Rems-Murr-Kreis

Corona-Impfpflicht: Ja oder nein? Stimmen aus dem Rems-Murr-Kreis

Kärcher Impft
Die Ferienzeit hat begonnen und die Impfquoten steigen nur noch langsam, obwohl es keinen Impfstoffmangel mehr gibt. Im Rems-Murr-Kreis mit seinen rund 430.000 Einwohnern waren laut Angaben des Landessozialministeriums mit Datenstand vom 25. Juli nur 54 Prozent einmal und 46,2 Prozent zweimal gegen Corona geimpft. © Benjamin Büttner

„Sind Sie gegen Corona geimpft?“ Eine solche Frage in einem Vorstellungsgespräch für einen Job oder einem bereits Beschäftigten gegenüber wäre unzulässig und übergriffig. Genauso wie die Frage nach der sexuellen Orientierung oder „Wann planen Sie, schwanger zu werden?“ bei einer Frau. „Es kann natürlich sein, dass sie einem mal rausrutscht, aber der Bewerber, die Bewerberin, der Beschäftigte muss darauf nicht antworten“, sagt Claus Paal, Unternehmer und Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr.

Claus Paal: „Selbstverantwortung und Freiwilligkeit sind das Mittel der Wahl“

„Einer Impfpflicht gegenüber bin ich eher skeptisch eingestellt“, sagt Paal. „Das ist aber meine persönliche Meinung, wir haben jetzt diesbezüglich bei unseren Mitgliedsunternehmen kein Meinungsbild abgefragt.“ Freiwilligkeit und Selbstverantwortung sollten in „unserer Gesellschaft“ immer das Mittel der Wahl sein und bleiben. „Das macht unsere freiheitliche demokratische Grundordnung aus und hat doch bislang auch immer gut funktioniert.“

Die IHK werde aber freilich weiterhin Appelle zum Impfen, niederschwellige Impfangebote und Informationskampagnen unterstützen. Verweigerer, Skeptiker und Zögerer hätten alle ihre ganz eigenen Gründe, die teilweise auch verständlich seien. „Da muss halt weiterhin noch viel Aufklärung geleistet werden.“

Infektionsquote bei Geimpften liegt im Rems-Murr-Kreis bei 0,024 Prozent

Claus Paal ist allerdings sehr wohl dafür, dass Geimpfte wieder mehr können und dürfen sollen als Ungeimpfte, die sich impfen lassen könnten. Es herrsche ja kein Mangel an Impfstoffen mehr. „Man erwirbt durch die Corona-Impfung quasi eine Berechtigung, wieder mehr Freiheiten genießen zu dürfen, weil man sich und andere vor einer Corona-Infektion schützt, für die Gesellschaft eine Verantwortung übernimmt. Autofahren darf ja auch nur jemand, der einen Führerschein gemacht hat“, sagt Paal.

Impfdurchbrüche, also Covid-19-Erkrankungen bei Geimpften, hielten sich in Grenzen, so Paal. Juliane Jastram von der Pressestelle des Landratsamts bestätigt: Bei 197 220 vollständig Geimpften aus dem Rems-Murr-Kreis (Stand 25. Juli) liege die Quote der bekannt gewordenen Impfdurchbrüche bei 0,024 Prozent.

„Zumal nach bisherigen medizinischen und statistischen Erkenntnissen selbst bei den Impfdurchbrüchen schwere Krankheitsverläufe nicht mehr auftreten“, sagt Paal. Langwierige Krankenhausaufenthalte und Überbelastungen des Gesundheitssystems würden durch die Impfung verhindert.

Jens Steinat: „Im Falle einer vierten Welle wäre eine Impfpflicht legitim“

„Grundsätzlich wäre es zu begrüßen, die Impfbereitschaft durch weitere Aufklärung zu erhöhen. Auch niedrigschwellige Impfangebote können helfen“, sagt auch Dr. Jens A. Steinat, Pandemiebeauftragter des Rems-Murr-Kreises.

„Ich bin generell kein Freund von gesetzlicher Überregulierung. Allerdings brauchen wir für Gruppen, die bisher nicht geimpft werden können (Kinder unter zwölf Jahren) und Risikogruppen, die einen nur geringeren Impfschutz haben könnten – zum Beispiel aufgrund einer Chemotherapie oder Krebserkrankung –, einen Schutz“, sagt Dr. Jens A. Steinat.

Sollte die Impfquote nicht steigen und eine vierte Welle die Gesundheit vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger gefährden und zudem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weiter einschränken, fände er eine Impfpflicht jedoch legitim. „So wie bei der Pflicht zur Masernimpfung für bestimmte Gruppen“, sagt Dr. Steinat.

Thorsten Ade: „Bis zu sieben Millionen Vorerkrankte sind noch schutzlos“

„Impfen ist aus medizinischer Sicht unverzichtbar. Wir haben derzeit noch drei bis sieben Millionen vorerkrankte Menschen in Deutschland, die keinerlei Impfschutz haben und der Delta-Variante schutzlos ausgeliefert sind. Es liegt daher in unserer aller Verantwortung, diese Bevölkerungsgruppe zu schützen“, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme des Rems-Murr-Klinikums Winnenden und Klinikhygieniker.

„Wir unterstützen daher alle Maßnahmen, die den Menschen einen einfachen Zugang zur Impfung ermöglichen. Insbesondere wenn man sich die Inzidenzzahlen aus den Nachbarländern anschaut, können wir gar nicht schnell genug impfen. Aus diesem Grund unterstützen die Rems-Murr-Kliniken auch die Kampagne des Landes Baden-Württemberg #dranbleibenBW mit einem Youtube-Video (https://youtu.be/qHz54xA2X-Q)“, sagt Dr. Ade.

Die Frage nach einer Impfpflicht indes sei eine politische Frage und müsse von der Politik beantwortet werden, so Ade.

Richard Sigel: „Hohe Impfquote hat nach wie vor Priorität“

Landrat Dr. Richard Sigel sagt, er sei kein Befürworter einer allgemeinen Impfpflicht. „Die Impfung sollte eine freie Entscheidung bleiben, aber wir sollten Anreize schaffen, die es attraktiv machen, geimpft zu sein. Dazu könnte zum Beispiel gehören, dass für ungeimpfte Personen weiterhin die Testpflicht oder weitere Auflagen gelten.“ Die Impfung sei bislang das beste Mittel gegen die Corona-Pandemie, und eine möglichst hohe Impfquote habe daher nach wie vor Priorität, so Sigel.

„Sind Sie gegen Corona geimpft?“ Eine solche Frage in einem Vorstellungsgespräch für einen Job oder einem bereits Beschäftigten gegenüber wäre unzulässig und übergriffig. Genauso wie die Frage nach der sexuellen Orientierung oder „Wann planen Sie, schwanger zu werden?“ bei einer Frau. „Es kann natürlich sein, dass sie einem mal rausrutscht, aber der Bewerber, die Bewerberin, der Beschäftigte muss darauf nicht antworten“, sagt Claus Paal, Unternehmer und Präsident der IHK-Bezirkskammer

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