Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Wie tödlich das Virus ist, was demnächst leider auf uns zukommt - und weshalb Querdenken Unsinn ist

Krankenhaus Schorndorf Einweihung interdisziplinaere Intensivstation
Blick in eine Intensivstation. © Habermann

144 Menschen sind bereits gestorben – worauf müssen wir uns im Rems-Murr-Kreis noch gefasst machen? Wie gefährlich ist Corona nach derzeitigem Stand? Eine leider düstere Prognose in fünf Schritten.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Warum der Kurs der Querdenker gefährlicher Unsinn ist

Es gehört zu den befremdlichsten Aspekten der Coronakrise, mit welcher Achtlosigkeit manche Leute über die Zahl der Todesopfer hinweggehen, als handle es sich um eine statistische Unerheblichkeit. Dabei ist eines doch längst klar: Wer Corona immer noch mit Grippe gleichsetzt, disqualifiziert sich für jedes vernünftige Gespräch. Laut einer fundierten Schätzung sterben weltweit jährlich zwischen 290 000 und 645 000 Menschen nach Influenza-Infektion – bei Corona werden bis Jahresende wohl 1,7 oder 1,8 Millionen Opfer zu beklagen sein; trotz verzweifelter Eindämmungsmaßnahmen rund um den Globus.

Was wäre geschehen, wenn die Welt nicht reagiert hätte? Eine Ahnung davon vermittelt die Lage in den Trump-USA: Im November ließen sich dort 15 Prozent aller Todesfälle auf eine Corona-Infektion zurückführen; und allein an den ersten zehn Dezembertagen starben dort weitere 25 000 Covid-Patienten.

Der Wissenschaftler Sucharit Bhakdi gilt vielen Corona-Zweiflern immer noch als seriöser Kronzeuge – er sagte am 3. Oktober in einem Interview: „Jetzt, nachdem die Epidemie definitiv vorbei ist“, könne man „retrospektiv Bilanz ziehen“ ... Das ist erschütternder Unsinn. Seither ist binnen 70 Tagen weltweit mehr als eine halbe Million Menschen nach Infektion verstorben.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Warum uns absehbar noch Schlimmes bevorsteht

Eines sollten wir uns klarmachen: Zunächst steigt nur die Zahl der Infektionen – und dann erst, mit wochenlanger Verzögerung, die Zahl der Todesfälle. Denn Menschen, die so schwer erkranken, dass sie schließlich sterben, erliegen dem Virus im Schnitt etwa drei Wochen nach Auftreten der ersten Symptome.

Das bedeutet: Selbst, wenn es ab morgen keine einzige Ansteckung mehr gäbe, müssten wir in den nächsten Wochen mit vielen Todesfällen rechnen – und gerade um die Weihnachts- und Neujahrszeit steht eine Häufung zu befürchten. Denn mehr als 1600 Neu-Infektionen wurden im Rems-Murr-Kreis in den 14 Tagen zwischen dem 27. November und dem 10. Dezember diagnostiziert. Ein Ende der zweiten Welle aber ist noch nicht absehbar.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Was der Vergleich der ersten mit der zweiten Welle zeigt

Vergleichen wir die zweite Welle im Rems-Murr-Kreis mit der ersten:

  • Die zweite Welle begann am 5. Oktober
    (ab da stiegen die Infektionszahlen steil).
    Die Zwischenbilanz für die 68 Tage danach bis zum 11. Dezember:
    5785 Neu-Infektionen – 45 Todesfälle.
  • Die erste Welle begann am 3. März
    (erste Infektionsdiagnose in Rudersberg).
    Die Zwischenbilanz für die 68 Tage danach bis zum 9. Mai:
    1463 Infektionen – 75 Todesfälle.

Dreierlei fällt daran auf.

  • Es gibt im Herbst viel mehr offizielle Infektionsdiagnosen als im Frühjahr.
    Allerdings wirkt hier eine statistische Verzerrung; mittlerweile wird viel mehr getestet, weshalb oft auch symptom- oder harmlos verlaufende Fälle entdeckt werden, die im Frühjahr unterm Radar flogen. Anfang April gab es in Deutschland rund 400 000 Coronatests pro Woche, Ende November 1,3 Millionen – die Quote der Positivbefunde aber betrug Anfang April wie Ende November neun Prozent. Allerdings: Mittlerweile ist auch dieser Wert auf Rekordniveau geklettert. In der Woche vom 30. November bis zum 6. Dezember lag er deutschlandweit erstmals seit Pandemiebeginn über 10 Prozent.
  • Die gute Nachricht: Es gibt im Rems-Murr-Kreis in der zweiten Welle bislang weit weniger Todesfälle als in der ersten.
    Der Kreis unterscheidet sich da deutlich vom bundesweiten Trend. Auf dem Gipfel der ersten Welle nämlich starben in Deutschland selten mehr als 300 Menschen pro Tag – im Herbst sind täglich oft mehr als 400 Tote zu beklagen (und am 10. Dezember waren es gar 604). Woran liegt es, dass der Rems-Murr-Kreis derzeit vergleichsweise gut dasteht? Wir wissen es nicht. Es kann damit zu tun haben, dass im Frühjahr das Virus sehr schnell sehr wuchtig in mehrere Altenheime eindrang; mit schrecklichen Folgen. Derart drastische Eskalationen an einzelnen Schauplätzen gab es bei uns im Herbst – zumindest bislang – noch nicht.
  • Die schlechte Nachricht: Die zweite Welle walzt mit Dauerwucht dahin.
    Die erste Welle brach sich bereits nach etwa fünf Wochen und ebbte ab Mitte April schnell ab. Anders die zweite: Nachdem die Infektionszahlen ab dem 5. Oktober vier Wochen lang steil gestiegen waren, lagen sie von Anfang November bis Anfang Dezember recht konstant auf beklemmend hohem Niveau – und schrauben sich seither auf neue Rekordgipfel. Es ist, als reite auf dem Kamm der zweiten Welle eine dritte.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Was ein näherer Blick auf die Sterbezahlen befürchten lässt

Nachdem im Landkreis während der ersten beiden Pandemie-Monate bis Anfang Mai 75 Menschen verstorben waren, kamen danach in den rund fünf infektionsarmen Monaten bis Anfang Oktober nur 24 weitere Todesfälle hinzu.

Die zweite Welle entwickelt sich ganz anders: Nachdem zwischen dem 5. Oktober und dem 30. November – binnen knapp zwei Monaten also – 27 Menschen verstorben waren, ließen allein an den ersten elf Dezembertagen 18 weitere Corona-Patienten ihr Leben.

Mit anderen Worten: Die tödliche Wucht der zweiten Welle beginnt sich gerade erst zu entfalten. Und die Lage in den Rems-Murr-Kliniken macht zusätzlich Sorge: 22 Menschen werden derzeit dort intensivmedizinisch behandelt, zehn von ihnen müssen beatmet werden. Uns stehen bedrückende Wochen bevor.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Wie gefährlich das Virus wirklich ist

Im Rems-Murr-Kreis sind bislang gut 1,7 Prozent der offiziell Infizierten verstorben; das entspricht etwa der deutschlandweiten Quote. In Wahrheit sind 1,7 Prozent Mortalität aber wohl nicht realistisch. Denn in die aktuelle Rechnung fließen ja auch die Werte aus der ersten Welle ein, als aufgrund geringer Testkapazitäten harmlos verlaufende Ansteckungen oft nicht bemerkt wurden.

  • Betrachten wir zunächst isoliert die erste Welle im Kreis: In den ersten 68 Tagen bis zum 9. Mai starben 75 von 1463 positiv Diagnostizierten - das wären gut fünf Prozent; und wenn man bedenkt, dass aufgrund des etwa dreiwöchigen Verzögerungseffektes auch die weiteren 14 Todesfälle bis zum 29. Mai mit einberechnet werden müssen, stiege die Quote gar auf über sechs Prozent. Dieses Bild aber ist, wie gesagt, schief.
  • Ganz anders der Befund für die ersten 68 Tage der zweiten Welle: 5785 Infektionen, 45 Todesfälle – daraus errechnet sich eine Mortalität von knapp 0,8 Prozent. Man wird aber auch hier die absehbaren Todesfälle bis Jahresende hinzuzählen müssen; und dürfte dann bei einer Quote von mindestens 1,0 Prozent landen. Da es indes nach wie vor unentdeckte Infektionen gibt – allerdings weit weniger als im Frühjahr –, könnte die Mortalität de facto zwar doch etwas geringer sein; sie ist aber sicher um ein Vielfaches höher als bei der Grippe. Da gehen verschiedene Studien von 0,05 bis 0,2 Prozent aus.

144 Menschen sind bereits gestorben – worauf müssen wir uns im Rems-Murr-Kreis noch gefasst machen? Wie gefährlich ist Corona nach derzeitigem Stand? Eine leider düstere Prognose in fünf Schritten.

Corona im Rems-Murr-Kreis: Warum der Kurs der Querdenker gefährlicher Unsinn ist

Es gehört zu den befremdlichsten Aspekten der Coronakrise, mit welcher Achtlosigkeit manche Leute über die Zahl der Todesopfer hinweggehen, als handle es sich um eine statistische

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper