Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Wie aussagekräftig ist die Inzidenz 179 wirklich? Ein Faktencheck

Feature Krankenhaus
Sollten wir lieber in die Intensivstation schauen als auf die Inzidenz? © Habermann

Mythos Inzidenz? Diese Zahl, sagen viele, sei doch gar nicht aussagekräftig, sie gaukle eine Dramatik vor, die real gar nicht bestehe. Richtig? Falsch? Eine Analyse am Beispiel des Rems-Murr-Kreises, die verblüffend eindeutige Ergebnisse liefert.

Corona: Die aktuelle Inzidenz im Wellen-Vergleich

Zunächst eine Bestandsaufnahme: Stand 15. April, liegt im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz (Zahl der Neu-Infektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage) bei 179. Der Wert ist gegenüber dem Vortag (191) und dem Frühjahrsrekord am 13. April (201) zwar leicht gefallen, bleibt aber weiter sehr hoch. Wenn die Kurve mal ein bisschen nach unten ausschlägt, lässt sich daraus noch lange keine Trendumkehr ableiten. 179: Wie dieser Wert einzuordnen ist, zeigt ein Vergleich mit Frühjahr und Herbst.

  • Der Gipfel der ersten Welle war am 3. April 2020 erreicht. Inzidenz: 84.
  • Die zweite Welle schaukelte sich zunächst bis zum 12. November auf eine Inzidenz von 191 auf.
  • Danach fiel der Wert leicht – um bald noch höher zu schießen. Die Gischtkrone: 15. Dezember, Inzidenz 243.

Wir liegen momentan etwa auf dem Niveau von Mitte November. Das ist äußerst besorgniserregend. Denn die hohen Novemberwerte führten mit Verzögerung, weil schwere Krankheitsverläufe sich oft lange hinzogen, im Dezember zu 89 Todesfällen.

Corona: "Wer viel testet, findet viel" - was ist davon zu halten?

Aber Moment. Lassen sich die Wellen wirklich vergleichen? Wer mehr testet, findet auch mehr – ist es nicht so?

Schauen wir genauer hin. Zur Gesamtzahl aller Tests, der positiven wie der negativen, im Rems-Murr-Kreis liegen uns zwar keine Daten vor, aber wir können uns mit der bundesweiten Statistik behelfen, die das Robert-Koch-Institut herausgibt.

  • Erste Welle, Kalenderwoche 14, vom 30. März bis zum 5. April: etwa 37 600 Positivbefunde bei rund 418 000 Tests. Trefferquote: 9 Prozent.
  • Zweite Welle, Kalenderwoche 51, 14. bis 20. Dezember: etwa 188 300 Positivbefunde bei rund 1,5 Millionen Tests. Trefferquote: gut 11 Prozent.

Ja, die erste Welle wirkte auch deshalb niedriger, weil damals weniger getestet wurde. Dennoch war die zweite Welle wuchtiger; die Trefferquote lag spürbar höher. Jetzt wird es aber erst spannend:

  • Dritte Welle, Kalenderwoche 14, 5. bis 11. April: knapp 139 000 Positivbefunde bei rund 1,15 Millionen Tests. Trefferquote: 12 Prozent.

Mit schockierender Klarheit offenbart sich: Derzeit werden nicht mehr PCR-Tests als im Dezember abgewickelt, sondern weniger! Die Wahrscheinlichkeit eines Positivbefundes aber ist höher. Die dritte Welle ist kein Trugbild, die dritte Welle ist real. Noch schwappt sie nicht ganz so hoch wie die zweite, aber es geht in die Richtung.

Corona: "Infiziert heißt doch nicht krank" - was ist davon zu halten?

Ein weiterer gängiger Einwand gegen die Inzidenz: Infiziert bedeute nicht unbedingt krank. Anstatt sich so auf die Ansteckungszahlen zu fixieren, solle man lieber die Belastungslage in den Kliniken anschauen.

Na gut, tun wird das. Die Rems-Murr-Kliniken versorgen aktuell 52 Covid-19-Patienten, davon werden 17 auf der Intensivstation versorgt und von diesen wiederum 15 beatmet. Der Druck ist damit etwas geringer als im Dezember, aber tendenziell bereits über dem Niveau vom November. Alles derzeit halb so wild? Unsinn.

Betrachten wir nun die Kliniken in ganz Baden-Württemberg ...

  • Rekord in der ersten Welle: 6. April 2020, 559 Menschen wegen Corona in den Intensivstationen.
  • Rekord in der zweiten Welle: 29. Dezember, 642 Intensivpatienten.
  • Momentan, Stand 15. April: 499 Menschen in Baden-Württemberg sind wegen Corona in intensivmedizinischer Behandlung. Zum Vergleich: Eine derart hohe Zahl wurde während der zweiten Welle im gesamten November niemals erreicht und erst am 10. Dezember überschritten.

Es ist also – Entschuldigung, aber manchmal hilft ein klares Wort – reiner Quatsch, zu behaupten, die Situation in unseren Kliniken sei momentan entspannt. Zumal weitere heikle Faktoren hinzukommen:

  • Das Klinikpersonal arbeitet seit vielen Monaten im Ausnahmezustand und ist zusehends erschöpft.
  • Wir haben den Gipfel der dritten Welle mutmaßlich noch gar nicht erreicht.

Wie viele Menschen werden sterben? Das ist unmöglich genau abzusehen. Eins lässt sich aber bereits jetzt sagen: Während im gesamten März 2021 im Rems-Murr-Kreis nur elf Menschen nach Corona-Infektion starben, waren es allein in der ersten Aprilhälfte weitere zehn. Die Kurve zeigt leider mit erschütternder Eindeutigkeit nach oben. Der Mai wird bedrückend werden.

Corona, ein Fazit: Die Inzidenz lügt nicht

Ja, es stimmt, die dritte Welle steht unter anderen Voraussetzungen als die zweite. Die größte Risikogruppe, alte Menschen in Altenheimen, ist im Rems-Murr-Kreis längst durchgeimpft. Gut! Die Virusmutante B.1.1.7 aber, die längst das Geschehen bestimmt, ist für alle Altersgruppen sowohl ansteckender als auch gefährlicher. Schlecht.

Fazit: Die verbreitete Kritik am Maßstab der Inzidenz ist unangebracht. Dieser Wert ist ein wichtiger Seismograf, er hilft uns, in die Zukunft zu blicken. Wenn eine Welle sich aufschaukelt, steigt immer zuerst die Inzidenz – erst Wochen danach laufen die Intensivbetten voll, die Todesfälle häufen sich. Wer aber mit Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens wartet, bis die hohe Inzidenz zu drastischen Folgen führt, hat den nötigen Zeitpunkt zum Handeln längst verpasst; und wird mit noch höheren Inzidenzen und noch viel mehr Todesfällen bestraft. Die derzeit im Rems-Murr-Kreis geltende nächtliche Ausgangssperre ist deshalb richtig und für Öffnungsträumereien momentan nicht die Zeit.

 

Mythos Inzidenz? Diese Zahl, sagen viele, sei doch gar nicht aussagekräftig, sie gaukle eine Dramatik vor, die real gar nicht bestehe. Richtig? Falsch? Eine Analyse am Beispiel des Rems-Murr-Kreises, die verblüffend eindeutige Ergebnisse liefert.

Corona: Die aktuelle Inzidenz im Wellen-Vergleich

Zunächst eine Bestandsaufnahme: Stand 15. April, liegt im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz (Zahl der Neu-Infektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage) bei 179.

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