Rems-Murr-Kreis

Corona: Inzidenz im Rems-Murr-Kreis weiter unter 50 - ein mittleres Wunder mit weitreichenden Folgen

Corona warnapp rot
„Erhöhtes Risiko“: Allerorten steigt die Inzidenz. Der Rems-Murr-Kreis aber widersetzt sich dem Trend. © Joachim Mogck

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sich in Baden-Württemberg derzeit eine dritte Welle aufschaukelt – im Rems-Murr-Keis aber ist davon auch Stand Montag, 15. März, noch nichts zu spüren! Wie kommt das? Dazu später mehr. Die momentan niedrige Inzidenz hat über den Tag hinaus weitreichendere und erfreulichere Folgen für den Einzelhandel, als vielen Leuten klar sein dürfte.

45 Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage; Inzidenz 45: Dieser Wert grenzt an ein Wunder. Im näheren Umkreis nämlich liegt nur noch der Rems-Murr-Kreis unter 50 und steht damit nachgerade rätselhaft quer zum leider sehr eindeutigen Großtrend.

Corona und die Inzidenz: Inwiefern ist der Rems-Murr-Kreis eine Insel der Seligen?

Am 5. März meldete das Robert-Koch-Institut für Baden-Württemberg eine Inzidenz von 56; am 11. März lag der Wert bereits bei 63; und schnellte bis zum 14. März weiter hoch auf 74. Noch viel krasser mutet das Bild an, wenn wir die Landkreise in der näheren und weiteren Nachbarschaft in den Blick nehmen: Die 50er-Marke wurde in den vergangenen zehn Tagen rund um uns her überall gerissen, teilweise pulverisiert. Vom 5. bis zum 15. März haben sich laut den Daten des Robert-Koch-Instituts die Inzidenzen folgendermaßen entwickelt:

  • Im Landkreis Schwäbisch Hall war ein Anstieg zu verzeichnen von bereits heftigen 142 auf dramatische 218.
  • Im Hohenlohekreis ging es von 78 über die 100er-Grenze hinaus, auf 106.
  • Im Landkreis Göppingen, der am 5. März noch gut dastand mit 47, ist die Lage förmlich eskaliert: auf 116.
  • Stadtkreis Stuttgart: von 61 auf 72.
  • Im Landkreis Esslingen wuchs die Inzidenz von relativ moderaten 64 auf 108.
  • Im Ostalbkreis, der am 5. März mit 34 noch sehr stabil unter der 50er-Marke zu liegen schien, beträgt die Inzidenz nun 68.
  • Auch der Landkreis Böblingen, am 5. März mit 32 noch voll im grünen Bereich, hat jetzt die kritische Schwelle knapp überschritten: 51.
  • Der Landkreis Heilbronn hat sich verschlechtert von 52 auf 61.
  • Auch im Landkreis Ludwigsburg gerät das U-50-Ideal zusehends außer Sichtweite: von 51 auf 62.

Vor diesem Horizont wird klar, wie auffällig die Entwicklung im Rems-Murr-Kreis vom Umland abweicht: Ende Januar sank bei uns die Inzidenz nach düsteren Wintermonaten erstmals wieder unter 50 – und schwankt seither mit geringfügigem Auf und Ab permanent zwischen etwa 35 und 50. Nirgendwo sonst im Großraum Stuttgart ist Vergleichbares zu beobachten.

Niedrige Inzidenz: Wie geht es diese Woche mit dem Einzelhandel weiter?

Kleine Ursache, große Wirkung: Allein die Tatsache, dass auch am Montag, 15. März, die Inzidenz weiter unter 50 blieb, hat zur Folge, dass die Läden die gesamte restliche Woche voll offenbleiben dürfen und nicht auf Betrieb mit Voranmeldungen und Dokumentationspflicht umsteigen müssen.

Grund: Alarm wird erst ausgelöst, wenn die Inzidenz drei Tage lang hintereinander mindestens 50 beträgt – und auch dann greifen die Einschränkungen nicht sofort, sondern am dritten Tag darauf.

Das heißt konkret: Selbst wenn im Kreis die Inzidenz am Dienstag, 16. März, und auch am Mittwoch und Donnerstag über 50 gehen sollte, wäre der Freitag ja der erste und der Samstag der zweite Folgetag. Erst am Montag würden die Regeln verschärft.

Das Corona-Rätsel: Warum ist die Inzidenz bei uns so wundersam stabil?

Eine sichere Antwort darauf weiß niemand. Wir können nur spekulieren: Möglicherweise funktioniert im Rems-Murr-Kreis, wenn eine Ansteckung diagnostiziert wird, das System der Kontaktnachverfolgung besonders gut; es kommt zu schnellen Quarantäne-Anordnungen und im Idealfall zur Durchbrechung der Infektionskette. Schon vor vielen Monaten hat das Kreisgesundheitsamt dabei auf die Mithilfe der Städte und Gemeinden gesetzt – diese Kooperation zwischen verschiedenen Verwaltungseinheiten scheint sich nun zu bewähren.

So interpretierten auch die Kreisräte bei einer Ausschuss-Sitzung am Montag im Waiblinger Bürgerzentrum die Lage. „Wir haben bisher ziemlich viel ziemlich richtig gemacht“ sagte Andreas Hesky, Freie Wähler. „Herzlichen Dank für Ihr wahnsinniges Engagement, das Sie an den Tag legen“, lobte Christine Besa, Grüne, die Kreisverwaltung, der bei der Koordination des Teamworks eine Schlüsselrolle zukommt. „Wir haben“, mutmaßte Ulrich Lenk, FDP, „besser zusammengearbeitet“ als andere – und werden nun mit „Freiheiten“ belohnt, „die es woanders nicht gibt“.

Was unausgesprochen blieb, aber stillschweigend hinzugedacht werden muss: Nach menschlichem Ermessen wird es auf Dauer so nicht bleiben. Kein Landkreis kann sich in einer eng vernetzten Region permanent dem Trend entziehen.

Wie ist die Corona-Situation in den Kliniken? Müssen weiter Menschen sterben?

307 Todesfälle nach Corona-Infektion gab es im Rems-Murr-Kreis seit Beginn der Pandemie im März 2020. Besonders bedrückend war die Lage im Dezember mit 89 und im Januar mit 65 Verstorbenen. Im Februar hingegen waren nur 14 Tote zu beklagen, und in der ersten Märzhälfte starben lediglich vier Angesteckte.

In den Rems-Murr-Kliniken müssen derzeit nur fünf Menschen aufgrund eines schweren Krankheitsverlaufs intensivmedizinisch behandelt werden, hinzu kommen neun Leute, die momentan zwar im Krankenhaus betreut werden müssen, aber eben nicht auf der Intensivstation. Von den bestürzenden Zuständen im Winter sind wir momentan weit entfernt.

Und es besteht Grund zur Hoffnung, dass wir selbst dann, wenn die Inzidenz in den nächsten Tagen steil hochschießen sollte, nicht noch einmal in eine derart schmerzliche Lage geraten. Denn die Altenheime im Rems-Murr-Kreis sind so gut wie durchgeimpft. Mehr als 4000 Menschen leben dort, hinzu kommt das Personal – fast alle haben ihre erste, die meisten bereits die zweite Impfung hinter sich.

Wenn es zu einem Ausbruch an einem Ort kommt, wo viele alte und damit anfällige Menschen nah beisammen leben, können die Folgen verheerend sein. Diese dramatische Gefahr aber ist im Rems-Murr-Kreis nun mehr oder weniger gebannt.

So furchtbar zäh und pannenreich die Impfkampagne in Deutschland anlief und so dringend nötig auch weiterhin ein höheres Tempo wäre – mittlerweile sind doch wichtige Fortschritte erreicht. Jeder weitere Tag, an dem die Inzidenz niedrig bleibt, ist ein Etappensieg im Kampf gegen die vor allem für alte Menschen tödliche Gefahr.

Gibt es Infektions-Brennpunkte im Rems-Murr-Kreis?

Ja. Die momentan am stärksten belasteten Kommunen im Überblick:

  • Winnenden: 31 akute Fälle bei 28 300 Einwohnern, also etwa ein Fall pro 900 Einwohner.
  • Waiblingen: 27 akute Fälle bei 55 400 Einwohnern, also etwa ein Fall pro 2000 Einwohner.
  • Schorndorf: 23 akute Fälle bei 39 600 Einwohnern, also etwa ein Fall pro 1700 Einwohner.
  • Weinstadt: 17 akute Fälle bei 27 000 Einwohnern, also etwa ein Fall pro 1700 Einwohner.
  • Fellbach: 15 akute Fälle bei 45 700 Einwohnern, also etwa ein Fall pro 3000 Einwohner.
  • Korb: 10 akute Fälle bei 10 800 Einwohnern; etwa ein Fall pro 1100 Einwohner.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sich in Baden-Württemberg derzeit eine dritte Welle aufschaukelt – im Rems-Murr-Keis aber ist davon auch Stand Montag, 15. März, noch nichts zu spüren! Wie kommt das? Dazu später mehr. Die momentan niedrige Inzidenz hat über den Tag hinaus weitreichendere und erfreulichere Folgen für den Einzelhandel, als vielen Leuten klar sein dürfte.

45 Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage; Inzidenz 45: Dieser Wert grenzt

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