Rems-Murr-Kreis

Corona-Impfung - ein Sozialdrama: Deutliche Kritik von Wolfgang Sartorius, Erlacher Höhe

obdachlose
Menschen, die in prekären sozialen Verhältnissen leben, werden von der Corona-Impfkampagne kaum erreicht. © pixabay/ales_kartal

Die Impfkampagne gegen Corona verläuft nicht sozial ausgewogen. Ganz im Gegenteil. Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe, einem Sozialunternehmen der Diakonie, das sich schwerpunktmäßig um wohnungslose Menschen kümmert, äußert nun deutliche Kritik. Festgehalten werden aber kann: Der Rems-Murr-Kreis war mit gezielten Impfaktionen deutlich früher dran als das Land insgesamt.

Doch was genau ist los? Schließlich sind Menschen ohne Obdach doch schon Ende Februar in die Priorisierungsgruppe 2 eingeordnet worden und waren damit impfberechtigt – weit vor vielen anderen. Mit einem solchen verwalterischen Akt ist das Problem aber nun mal nicht behoben.

Beim Impfgipfel am 16. April – ein gutes Jahr nach Beginn der Corona-Krise und fast ein halbes Jahr nach Beginn der Impfungen – wurde es offiziell ausgesprochen: Menschen mit geringem Einkommen, die in engen Wohnverhältnissen leben, in Berufen arbeiten, die Home-Office unmöglich machen, Menschen, die womöglich ganz aus dem üblichen sozialen Leben fallen, infizieren sich viel häufiger mit Corona und sind viel seltener dagegen geimpft.

Der Rems-Murr-Kreis impfte schon weit vor der Landesinitiative

Am 17. Mai – ein Monat nach dem Impfgipfel – teilte das Sozialministerium mit, dass seit jener Woche Impfteams der Zentralen Impfzentren gezielt „sozial schwache Stadtteile“ aufsuchten, und zwar in Mannheim, Pforzheim und Tuttlingen. Es geht in diesen Fällen vor allem um Menschen mit geringen Einkommen und um Menschen mit Migrationshintergrund. Von Menschen, die in noch größeren sozialen Nöten leben, war in diesem Zusammenhang nicht die Rede, Ministerialdirektor Uwe Lahl hatte aber in einem Gespräch am 6. Mai auf die die Gruppe der Obdachlosen hingewiesen.

Der Rems-Murr-Kreis war diesbezüglich bis dahin schon längst aktiv: Auf Betreiben des Landratsamtes war das mobile Impfteam des Robert-Bosch-Krankenhauses „überall dort, wo Menschen in Heimen wohnen“. Aufgesucht wurden sowohl Asylsuchende als auch Obdachlose. Geimpft wurde in Waiblingen, in Backnang, Plüderhausen, Rudersberg und Korb. Weitere Impftouren sollen bis Ende Mai folgen.

Die ersten Impfungen in Großerlach waren am 4. Februar - das Land schickt seit Mitte Mai Impfteams in sozial schwache Stadtteile

Auch in Großerlach wurde geimpft: Am 4. Februar schon bekamen Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims Erlacher Höhe und Menschen der stationären Wohnungslosenhilfe ihre erste Impfung, die zweite folgte drei Wochen später. Bis Ende April wurden an insgesamt sieben Impftagen immerhin fast 75 Prozent der Menschen dort zweimal geimpft.

Auch vier beispielhaft herangezogene Kreisstädte widmen sich dem Thema. Und stoßen auf Probleme. Insgesamt rund 100 Menschen betreuen Winnenden, Schorndorf und Weinstadt. Waiblingen kann die Zahl nicht beziffern. Ins Waiblinger Marienheim, in dem sowohl obdachlose Menschen als auch Asylsuchende leben, kam Anfang Mai der Impftruck im Auftrag des Landratsamts. Alle die dort leben, wurden geimpft, teilt Oberbürgermeister Andreas Hesky mit. In die Gemeinschaftsunterkunft im Weinstädter Heuweg soll in nächster Zukunft das mobile Impfteam anrücken.

Doch in Weinstadt stellt man nach einer Abfrage fest: „dass die Impfbereitschaft unter den eingewiesenen Obdachlosen leider recht gering war.“

Von einem vergleichbaren Problem, verstärkt noch bei jenen Menschen, die nicht in Gemeinschaftsunterkünften leben, sondern dezentral untergebracht sind, berichtet auch Andreas Hesky. Er formuliert vorsichtig: „Wie und ob es gelingen kann, diese dezentral untergebrachten Personen zur Impfung zu bewegen, wird sich zeigen.“

Impfberechtigung: Obdachlose sind oft nicht in der Lage, diese Möglichkeit wahrzunehmen

Zu dezentral, also in Wohnungen oder Zimmern untergebrachten Menschen, kommen keine Impfteams. Die Organisation wäre, so das Landratsamt, „schwierig“. So wird auch in Winnenden bislang kein mobiles Impfteam gewünscht. Die Menschen erhalten Impfberechtigungen und können sich bei Ärzten anmelden. Die Stadt biete dabei Unterstützung an. Auch Schorndorf erklärt, Betroffene würden „persönlich und auch schriftlich“ angesprochen. Außerdem organisiere die Stadt aktuell Impfaktionen mit dem Landkreis.

Das von Waiblingen und Weinstadt benannte Problem rückt der Vorstand der Erlacher Höhe Wolfgang Sartorius in den Fokus einer deutlichen Kritik: Ihm sei berichtet worden, dass Menschen, die in Unterbringungen von einigen Kommunen im Land lebten – welche, führt er nicht weiter aus – dort sowohl in Sachen Testungen als auch hinsichtlich der Impfangebote sich selbst überlassen würden. Doch die betroffenen Menschen könnten häufig nur eingeschränkt eigenverantwortlich handeln. Sie seien oft nicht in der Lage dazu, Tests oder Impfungen selbst zu organisieren und dorthin zu gelangen. Im Fall einer Infektion seien diese Menschen selten in der Lage, Kontakte nachvollziehbar zu dokumentieren.

Um Projekte zu stemmen, braucht es Impfstoff

Im Rems-Murr-Kreis will man dem entgegenwirken. Doch für alle diese „Sonderaktionen“ – man plant beispielsweise gerade auch, mit Impfteams in Integrationsklassen zu gehen, um die Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erreichen – brauche man „definitiv Impfstoff, der obendrauf kommt“, heißt es aus dem Landratsamt. Dieser aber fehlt wieder. „Die Lieferzusagen sind derzeit wieder sehr mau.“

Die Impfkampagne gegen Corona verläuft nicht sozial ausgewogen. Ganz im Gegenteil. Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe, einem Sozialunternehmen der Diakonie, das sich schwerpunktmäßig um wohnungslose Menschen kümmert, äußert nun deutliche Kritik. Festgehalten werden aber kann: Der Rems-Murr-Kreis war mit gezielten Impfaktionen deutlich früher dran als das Land insgesamt.

Doch was genau ist los? Schließlich sind Menschen ohne Obdach doch schon Ende Februar in die

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