Rems-Murr-Kreis

Corona-Leid in Kliniken: Ein Arzt erzählt - und fleht: "Bitte lasst euch impfen!"

Impftruck
Symbolfoto. © ZVW/Alexandra Palmizi

Den folgenden Text hat uns ein Arzt zugeschickt. Er arbeitet in einer Klinik, die nicht im Rems-Murr-Kreis liegt; der Mann selber aber stammt aus dem unteren Remstal. Sein Name und Arbeitsort sind der Redaktion bekannt. Wir veröffentlichen seine erschütternden Innenansichten aus dem Gesundheitswesen im Ausnahmezustand und sein glühendes, ausführlich begründetes Plädoyer für die Impfung.

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Sonntag, Nachtschicht, 4.30 Uhr, das Telefon klingelt. Der Klingelton verursacht auch nach zwei Jahren Gänsehaut, oft verfolgt er einen bis in die Träume. Was gleich auf einen zukommt, weiß man nicht – in der Regel geht es um Notfälle: Schmerzen, Drücken auf der Brust, Blut-Erbrechen. Es ist Tag 13 im Krankenhaus, die Nachtschicht von Samstag auf Sonntag kommt zu der normalen Wochenarbeit von Montag bis Freitag hinzu. Der Gedanke an diesen Nachtdienst quält einen schon vorher – gleich allein für 200 Menschen verantwortlich zu sein; Angst vor zu vielen Notfällen gleichzeitig, Angst vor dem Tod, Sorge vor einem Fehler.

Ein Traum war der Beruf des Arztes für mich und ist es noch immer. In welchem Ausmaß die Entscheidung für diesen Weg jedoch mein Leben und mich verändern würde, hätte ich mir nie ausmalen können. Es sind nicht die grauen Haare oder Augenringe, es sind die inneren Wunden, die schwer wiegen, wenn man alles Mögliche tut und der Patient es trotzdem nicht schafft.

Wie Corona an den Kräften zehrt: Alltag in der Dauernot

Erschöpfung gehörte schon vor Corona ein Stück weit zum Alltag von mir und meinen Kollegen. Auch der ständige Schichtwechsel belastete den Körper. Aber nun stecken wir seit mehr als anderthalb Jahren mitten in der Pandemie, die Arbeit ist erschwert durch ständiges Tragen von Masken, Hauben, Kitteln, Doppelt-Handschuhen, mehr Notfällen, Bettenmangel. Es gibt eine Infektionsstation, auf der man ständig seine Kleidung wechseln muss, das kostet Zeit, oft wertvolle Zeit bei einem Notfall.

Hinzu kam bis zur ersehnten Impfung die Infektionsgefahr. Etwa 50 Prozent meiner Kollegen infizierten sich an Corona, darunter Männer Mitte 30, die auch nach einem halben Jahr Anfälle von Schwäche, Gedächtnisprobleme und Geschmacksstörungen haben. Den Kontakt zur Familie und Freuden mied ich für fast ein Dreivierteljahr, zu groß war die Angst, jemanden anzustecken.

Wie lange man das aushält? Vor kurzem brach eine Kollegin bei der Arbeit in Tränen aus, viele meiner Kollegen sind in psychotherapeutischer Betreuung, erst vor kurzem nahm sich ein Kollege das Leben. Der Rest kämpft weiter gegen die Anstrengungen des Alltags und für das Überleben der Patienten. Und die Pfleger und Pflegerinnen arbeiten zusätzlich oft auch körperlich schwer, obwohl der Rücken bereits schmerzt.

Letzten Sommer dann der Hoffnungsschimmer: Die Infektionszahlen sanken, die Impfung konnte endlich jeder Erwachsene erhalten. Und nun: Die vierte Welle überrennt uns! Noch mehr Dienste. Geplante Eingriffe und Operationen werden erneut abgesagt. Corona-Intensivpatienten müssen von Bayern und Baden-Württemberg nach Norddeutschland ausgeflogen werden.

Man gewöhnt sich an vieles - aber nicht an alles

Ich hatte schon vor Corona viel gesehen. Junge Menschen mit einem metastasierten Krebsleiden; den neunjährigen Jungen, der selbst gemalte Bilder auf dem toten Körper seiner Mutter ablegt, sehe ich noch heute vor mir. Man gewöhnt sich an viele Dinge.

Aber nicht an die Angst in den Augen, wenn jemandem die Luft wegbleibt. Lungenerkrankungen von Rauchern schreiten langsam voran, man hat Zeit, sich an die knappe Luft zu gewöhnen. Aber die Luftnot bei Corona spitzt sich schnell zu. Und seit der Delta-Variante erkranken auch junge Menschen. Erst kürzlich starb eine 26-Jährige, und ein Mann unter 30 bekam eine ECMO, ein Lungenersatzverfahren, bei dem das Blut durch eine Maschine läuft und mit Sauerstoff angereichert wird. Die Chancen auf ein Überleben sind gering.

Beide waren nicht geimpft. Ebenso wenig wie die schwangere Frau, die an der Beatmungsmaschine starb. Das Kind, das man per Kaiserschnitt holte, wird wohl überleben, aber ohne seine Mutter.

Es ist zum Verzweifeln: Der Streit um die Impfung

Die Gesellschaft ist jetzt gespalten wie nie zuvor. Nicht jeder Ungeimpfte ist ein Querdenker, manche sind vielleicht nur kritisch oder verängstigt. Doch der Ton wird rauer, ich merke es auch an mir selbst: Oft verstricke ich mich in Diskussionen, argumentiere viel zu emotional, kann meine persönlichen Erfahrungen nicht mehr von sachlichen Argumenten trennen. Was mich treibt, ist die Sorge um meine Mitmenschen und die aktuelle Situation in den Kliniken. Für Ungeimpfte gilt jetzt: Es ist nicht die Frage, ob, sondern nur, wann man sich infiziert.

Die zunehmende Zahl an Impfdurchbrüchen war zu erwarten: Wenn jeder Mensch geimpft wäre, würden 100 Prozent der Fälle bei Geimpften auftreten – das ist kein Zeichen mangelnder Wirksamkeit, sondern Folge der Virulenz des Virus und des individuellen Ansprechens auf die Impfung! Keine Impfung wirkt zu 100 Prozent. Aber sich deshalb nicht impfen zu lassen, ergibt keinen Sinn. Eine Quelle des öffentlichen Rundfunks brachte dazu einen guten Vergleich: Ich zweifle doch auch nicht am Sinn eines Torhüters, wenn er von 100 Torschüssen nur 97 hält!

Der Sinn und Zweck der Impfung ist, dafür zu sorgen, nicht beatmet werden zu müssen oder zu sterben; den Körper vorzuwarnen, damit er in der Gefahr schneller reagieren kann. Das leistet die Impfung in den meisten Fällen.

Zweifel an der schnellen Notfallzulassung der neuen Vakzine sind verständlich und Ängste nur allzu menschlich. Was viele aber nicht wissen: Die mRNA-Forschung ist Jahrzehnte alt, sie wurde bisher nur nicht so stark finanziell gefördert. Und nun hatte man Zehntausende Wissenschaftler und Milliarden von Geld. Man hatte das Wissen – man musste es nur noch umsetzen.

Die Impfung ist sicher, die Impfung ist eine der größten Erfolgsgeschichten der Menschheit.

Wollen wir lieber schwimmen, als über die Brücke zu gehen?

Einer meiner Professoren erzählte einst eine Geschichte: Über einen reißenden Strom führt eine Brücke – aber natürlich kann jede Brücke einstürzen; wäre es vernünftig, deshalb zu sagen: Ich schwimme lieber ans andere Ufer? Der Impfgegner fürchtet seltene Nebenwirkungen mehr als die Krankheit; den Zusammenbruch der Brücke mehr als den Sprung in die Flut.

Auch bei der Masern-Impfung ist Ähnliches zu beobachten: Es grassiert große Angst vor Nebenwirkungen, die Impfquote sinkt, es kommt zu Ausbrüchen in Berliner Kindergärten. Kinder mit Masern-Encephalopathie, einer Schädigung des Hirngewebes durch Infektion, sind danach oft schwer behindert oder sterben. Wieso man diese Gefahr nicht mehr vor Augen hat? Weil die Impfung Masern so selten gemacht hat, dass die Gefahren der Krankheit in Vergessenheit gerieten und die Angst vor Nebenwirkungen unverhältnismäßig groß wurde.

Aber bei Corona sehen wir die Folgen – und wir müssen handeln, wir alle zusammen. Vertrauen Sie der Impfung, die milliardenfach verabreicht wurde, oder wollen Sie die Infektion durchmachen, die weltweit Millionen Menschen das Leben gekostet hat? Wir sind mehr als unsere Zweifel, wir sind stärker als unsere Ängste! Es ist nie zu spät! Lasst euch bitte impfen!

Den folgenden Text hat uns ein Arzt zugeschickt. Er arbeitet in einer Klinik, die nicht im Rems-Murr-Kreis liegt; der Mann selber aber stammt aus dem unteren Remstal. Sein Name und Arbeitsort sind der Redaktion bekannt. Wir veröffentlichen seine erschütternden Innenansichten aus dem Gesundheitswesen im Ausnahmezustand und sein glühendes, ausführlich begründetes Plädoyer für die Impfung.

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Sonntag, Nachtschicht, 4.30 Uhr, das Telefon klingelt. Der Klingelton verursacht auch

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