Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Todesfälle in Altenheimen häufen sich wieder - Mortalität bei Älteren beklemmend hoch

Mesner Siegfried Weishaar
Die Trauer um verstorbene Corona-Patienten gehört dieser Tage für immer mehr Angehörige zur existenziellen Realität. © ALEXANDRA PALMIZI

Vielleicht werde es in der zweiten Welle gründlicher als in der ersten gelingen, das Coronavirus aus den Altenheimen herauszuhalten – das war die Hoffnung; sie hat sich zerschlagen. Mit tödlichen Folgen. Auch wenn das Landratsamt sich mit Details zurückhält: Die Informationen zur Lage im Rems-Murr-Kreis sind beklemmend und geben Anlass zu großer Sorge.

Zunächst ein kalter Blick auf die Statistik - eine Auswertung der 162 Todesfälle nach Corona-Infektion, die im Kreis vom März bis zum 14. Dezember zu beklagen waren:

  • Altersgruppe 0 bis 50 Jahre: 3 Todesfälle bei 5237 diagnostizierten Infektionen. Die Sterbewahrscheinlichkeit nach Ansteckung ging für Menschen ohne Vorerkrankungen in dieser Gruppe bislang, rein statistisch betrachtet, gegen Null.
  • Altersgruppe 51 bis 60: 3 Todesfälle bei 1464 Infektionen. Die Mortalität liegt bei 0,2 Prozent. Das ist ein bereits bedenklich hoher Wert, er liegt weit über dem, was wir bei dieser Gruppe von der Grippe kennen (etwa 0,06 Prozent).
  • Altersgruppe 61 bis 70: 17 Todesfälle bei 712 Infektionen. Die Mortalität – 2,4 Prozent – ist bereits zehnmal so hoch wie bei der Altersgruppe 51 bis 60.
  • Altersgruppe 71 bis 80: 41 Todesfälle, 463 Infektionen. Mortalität: 8,8 Prozent.
  • Altersgruppe 81 bis 90: 77 Todesfälle, 448 Infektionen. Mortalität: 17,2 Prozent.
  • Altersgruppe 91 und älter: 21 Todesfälle, 145 Infektionen. Mortalität: 14,5 Prozent.

Ältere Menschen sind in bestürzend hohem Maße gefährdet – man kann das schlechterdings nicht kleinreden mit oft gehörten Argumenten wie: „Die wären ja sowieso bald gestorben.“ Abgesehen davon, dass der Einwand zynisch ist – er ist auch statistisch schlicht falsch. Aus zwei Gründen:

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt bei etwa 81 Jahren. 64 der Menschen, die im Rems-Murr-Kreis bislang nach Infektion starben (siehe Aufschlüsselung oben), gingen demnach statistisch betrachtet weit vor der Zeit. Aber ...
  • In Wahrheit waren es noch viel mehr - das offenbart die sogenannte weitere Lebenserwartung. Sie gibt an, auf wie viele zusätzliche Jahre ein Mensch, der bereits ein bestimmtes Alter erreicht und damit verschiedene Sterberisiken (Säuglingssterblichkeit, Unfälle und schwere Krankheiten in frühen Jahren) bereits überlebt hat, noch hoffen darf. In Deutschland blickt ein 80-jähriger Mann laut Statistik einer durchschnittlichen Erwartung von weiteren acht Jahren entgegen, wird im Schnitt also 88. Bei 80-jährigen Frauen geht die Statistik gar von weiteren zehn Jahren aus. Natürlich sterben viele auch früher - wer es indes tatsächlich geschafft hat, 85 zu werden, dessen Perspektiven verbessern sich noch weiter: 85-jährige Männer haben im Schnitt fünf, Frauen sechs weitere Jahre vor sich, sie haben also gute Chancen, 90 und älter zu werden. Der Tod nach Infektion verkürzt im Zweifel also eine Spanne von vielen Jahren zu wenigen Wochen.

Corona in den Altenheimen: Erste und zweite Welle im Vergleich

99 Todesfälle gab es während der ersten Welle und in den Monaten danach; 63 weitere sind seit Anfang Oktober zu beklagen. Blick zurück auf die erste Welle: Damals wurden Altenheime zu Brennpunkten.

Nach einer Auswertung unserer Zeitung Anfang September hatten von den 97 bis zu diesem Zeitpunkt verstorbenen Menschen 42 in Altenheimen gelebt. Statistisch betrachtet: etwa 43 Prozent. Betroffen waren elf von damals 61 Altenheimen.

Die Hoffnung war, dass es im Herbst nicht wieder so kommen würde. Dafür wurde viel getan. Die Kreisverwaltung hielt engen Kontakt zu den Heimen, um Schutzausrüstung und die Umsetzung von Corona-Schnelltests sicherzustellen. Die Heime seien eigentlich „vielfach gut aufgestellt“, ordnet Landrat Richard Sigel ein.

Leider findet das Virus seinen Weg auch durch engmaschige Schutznetze. Martina Keck vom Landratsamt teilt mit: „Die Lage ist in vielen Heimen angespannt. Von 65 Heimen, die es im Rems-Murr-Kreis derzeit gibt, waren beziehungsweise sind rund die Hälfte von der zweiten Welle betroffen“, haben also im Haus mit Infektionen zu kämpfen, „von wenigen Fällen bis hin zu Ausbrüchen.“ Das bedeutet: Etwa 30 bis 35 Heime konnten das Virus im Herbst nicht draußen halten. „Davon hatte rund ein Drittel Todesfälle zu beklagen.“ In mindestens zehn Heimen sind demnach auch im Herbst Menschen nach Corona-Infektion verstorben. „Insgesamt“, sagt Martina Keck, stehe „deutlich über die Hälfte“ der kreisweiten Corona-Todesfälle im Zusammenhang mit Heimen. Bei 162 Verstorbenen reden wir also von weit über 80.

Über einige Fälle haben wir in den vergangenen Wochen berichtet: Tote zu beklagen hatten unter anderem das Remshaldener AWO-Heim „An den Weinbergen“, das Pflegeheim des Alexanderstifts in Schnait und das Leutenbacher Haus Elim. Und leider besteht keine Hoffnung auf baldige Entwarnung. Allein vom 1. bis zum 14. Dezember wurden im Kreis rund 1800 Neu-Infektionen diagnostiziert. Da Betroffene ja nicht direkt nach der Ansteckung versterben, sondern erst nach oft wochenlangem Todeskampf, wird sich das ganze Ausmaß der Pandemie-Folgen erst bis Weihnachten oder Neujahr offenbaren.

Vielleicht werde es in der zweiten Welle gründlicher als in der ersten gelingen, das Coronavirus aus den Altenheimen herauszuhalten – das war die Hoffnung; sie hat sich zerschlagen. Mit tödlichen Folgen. Auch wenn das Landratsamt sich mit Details zurückhält: Die Informationen zur Lage im Rems-Murr-Kreis sind beklemmend und geben Anlass zu großer Sorge.

Zunächst ein kalter Blick auf die Statistik - eine Auswertung der 162 Todesfälle nach Corona-Infektion, die im Kreis vom März bis zum

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