Rems-Murr-Kreis

Corona-Krise im Rems-Murr-Kreis: Was Solidarität für Landrat Richard Sigel bedeutet und was er von "Querdenken" hält

PK Corona Rot
Landrat Richard Sigel bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz an einem Samstag: Nachdem im Oktober die Fallzahlen in die Höhe schnellten, wurde der Rems-Murr-Kreis zum Krisengebiet erklärt. © Gabriel Habermann

„Ein nettes Wort beim Bäcker, ein Lächeln in der Warteschlange statt Ellenbogeneinsatz - all das macht unser Leben doch erst wertvoll.“ Für Landrat Dr. Richard Sigel ist Solidarität kein hohles Wort. In der Corona-Krise haben Bürger im Rem-Murr-Kreis viel Mitmenschlichkeit gezeigt. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Sigel, was bedeutet für Sie Solidarität?

Solidarität bedeutet in einer Situation, wie wir sie aktuell erleben: Angemessenes, rücksichtsvolles Verhalten, damit niemand zu Schaden kommt. Oder anders formuliert „Zusammenhalt“, so wie wir es auch mit einem großen Fassadenbanner am Landratsamt in Waiblingen zum Ausdruck bringen.

Bei welchen Gelegenheiten ist Ihnen in diesen Zeiten eine besondere Form von Solidarität, von Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft aufgefallen?

Sehr viel Mitmenschlichkeit und Solidarität haben wir in unseren Rems-Murr-Kliniken selbst erlebt. Auch wenn Krankheit für Mitarbeitende in Krankenhäusern „Alltag“ ist, in dieser Situation waren viele ohne zu fragen bereit, über sich hinauszuwachsen. Ähnlich war und ist es auch beim Personal in vielen Pflegeeinrichtungen und bei Pflegediensten.

Und darüber hinaus‘?

In der Breite sichtbar wurde die Solidarität und Mitmenschlichkeit in der ersten Welle anhand der vielen spontanen Hilfsangebote, die entstanden. Ich denke dabei an die Nachbarschaftshilfe und Lieferdienste für Menschen in Quarantäne, an Musiker, die vor Altenheimen gespielt haben, an Kindergärten, die aus ihrem Bestand Nitril-Handschuhe gespendet haben, an Jungunternehmer, die eine Spendenplattform für Schutzausrüstung aus dem Boden gestampft haben, an einen Lkw bunter Blumen, mit dem ein Blumenhändler einfach Danke gesagt hat, und an die vielen anderen schönen Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts.

Unterscheidet sich die erste Coronawelle von der zweiten?

Diese Hilfsbereitschaft dauert an. Auch jetzt in der zweiten Welle haben wir aus unserer Aktion „Sind Sie bereit, uns im Ernstfall zu helfen?“ noch circa 130 Ehrenamtliche in der Kartei, die jederzeit in den Rems-Murr-Kliniken einspringen würden. Wir bekommen täglich Spenden und Hilfsangebote im Landratsamt, vom Tiefkühlschrank fürs Impfzentrum über Pizza, Kuchen und vieles mehr für die Kliniken und Unterstützungsangebote von Reisebüros beim Nachverfolgen von Kontaktpersonen.

Wie lange lässt sich so eine in Krisenzeiten entstandene Solidarität aufrechterhalten?

Die zweite Welle zehrt bei allen an den Kräften, in den Kliniken, im Einzelhandel, in den Arztpraxen, in den Schulen und Kitas, in den Rathäusern, im Gesundheits- und Landratsamt, im Öffentlichen Personennahverkehr und vielen anderen Bereichen, aber auch bei allen, die eine Zwangspause einlegen, oder die wegen Corona ihr Restaurant, ihr Fitnessstudio, ihr Theater, ihr Kino und vieles mehr schließen mussten. Aber ich bin sicher, gemeinsam halten wir das durch.

Wird nicht so langsam „Krise“ zu einem Normalzustand?

Die vielen Monate, die Corona jetzt schon unser Leben bestimmt, hat sicher bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie sich an den „Krisenmodus“ gewöhnt haben. Für viele hat die unsichtbare Gefahr, die vom Virus ausgeht, inzwischen an Bedrohlichkeit verloren. Es ist menschlich, dass man Gefahr läuft, nachlässiger zu werden, wenn man so lange im Krisenmodus ist.

Langsam reicht es aber auch.

An der grundsätzlichen Solidarität und Hilfsbereitschaft hat sich aber nach meiner Wahrnehmung nichts geändert. Es gibt viele Aktionen und auch wir denken an diejenigen, die der „Lockdown“ besonders hart trifft: Wir starten beispielsweise zu Weihnachten eine Spendenaktion für Künstler und unterstützen mit Gutschein-Aktionen die Gastronomen, im Remstal und im Schwäbischen Wald. Unser Sozialdezernat kümmert sich zudem in diesem Jahr noch bewusster um diejenigen, die Hilfe und Unterstützung brauchen.

Die Gegenbewegung zur Solidarität heißt „Querdenken“: Haben Sie Verständnis dafür, dass Menschen ihre eigene Freiheit und Selbstverwirklichung über das Gemeinwohl stellen?

Nein, dafür habe ich null Verständnis. Dieses Verhalten hat nichts mit „Querdenken“ in einem positiven Sinne zu tun. Diese Haltung ist nicht nur unsolidarisch, sie ist auch unlogisch. Dem Virus ohne Maske, ohne Abstand, ohne Einschränkungen begegnen zu wollen, damit schaden sich die sogenannten „Querdenker“ doch am Ende selbst. Das geht auf Kosten der eigenen Gesundheit, der wirtschaftlichen Stabilität in unserem Land und auch der Freiheit von uns allen, denn diese muss eingeschränkt werden, wenn es freiwillig nicht geht. Deshalb bin ich auch der großen Mehrheit dankbar: all denjenigen, die mitziehen, sich an die Regeln halten und damit sich und ihre Mitmenschen schützen.

Vor Corona war „Solidarität“ in vielen Bereichen der Gesellschaft geradezu verpönt. Das Credo lautete Ich! Ich! Ich! Kippt Corona diesen Zeitgeist?

„Ich! Ich! Ich!“ - das mag schon für viele Menschen vor Corona das Credo gewesen sein, nicht für mich persönlich. Ich habe das schon vor Corona abgelehnt und bin fest überzeugt, dass unsere Gesellschaft Solidarität braucht. Es ist schließlich das Gemeinsame, das glücklich macht - in der Familie, im Freundeskreis und auch im Verein und in der Gesellschaft. Ein nettes Wort beim Bäcker, ein Lächeln in der Warteschlange statt Ellenbogeneinsatz - all das macht unser Leben doch erst wertvoll.

In welchen Bereichen hat Corona die Schwachstellen der öffentlichen Daseinsvorsorge aufgedeckt? Anders gefragt: Wo ist der Staat tot- beziehungsweise krankgespart worden?

In den letzten Jahren ist es wirtschaftlich rund gelaufen. Das Bewusstsein und die Wertschätzung für Fragen der Daseinsvorsorge geraten dann schnell in Vergessenheit. Ohne die Pandemie hätte sicher bis heute niemand darauf reagiert, dass der öffentliche Gesundheitsdienst seit Jahren erhebliche Defizite hat und kein Personal mehr findet. Es hat sich zudem gezeigt, dass der Fachkräftemangel in den Pflegeberufen uns jetzt massiv auf die Füße fällt. Dies darf nach der Corona-Krise auf keinen Fall vergessen werden. Jahrelang wurde genau den Menschen, die wir jetzt am meisten brauchen, im Gesundheitssystem zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Was heißt das für die Krankenhäuser?

Auch mit Blick auf die Krankenhäuser war die Marschrichtung beim Bund und im Land: möglichst wenig Krankenhausbetten. Im Rems-Murr-Kreis haben wir mit unserer Medizinkonzeption für einen anderen Weg geworben. Wir setzen auf exzellente, aber wohnortnahe medizinische Versorgung. Ein Kurs, den wir seit 2015 konsequent gehen, und wir sind trotz Corona auf Kurs geblieben: Denn wir dürfen in der Krise nicht eine langfristige und vorausschauende Planung vergessen. Wir haben uns daher in der Pandemie nicht nur um Krisenmanagement gekümmert, sondern wir haben trotz allem Stress auch nach vorne geschaut.

Das heißt konkret?

Wir haben beispielsweise als Landkreis in diesem Jahr zehn Millionen an Investitionen in 100 neue Appartements für Klinikmitarbeitende ermöglicht, wir haben die Klinik Schorndorf mit einem neuen MRT für eine erweiterte Notfallversorgung fitgemacht und haben mit einem Herzkatheter-Labor für beste kardiologische Versorgung auch in Schorndorf gesorgt. Und in Winnenden ist trotz Corona-Pandemie viel Neues entstanden, es kamen drei neue Chefärzte mit eigenen Abteilungen dazu. Künftig gibt es eine eigene Labormedizin und ein starkes Lungenzentrum. Auch über die langfristige Finanzierung unserer Krankenhäuser müssen wir sprechen. Hier hat der Bundesgesundheitsminister bereits einige Initiativen gestartet. Nicht immer zur hundertprozentigen Zufriedenheit der Kliniken - siehe das Pflegepersonalstärkungsgesetz, aber ich hoffe, hier hat man aus der Pandemie gelernt.

Was muss sich im Staat, also bei Kommunen, Kreisen, Ländern und Bund, ändern, um besser für Krisen wie Corona gewappnet zu sein?

Ein gut aufgestellter Staat kostet, verlässliche Strukturen müssen den Bürgern etwas wert sein. Das Beispiel Schulen und Digitalisierung hat in der Pandemie aber eindrücklich gezeigt: Es ist eben zu spät, wenn man in Behörden und Schulen mit der Digitalisierung erst dann anfängt, wenn die Krise an die Tür klopft. Es ist ein Armutszeugnis, wenn es eine Pandemie braucht, um festzustellen, dass in manchem Klassenzimmer nicht einmal das Fenster zum Lüften geöffnet werden kann, weil seit Jahren niemand bereit war, für die Renovierung der Schulen ausreichend Geld in die Hand zu nehmen.

Könnte die Erkenntnis eines Tages lauten, dass Corona ein heilsamer Schock war?

Wir sollten nicht vergessen, wie verwundbar uns Lieferketten und die Abhängigkeit beispielsweise von China gemacht haben, zum Beispiel bei der medizinischen Schutzausrüstung. Und auch bei den Antigen-Schnelltests warten wir wieder auf die Flieger aus Fernost, die die Schnelltests liefern sollen. Wir müssen hier wieder leistungsfähiger und unabhängiger sein und nicht nur auf „billig, billig, billig“ setzen.

Nach der Krise ist vor der Krise: Die Folgen der Klimakatastrophe werden die von Corona weit übertreffen. Was können wir aus Corona für die Klimakrise lernen?

Wer erst durch Corona bemerkt hat, dass wir ein Umwelt- und Klimaproblem haben, der ist spät dran, sehr spät. Der Rems-Murr-Kreis ist längst auf dem Weg, wir haben langfristige Ziele und Strategien. Wir haben immer wieder neue Ideen und entwickeln mit dem Kreistag und vielen Bürgerinnen und Bürgern immer wieder Neues. Wir setzen auf Klimaschutz zum Mitmachen. Ich sage selbstbewusst, dass wir als Landkreis keine Lernkurve brauchen. Der Rems-Murr-Kreis wurde dafür im November dieses Jahres mit einem Bundespreis und 25 000 Euro für sein Klimaschutzkonzept und seine Projekte ausgezeichnet. Übrigens der zweite Bundespreis für Klimaschutz in Folge. Wir wissen eigentlich ganz genau, was zu tun ist, wir brauchen aber einen gesellschaftlichen Konsens, dass wir diesen Weg gemeinsam weitergehen und dafür auch investieren. Die Menschen müssen beim Klimaschutz mitmachen.

Sie und die Krankenhäuser haben sich hinter die Tarifforderungen der Beschäftigten in den Rems-Murr-Kliniken gestellt. Warum reicht das Berufsethos der Pflegekräfte in Kliniken wie auch in Seniorenheimen oder in der ambulanten Altenhilfe nicht aus, um eine gute Pflege für alle Bürger sicherzustellen?

Haltung, Werte und Wertschätzung klingen vielleicht altmodisch, aber sind wichtig. Es wäre schön, wenn Berufsethos reichen würde. Aber leider ist die Notwendigkeit von Aufgaben und die Wertschätzung, die mit der Aufgabenerfüllung einhergeht, nicht immer im Gleichklang. Darüber müssen wir als Gesellschaft nachdenken. Ganz persönlich habe ich „Berufsethos“ schon in meinem früheren Berufsleben vielfach vermisst und mich aus diesem Grund vor einigen Jahren ganz bewusst entschieden, meinen Job als Anwalt im internationalen Bankengeschäft an den Nagel zu hängen und mich in der kommunalen Verwaltung für das Gemeinwohl einzubringen.

Dieses Interview ist erstmals in ungekürzter Form am 10. Dezember in der ZVW-Beilage "Solidarität - So stark ist der Rems-Murr-Kreis" erschienen.

„Ein nettes Wort beim Bäcker, ein Lächeln in der Warteschlange statt Ellenbogeneinsatz - all das macht unser Leben doch erst wertvoll.“ Für Landrat Dr. Richard Sigel ist Solidarität kein hohles Wort. In der Corona-Krise haben Bürger im Rem-Murr-Kreis viel Mitmenschlichkeit gezeigt. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Sigel, was bedeutet für Sie Solidarität?

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