Rems-Murr-Kreis

Corona-Impfung? Ja, unbedingt! Dr. Jens Steinat rät glühend zu - und warnt vor der dritten Welle im Rems-Murr-Kreis

Covid Impfung
Ein Arzt bereitet eine Spritze mit Corona-Impstoff vor (Symbolfoto). © Gabriel Habermann

Diese Impfung ist „ein Geschenk“, das „von vielen viel zu wenig geschätzt wird“ – zumal uns eine „dritte Welle“ droht: ein Gespräch mit Dr. Jens Steinat, dem Pandemie-Beauftragten des Rems-Murr-Kreises, über seine höchsten Hoffnungen und tiefsten Sorgen in der aktuellen Corona-Situation.

Corona, Frage 1: Sollte man sich impfen lassen?

Jens Steinats Ja zur Corona-Impfung ist mehr als eindeutig, es ist nachgerade glühend: Er sei „dankbar“, er sei „glücklich, dass es diese Möglichkeit gibt“, er verbinde „große Hoffnungen“ damit.

Corona, Frage 2: Warum soll man sich impfen lassen?

Steinat ist 43 Jahre alt. „In meinem Alter habe ich keine Sorgen“, nach Corona-Infektion zu sterben, vom Tode bedroht sind vor allem die Alten. Aber: Auch bei Jüngeren beobachtet der Arzt „zum Teil schwerwiegende Folgen, von denen wir nicht wissen, ob sie überhaupt reversibel sind“. Das Virus kann auch andere Organe als die Lunge angreifen, vom Herz bis zur Bauchspeicheldrüse. Und verzögert einsetzende Beschwerden träten manchmal sogar bei Leuten auf, die eine Ansteckung zunächst symptomlos überstanden haben. Insofern „gibt es eigentlich gar keine Überlegung, ob ja oder nein“ – Steinat sieht „klar die Notwendigkeit, sich impfen zu lassen“.

Corona, Frage 3: Aber ist der Impfstoff nicht gefährlich?

„Ich bin kein Freund der sozialen Netzwerke“, sagt Steinat, „ganz viele Dinge gehen da viral, die in keinster Weise wissenschaftlich zutreffend sind“; zum Beispiel die Mär vom Impfstoff, der das Erbgut verändere.

Bei einer herkömmlichen Impfung verpasst man dem Menschen eine geringe Menge des Erregers; das Immunsystem wird quasi darauf abgerichtet, ihn zu erkennen und zu bekämpfen.

Auch bei der Corona-Impfung von Biontech/Pfizer wird die körpereigene Immun-Antwort stimuliert, aber auf andere Art: Der Impfling bekommt keine Mini-Dosis vom Corona-Virus injiziert, sondern via Boten-Ribonukleinsäure (auf Englisch abgekürzt: mRNA) nur den Bauplan eines bestimmten Coronavirusmerkmals, nämlich des Spike-Proteins. Der Körper kann dieses Protein nun selber herstellen – und eine Reaktion darauf trainieren.

Dieses Wirkprinzip sei für einen Arzt „nachvollziehbar“ und „verständlich“, sagt Steinat; es bestehe „biochemisch keine Sorge“, dass derlei das menschliche Erbgut verändern kann.

Aber werden Frauen unfruchtbar? Dass Leute solch einen Unsinn verbreiten, seufzt Steinat, „erlebe ich leider auch“.

Corona, Frage 4: Passt die Impfstrategie?

Steinat will nicht nörgeln. „Egal, was man macht, man kann es gar nicht richtig machen.“ Dass der Impfstoff in der Startphase knapp sein würde, war „absehbar“, da nun mal „die ganze Welt ihn will“.

Ein „bisschen unglücklich“ ist Steinat allerdings über einen Aspekt der Impfstrategie: Dass der „Schutz der Älteren“, bei denen das Sterberisiko am höchsten ist, erste Priorität hat, sei zwar vollkommen richtig – aber „man muss nachbessern bei der Impfung der systemrelevanten Berufsgruppen“, vor allem des medizinischen und pflegerischen Personals. Da geht es Steinat momentan zu langsam und ungeordnet voran.

Corona, Frage 5: Warum Ärzte und Pfleger zuerst?

Die Hausärzte im Rems-Murr-Kreis seien bisher dank „massiver Hygienemaßnahmen“ gut durch die Krise gekommen, es habe „ganz wenige Ausfälle und Praxisschließungen“ gegeben. Steinat selber hat mittlerweile „mindestens 140 Covid-Patienten“ in seiner Praxis und in diversen Pflegeheimen betreut – „ich hab mich nicht infiziert“ und auch „keinerlei Infektion beim Personal“. Aber: Wenn sich die hochansteckenden Virus-Mutanten aus Großbritannien oder Südafrika auch bei uns breitmachen und eine „dritte Welle“ auslösen, könnte die „medizinische Versorgung“ – ambulant und in den Kliniken – doch noch teilweise „zum Erliegen“ kommen.

Corona, Frage 6: Bekommen wir eine dritte Welle?

„Wir werden leider die Ausbreitung der Mutationen nicht verhindern können“, da ist sich Steinat sicher; unklar ist, wie stark sie Fuß fassen. „Meine Sorge“ ist, dass dann „medizinisches Personal viel massiver infiziert wird“ als bisher. Damit „wäre die Infrastruktur schon gefährdet“, sowohl in den Intensivstationen als auch in den Praxen. Im nördlichen Rems-Murr-Kreis sei die hausärztliche Versorgung sowieso nicht üppig. Wenn auch nur „ein bis zwei Praxen ausfallen“, wäre das deutlich spürbar. Drei oder vier? „Nicht mehr kompensierbar.“

Corona, Frage 7: Warum sind die Praxen bisher gut durch die Krise gekommen?

Die allgemeine Antwort lautet: Hygiene. Die konkrete besteht aus drei Buchstaben und einer Ziffer: FFP2. Viele Praxen haben „frühzeitig mit FFP2-Masken gearbeitet“ – das sei zwar „sehr aufwendig“, habe sich aber ausgezahlt.

Dieser Maskentyp „bietet sehr, sehr hohen Schutz“.

Corona, Frage 8: Wie werden die nächsten Wochen?

Auch wenn er gewisse „Zweifel“ hegt – Steinat hofft, dass das Impfzentrum in der Waiblinger Rundsporthalle irgendwann „Vollauslastung“ erreicht, sprich, 800 Leute pro Tag impfen kann. Wenn obendrein demnächst ein zweiter Impfstoff ins Spiel kommt, der nicht bei minus 70 Grad gelagert werden muss, könnten die Arztpraxen dezentral mit einsteigen, dadurch würde alles noch „viel schneller und kostengünstiger“ vorangehen. Vielleicht läuft es mit dem Impfstoff ja „wie bei der Schutzausrüstung“: Ihr Fehlen war im März und April ein Riesenthema, aber schon ab Mai redete kaum jemand mehr darüber; längst hat sich das Problem erledigt.

Das wäre „das schönste und beste Szenario“. Fürs Erste aber gilt es schlicht, „die nächsten Wochen durchzustehen“: in der Hoffnung, dass die Mutanten sich mit ihrer Ankunft Zeit lassen.

Diese Impfung ist „ein Geschenk“, das „von vielen viel zu wenig geschätzt wird“ – zumal uns eine „dritte Welle“ droht: ein Gespräch mit Dr. Jens Steinat, dem Pandemie-Beauftragten des Rems-Murr-Kreises, über seine höchsten Hoffnungen und tiefsten Sorgen in der aktuellen Corona-Situation.

Corona, Frage 1: Sollte man sich impfen lassen?

Jens Steinats Ja zur Corona-Impfung ist mehr als eindeutig, es ist nachgerade glühend: Er sei „dankbar“, er sei „glücklich, dass

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