Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis - spurlos verschwunden: Die Übersterblichkeit

Coronavirus
Das Coronavirus. © Pixabay

Wie tödlich hat die Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis wirklich gewütet? Wie war es um die berühmt-berüchtigte Übersterblichkeit bestellt, über die so oft und so leidenschaftlich diskutiert wurde? Daten des Statistischen Landesamtes offenbaren Verblüffendes und regen dazu an, den Verlauf der Pandemie in einem neuen Licht zu sehen.

Sind in der Krise im Vergleich zu früheren Zeiträumen insgesamt wirklich mehr Menschen ums Leben gekommen? Das ist eine wichtige Frage. Um sie zu beantworten, dürfen wir nicht nur die Covid-Toten, wir müssen alle Sterbefälle betrachten (wir haben uns damit schon mehrmals befasst, jeweils auf dem seinerzeit verfügbaren Stand, zum Beispiel hier und auch hier).

Da war sie noch da ... Rückblick auf die erste Welle

Blenden wir – bevor wir uns wirklich frappierenden Zahlen aus der jüngsten Vergangenheit zuwenden – zunächst etwas weiter zurück: zur ersten Welle. Sie erreichte ihren Höhepunkt, was die gemeldeten Corona-Toten betrifft, im April und Mai 2020. Das sind die Erkenntnisse für diese zwei Monate:

  • Todesfälle gesamt: 818
    592 von ihnen waren 75 und älter
    226 waren jünger als 75 Jahre
  • Davon Corona-Todesfälle: 81
  • Corona-Infektionen in dieser Zeit: 1006

Im noch coronafreien Mai und Juni 2019 hatte es drastisch anders ausgesehen:

  • Todesfälle gesamt: 690
    500 von ihnen waren 75 und älter
    190 waren jünger als 75 Jahre

Gegenüber dem Vorjahr schoss im Rems-Murr-Kreis die Übersterblichkeit während der ersten Welle – als wir alle noch keinerlei Impfschutz genossen – also nachgerade schockierend hoch.

Aber nun schauen wir ins Folgejahr: April und Mai 2021 ...

  • Todesfälle gesamt: 669
    483 von ihnen waren 75 und älter
    186 waren jünger als 75 Jahre
  • Davon Corona-Todesfälle: 40
  • Corona-Infektionen in dieser Zeit: 5471

Trotz einer immens hohen Zahl von Infektionen in der damals aufgischtenden dritten Welle konnte von Übersterblichkeit keine Rede mehr sein. Vielmehr liegen die 2021er-Daten sogar etwas unter denen von 2019!

Der immense Unterschied zwischen 2020 und 2021 ist leicht begründbar: Im Frühjahr 2021 waren die Altenheime im Kreis bereits nahezu vollständig durchgeimpft, und auch außerhalb der Heime recht viele Leute über 60 bereits per Vakzin gewappnet.

Zwar hat das Statistische Landesamt für April und Mai 2022 noch keine Rems-Murr-Daten vorgelegt – aber immerhin: Die für Januar und Februar 2022 sind verfügbar.

Wo ist sie hin? ... Der Anfang des Jahres 2022 unter der Lupe

Das sind die Daten für Januar/Februar 2022:

  • Todesfälle gesamt: 705
    522 von ihnen waren 75 und älter
    183 waren jünger als 75 Jahre
  • Davon Corona-Todesfälle: 39
  • Corona-Infektionen in dieser Zeit: 38.563

In diesem Zeitraum hat die enorme Omikron-Welle in Sachen Infektionszahlen alle bis dahin als traurig geltenden Ansteckungsrekorde pulverisiert. Aber hat dieses enthemmte Verbreitungsgeschehen zu einer Übersterblichkeit geführt? Schauen wir zum Vergleich auf Januar/Februar 2021 im Rems-Murr-Kreis:

  • Todesfälle gesamt: 705
    557 von ihnen waren 75 und älter
    148 waren jünger als 75 Jahre
  • Davon Corona-Todesfälle: 81
  • Corona-Infektionen in dieser Zeit: 2325

2022 gab es trotz exorbitant viel höherer Infektionszahlen keine Übersterblichkeit, gemessen an 2021. Der Befund ist für sich genommen schon erstaunlich genug (wenngleich unspektakulär im Vergleich zu dem, was wir sonst gleich noch sehen werden).

Zunächst müssen wir aber die Daten für 2021 etwas präzisieren: Im Januar gab es damals 422 Todesfälle – ein absolut nach oben herausstechender Wert; im Februar waren es hingegen nur 283 – deutlich unterdurchschnittlich. Erklärbar ist das leicht: Im Januar waren viele Covid-Todesfälle zu beklagen, es handelte sich um Menschen, die sich während der heftigen zweiten Infektionswelle im November und Dezember 2020 angesteckt hatten. Im Februar 2021 hingegen war die zweite Welle praktisch vorbei; sowohl, was Ansteckungen, als auch, was Todesfälle betrifft.

Ende des Exkurses. Jetzt wird es, wie versprochen, erst richtig interessant. Wir betrachten den coronafreien Zeitraum Januar/Februar 2020:

  • Todesfälle gesamt: 803
    600 von ihnen waren 75 und älter
    203 waren jünger als 75 Jahre

Oha. Und im Januar/Februar 2019?

  • Todesfälle gesamt: 772
    564 von ihnen waren 75 und älter
    208 waren jünger als 75 Jahre

Sprich: Im Vergleich zu 2019 und 2020 hatten wir im Rems-Murr-Kreis sowohl im Januar/Februar 2021 als auch im Januar/Februar 2022 Untersterblichkeit!

Die zwei Zeitfenster der Übersterblichkeit

Zusammengefasst: Es gab im Rems-Murr-Kreis zwar zwei Phasen gravierender, mutmaßlich coronabedingter Übersterblichkeit, nämlich sowohl während der ersten Welle im Frühjahr 2020 als auch während der zweiten, die sich im Herbst 2020 aufzutürmen begann und bis weit in den Januar 2021 nachwirkte – aber ab dem Moment, da die Impfkampagne Schwung gewann, war damit Schluss. Als Infektionsgeschehen ist die Corona-Krise bis heute immer noch im Gange – als Übersterblichkeitsgeschehen ist die Corona-Krise bereits seit Februar 2021 vorbei: Schon seit 16 Monaten gibt es in der Todesfallstatistik keinen coronabedingt vertieften Fußabdruck mehr. Die Impfung war der Game-Changer schlechthin.

Zwischen den Wellen war übrigens bereits 2020 keine Übersterblichkeit zu entdecken, das Phänomen zeigte sich bereits im impfstofflosen ersten Pandemiejahr nur zu Infektionsspitzenzeiten, wie Daten für die Monate Juni, Juli, August belegen:

  • 2019 (ohne Corona): 1003 Todesfälle
  • 2020 (mit Corona): 1008 Todesfälle
  • 2021 (mit Corona): 929 Todesfälle

Können wir aus all dem eine Prognose für den kommenden Herbst ableiten? Ja, zumindest ansatzweise.

Übersterblichkeit im Herbst 2022? Was dagegen spricht

Die Impfquote beträgt bei der sogenannten „Grundimmunisierung“ (zwei Dosen) bundesweit aktuell 76 Prozent. Man mag darüber streiten, ob das genügt oder nicht doch ein bisschen niedrig ist – die eigentliche Tücke lauert sowieso woanders.

Der Impfeffekt nämlich verbraucht sich mit der Zeit; deshalb wird es im Herbst entscheidend auf die Booster-Quote ankommen. Momentan haben erst 60 Prozent der deutschen Bevölkerung so eine Auffrischungsimpfung.

Wenn es dabei bleibt – und falls uns im Herbst auch noch eine gefährlichere Virusvariante als Omikron heimsuchen sollte – könnten wir tatsächlich doch noch einmal in schwere Nöte hineintaumeln. Falls aber bis zum Herbst genug Leute ihren Impfschutz erneuern, spricht sehr viel dafür, dass wir mit Übersterblichkeit genauso wenig zu rechnen haben wie derzeit.

Wie tödlich hat die Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis wirklich gewütet? Wie war es um die berühmt-berüchtigte Übersterblichkeit bestellt, über die so oft und so leidenschaftlich diskutiert wurde? Daten des Statistischen Landesamtes offenbaren Verblüffendes und regen dazu an, den Verlauf der Pandemie in einem neuen Licht zu sehen.

Sind in der Krise im Vergleich zu früheren Zeiträumen insgesamt wirklich mehr Menschen ums Leben gekommen? Das ist eine wichtige Frage. Um sie zu beantworten,

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