktätigen Bevölkerungsgruppe von 18 bis 59 Jahren sind deutschlandweit momentan etwa

  • 63 Prozent geboostert,
  • 21 Prozent immerhin doppelt, aber noch nicht dreifach geimpft und nur
  • 16 Prozent noch ungeimpft.

Zuletzt aber waren 53 Prozent aller Leute zwischen 18 und 59 Jahren, die in Deutschland auf der Covid-Intensivstation landeten, ungeimpft – auf die mit Abstand kleinste der drei Gruppen entfiel also mehr als die Hälfte der schweren Krankheitsfälle! Es ist dringend sinnvoll, sich impfen zu lassen, um sich selber zu schützen: So ist es, und dabei bleibt es.

Vollkommen anders indes sieht es bei einfachen Infektionen aus, die zwar mit Symptomen verbunden sind, aber keinen Krankenhausaufenthalt nötig machen – hier weist der aktuelle Bericht des Robert-Koch-Instituts für die Altersgruppe 18 bis 59 folgende Daten aus:

  • Auf die 16 Prozent Ungeimpften entfielen knapp 20 Prozent der Infektionen.
  • Auf die 21 Prozent doppelt Geimpften entfielen 21 Prozent der Infektionen.
  • Auf die 63 Prozent Geboosterten entfielen knapp 60 Prozent der Infektionen.

Geimpfte waren also gegen eine einfache, milde verlaufende Infektion nur noch ein bisschen besser geschützt als Ungeimpfte.

Daraus lässt sich folgern: Wenn es darum geht, Heime vor dem Eindringen des Virus zu behüten, ist die völlige Durchimpfung eines zu großen Teilen sowieso schon doppelt und dreifach versorgten Personals nur von begrenztem Wert – wichtiger dürften regelmäßige Antigen- und PCR-Tests sein.

Mit großem Pardauz ist die allgemeine Impfpflicht geplatzt – was aber die einrichtungsbezogene Impfpflicht betrifft, drängen sich auch ein paar Fragen auf: Was bringt sie überhaupt? Und ist es wirklich nötig, sie eisern durchzusetzen? Bemerkenswerte Zahlen aus dem Rems-Murr-Kreis und aus ganz Deutschland lassen einen ketzerischen Schluss nicht ganz abwegig erscheinen: Womöglich lohnt sich der ganze Riesenaufwand gar nicht so richtig.

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