Rems-Murr-Kreis

Corona-Impfungen: Gründe für die Überlastung der Terminvergabe, wie viele auf der Warteliste stehen, warum Termine an der Liste vorbei weiter möglich bleiben

StollsteimerImpfung
Walter Stollsteimer aus Schwaikheim ist 87 Jahre alt und schwer krank. Sein Immunsystem ist schwach und er müsste dringend gegen Corona geimpft werden. Doch er hängt in der Warteliste fest. © Gaby Schneider

60- bis 70-mal mindestens, sagt Walter Stollsteimer, habe er die Nummer 116 117 angerufen. Seit Anfang des Jahres hängt er an der Strippe. Seit über diese Nummer Termine für die Impfungen gegen das Coronavirus vergeben werden. Vergeben werden sollen. Walter Stollsteimer hat noch keinen. Dabei ist er 87 Jahre alt, zählt also ganz ohne Frage zu den Menschen, deren Schutz oberste Priorität hat. Hinzu kommt, dass der Schwaikheimer schwer krank ist. In Folge dieser Erkrankung ist auch sein Immunsystem so geschwächt, dass eine Infektion ihn überrollen würde.

Sein Hausarzt knirscht längst mit den Zähnen. Doch es hilft nichts: Ganz abgesehen davon, dass in den Praxen des Kreises noch längst nicht geimpft werden darf, wäre der Impfstoff, der dann verimpft wird, wenn endlich so dezentral und patientenfreundlich gearbeitet werden kann, der falsche. Walter Stollsteimer muss, so ist zumindest der Stand bislang, Biontech verabreicht bekommen. Er kommt um ein Impfzentrum nicht herum.

Der fromme Wunsch am Ende der Ansage: Bleiben Sie gesund

Seine Versuche, in ein solches den Fuß zu bekommen, führten ihn telefonisch bis in Call-Center irgendwo in Norddeutschland. Oder brachten ihm immer wieder die gleiche Bandansage zu Gehör: Leitungen belegt, bitte später anrufen, bitte am nächsten Tag anrufen, leider keine Termine mehr zu bekommen. Der fromme Wunsch am Ende der Ansage lautete stets: Bleiben Sie gesund.

Irgendwann später, das Waiblinger Impfzentrum hatte seine Arbeit aufgenommen, bekam Walter Stollsteimer endlich jemanden ans Telefon, der ihm einen Schritt weiterhelfen konnte. Es gab jetzt eine Warteliste. Er durfte seine Daten angeben. Dann wollte er wissen: Wie werde ich informiert. „Wahrscheinlich rufen wir Sie an“, sagt er, wurde ihm gesagt. Und das würde ungefähr drei bis sechs Wochen dauern. Und er müsse halt daheim sein, wenn der Anruf komme. Drei bis sechs Wochen lang daheim am Telefon festkleben, weil vielleicht ein Anruf kommt? Das ist für jeden eine Zumutung, doch für Walter Stollsteimer unmöglich. Denn er muss regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen zum Arzt und auch ins Krankenhaus nach Stuttgart. „Wenn die mich jetzt nicht erreichen“, so fürchtet er, „habe ich wieder Pech gehabt“. Doch genauere Infos bekommt er nicht. Bei der 116 117 ist wieder kein Durchkommen mehr.

Wütende Anrufe und E-Mails

Walter Stollsteimer ist mit diesem Problem nicht allein. Täglich kommen in der Redaktion verzweifelte, entnervte, wütende Anrufe oder E-Mails an. Alle, die sich melden, sind über 80 oder Risikopatienten. Alle bekommen sie keinen Impftermin, stehen seit Wochen auf der Warteliste, ohne dass sich irgendetwas tut. Inzwischen wird gemutmaßt, dass bei der Terminvergabe Beziehungen notwendig oder die Senioren „zum Abschuss freigegeben“ seien.

Ein Weinstädter verspricht, dass, sollte er vor seinem Impftermin versterben, er in seinem Testament eine Klage gegen den Gesundheitsminister verfügen wird. Eine Winterbacherin, schon längst in die Warteliste aufgenommen, schreibt: „Ich warte ... was sonst ...“.

Ein anderer Weinstädter, selbst schon fast 80 Jahre alt, pflegt seine 92 Jahre alte Frau. Beide sind gesundheitlich schwer angeschlagen. Doch eine Impfung ist nicht in Sicht. Für sie nicht, für ihn schon gar nicht. Zu jung.

Walter Stollsteimer übrigens ärgert sich ein bisschen, dass er damals kurz vor seiner Pensionierung nicht noch den Computerkurs mitgemacht hatte, der ihm vom Arbeitgeber angeboten worden war. Damals dachte er, er brauche das nie mehr. Heute würde er gerne den Telefonhörer liegenlassen und über die Terminvergabe-Plattform www.impfterminservice.de sein Glück versuchen. Er muss sich nicht ärgern. Wer dort seine Daten eingibt, bekommt die gleiche Info wie am Telefon: „Es wurden keine freien Termine in Ihrer Region gefunden. Bitte probieren Sie es später erneut. Sobald genügend Impfstoff und die entsprechenden Kapazitäten vorhanden sind, werden die Impfzentren weitere Termine einstellen“.

Tausende auf der Warteliste, weniger als ein Viertel so viele bekamen bislang Termine

„90 000 Impfwillige stehen in Baden-Württemberg auf der Warteliste für einen Impftermin. 21 000, die auf der Liste standen, wurden kontaktiert und konnten Termine vermittelt bekommen“, sagt Florian Mader, Sprecher des Sozialministeriums.

Das Angebot, sich über die 116 117 auf die Warteliste setzen zu lassen, wenn aktuell keine Termine zur Buchung zur Verfügung stehen, sollte eigentlich besonders für die älteren Menschen eine Erleichterung bringen. Die verzweifeln jedoch reihenweise daran. Ein 89-jähriger Winnender berichtet: „Ich stehe seit Wochen auf der Warteliste, bekomme keine Rückmeldung und keinen Termin, während Bekannte, die sich nicht auf die Warteliste haben setzen lassen, jetzt Termine kriegen konnten. Da läuft doch irgendetwas grundsätzlich falsch.“

Florian Mader erläutert: „Die Anzahl der einlaufenden Impftermine zur freien Vergabe unter 116 117 und impfterminservice.de und die Anzahl der Impftermine für die Warteliste halten sich ungefähr die Waage. Das hängt auch immer von der regionalen Termin-Verfügbarkeit ab und wird täglich justiert.“ Anders als früher laufen Termine nicht mehr nach Mitternacht im System ein, sondern über den ganzen Tag verteilt. „Dann hängt es davon ab, wie viele Menschen sich in dem Moment aktiv um Termine bemühen, wie viele Menschen gerade auf der Warteliste stehen, wie überlastet das Call-Center oder die Plattform gerade ist und auch davon, wie viele Menschen auf der Warteliste gerade erreicht werden können.“

Man kann sich auch als Wartender weiter um einen Termin bemühen

So könne es durchaus sein, dass jemand, der nicht auf der Warteliste steht, Glück hat und einen Termin ergattert, oder dass jemand, der auf der Warteliste steht, und es weiterhin parallel versucht, dann doch direkt einen Termin bekommt. „Das können wir nicht verbieten, dass sich Menschen von der Warteliste parallel weiter aktiv um einen Termin bemühen“, so Mader.

Impfwillige auf der Warteliste postalisch zu informieren wäre nicht sinnvoll, weil nur durch den persönlichen Kontakt herauskommt, ob überhaupt noch ein Termin gewollt oder benötigt wird: „Die Leute können ihre Telefonnummer oder eine Mailadresse hinterlassen. Der Terminvergabeservice kontaktiert sie viermal in zeitlichem Abstand. Es muss niemand ständig vor dem Telefon oder Computer sitzen und fürchten, er verpasst die Benachrichtigung.“

In Baden-Württemberg hätten bis einschließlich Montag (1.3.) 539 877 Menschen eine Erstimpfung erhalten – ein großer Teil davon in den Zentren, mit Termin. Mittlerweile fänden täglich 25 000 Corona-Impfungen statt. „Das bedeutet 25 000 Termine sind für jeden Tag zu vergeben und der Andrang darauf ist immens“, sagt Mader. Zeitweise sei an der Hotline und online kein Durchkommen, einfach deshalb, weil viele Menschen es gleichzeitig probieren. „In diesem Fall bitten wir darum, Geduld zu haben und es später oder in den kommenden Tagen noch einmal zu probieren.“

"Jüngere" sollen doch bitte nicht die 116117 anrufen!

Am Montag zum Beispiel verzeichnete das Call-Center der 116 117 allein aus Baden-Württemberg 300 000 Anrufe. An ‘normalen’ Tagen sind es vielleicht 20 000 aus dem Ländle. „Das lag daran, dass viel mehr Impfberechtigte hinzugekommen sind, die gefühlt alle anriefen. Das war nicht so gedacht. Die 116 117 war vor allem für ältere, nicht so computeraffine Menschen vorgesehen. Wir hoffen ehrlich gesagt, dass man als 30-jährige Lehrerin oder 40-jähriger Krankenpfleger in der Lage ist, sich online um einen Termin zu bemühen.“

Mehr Personal in der Terminvergabe würde nicht helfen, denn dieses sorge ja nicht für mehr Impfstoff oder für mehr Termine, so Mader. Bei 500 Mitarbeitenden, die allein für die Terminvergabe in Baden-Württemberg an der Hotline arbeiten, sowie weiteren 350 Beschäftigten bei der vorgeschalteten Bundes-Hotline, könne es hin und wieder passieren, dass Einzelne nicht immer die richtige Antwort parat haben. Ständige „Nachschulungen“ fänden aber statt, sagt Mader.

60- bis 70-mal mindestens, sagt Walter Stollsteimer, habe er die Nummer 116 117 angerufen. Seit Anfang des Jahres hängt er an der Strippe. Seit über diese Nummer Termine für die Impfungen gegen das Coronavirus vergeben werden. Vergeben werden sollen. Walter Stollsteimer hat noch keinen. Dabei ist er 87 Jahre alt, zählt also ganz ohne Frage zu den Menschen, deren Schutz oberste Priorität hat. Hinzu kommt, dass der Schwaikheimer schwer krank ist. In Folge dieser Erkrankung ist auch sein

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