Rems-Murr-Kreis

Corona, Lockdown, Ausgangssperre im Rems-Murr-Kreis: Seelsorge in schwierigen Zeiten

Pfarrerkrankenhaus
Kummerkasten in einem Krankenhaus. Während der Coronapandemie müssen die Seelsorger versuchen, nicht zu sehr auf Abstand zu geraten. © Gaby Schneider

Drei Konfessionen, drei Seelsorger, eine Herausforderung: Wie können sie in der Coronapandemie das Gemeindeleben aufrechterhalten und es schaffen, dass die Kontakte zu und zwischen den Menschen nicht abreißen? Unser Mitarbeiter Wolfgang Gleich sprach mit einem evangelischen Pfarrer, einem katholischen Pfarrer und einem Iman.

Michael Schneider: Den Glauben erlebbar machen

Solidarität, stellt der Endersbacher evangelische Pfarrer Michael Schneider im Gespräch klar, „ist die Grundlage der christlichen Daseinsgemeinschaft, nicht nur in den Tagen von Covid-19, sondern jederzeit“. Jesus rufe mit seiner Beispielgeschichte vom „guten Samariter“ zu Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Liebe dazu auf, zusammenzustehen, wenn uns der Nächste in seiner Not vor die Füße falle, und nicht dann, wenn es uns gerade passe. Der auf sich selbst bezogene Mensch, der „Homo incurvatus“, sehe dagegen nur sich selbst und verschließe sich sowohl seinem Nächsten gegenüber wie auch der göttlichen Gnade. Dies sei nach Martin Luthers Auffassung der Inbegriff von Sünde.

Solidarität, so Schneider, sei stets auf zwei Ebenen gefragt. Einerseits handle es sich bei der Gewissheit, dass einem in Not geholfen werde, um die Grundlage menschlichen Zusammenlebens, andererseits gebe es auch eine „innere Solidarität der Gleichgesinnten“, die zum Beispiel füreinander und gemeinsam beteten, die aus diesem solidarischen Getragensein Kraft und Zuversicht schöpften.

Wie wichtig vielen Menschen dieses Zusammenstehen sei, habe sich in Endersbach bei den „Traktorgottesdiensten“ während des Lockdowns gezeigt, die als „unterschwelliges Angebot“ von einer großen Zahl Menschen angenommen wurden, ebenso wie die Gottesdienste im Freien, die man so lange wie irgend möglich feiern werde, um es den Menschen in Endersbach zu ermöglichen, Glauben erlebbar zu machen und zusammenzustehen.

Nicht nur in Endersbach, in vielen Kirchengemeinden sei von der Corona-Pandemie und deren Herausforderungen ein unglaublicher Impuls ausgegangen, das Gemeindeleben zu stärken. Als Beispiele verwies Schneider auf die vorweihnachtlichen „Engeltouren“, bei denen sechs Engelfiguren jeweils für drei Tage bei Familien in Endersbach, Strümpfelbach und Beutelsbach zu Gast seien, die Abendandachten um 19 Uhr sowie auf die zwei Sonntagsgottesdienste um 9.30 und 10.30 Uhr anstatt wie gewohnt um 10 Uhr. Manches von diesen Neuerungen, von diesem gestärkten Gemeinschaftsgefühl, das über die Kirchengemeinde hinaus in die Vereine und den ganzen Ort hinaus ausstrahle, werde bleiben, sagt Schneider voraus, auch nach der Pandemie.

Franz Klappenecker: Das Gemeindeleben leidet

„Nein“, meint Franz Klappenecker, Waiblingens katholischer Pfarrer, „es ist in diesen Zeiten der Corona-Pandemie unmöglich, das Gemeindeleben so zu pflegen, wie es vor dieser Krise möglich war! Gemeindeleben zehrt vom Miteinander und vom Kontakt.“ Und wenn man dies auf das unvermeidbare Mindestmaß beschränken müsse, dann könne das dadurch entstehende Defizit nicht ausgeglichen werden. „Ich höre von Menschen, die seit Monaten ihre Wohnung nicht mehr verlassen haben. Für sie ist die Erfahrung der Einsamkeit, des Alleingelassenseins und sogar des Vergessenseins unvermeidlich.“

Im günstigsten Falle erfahre man von diesen Schicksalen, oftmals helfe ein Anruf, ein Klingeln an der Wohnungstür. Aber von der Mehrzahl der Fälle erfahre man überhaupt nichts, „bei mir kommen selbst immer weniger Informationen an“. Es sei nicht möglich, das Fehlen der zwischenmenschlichen Kontakte auszugleichen, und dadurch werde die gegenwärtige Situation oftmals als bedrückend empfunden, die Menschen hätten das Gefühl, nicht frei atmen zu können.

Wir alle lebten mit den Einschränkungen, so gut es gehe, meint Klappenecker. Es helfe auch letztendlich nicht, über einzelne politische Anordnungen zu diskutieren, über deren Sinnhaftigkeit und oftmals Widersprüchlichkeit. Um sie alle nachzuvollziehen, tue man sich bisweilen schwer. Für deren Umsetzung in den Gemeindealltag seien die entsprechenden Mitteilungen der Diözese eine wesentliche Hilfe. Zu Recht werde den Kindergärten, für die die Kirche verantwortlich sei, dem Wohl der Kinder, Eltern und den darin Beschäftigten besonderes Augenmerk geschenkt. Es sei mittlerweile ein wichtiger Teil seiner Tätigkeit, diese Anordnungen, von denen es inzwischen 35 gebe und die einen ganzen Ordner füllten, an die einzelnen Gemeindegruppen weiterzugeben.

Eckstein der seelsorgerischen Arbeit sei gewesen, dass die Kirche auch in den dunkelsten Tagen des Lockdowns nicht verschlossen war und ihre Tür den Menschen als Ort des Trostes und Gebets offenstand. Dankbar müsse man sein, dass mittlerweile wieder Gottesdienste möglich seien, auch wenn man sich telefonisch voranmelden müsse und die Teilnehmerzahl begrenzt sei, weil nur ein Teil der Plätze genutzt werden könne. Es sei furchtbar, wenn man einen Gläubigen an der Kirchentür wegen Platzmangels abweisen müsse, aber in den wenigen Fällen, in denen dies notwendig gewesen sei, habe man stets auf den nächsten Termin oder eine andere Kirche verweisen können.

Auf die Frage, was er empfehle, um diese Prüfung zu bestehen, antwortet der Pfarrer, er empfinde hohen Respekt für alle diejenigen, die in Politik, in den Kirchen, Rathäusern, Kliniken und Landratsämtern, im Schulamt und in den Rektoraten die Last der Verantwortung für das Wohl anderer Menschen tragen müssten. „Klagelieder zu singen hilft nicht weiter“, so Klappenecker, „aber vielleicht einen Brief oder eine E-Mail zu schreiben, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und einen Menschen anzurufen, der einem nahesteht, und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Das ist nur einer, aber für ihn ist es vielleicht unendlich wertvoll zu erfahren, dass er sich gewertschätzt weiß.“

„Wenn ein Kind beim Toben hinfällt, sich das Knie aufschlägt und weinend zur Mutter rennt, dann streicht sie über das Knie und sagt, dass es wieder gut wird, dann glaubt ihr das Kind“, so Klappenecker. Er wünsche allen, dass sie dieses uns allen innewohnende Grundvertrauen für sich wieder entdecken. Und vielleicht helfe dazu auch ein Gespräch gerade mit älteren Menschen, die in ihrer Kindheit Krieg, Zerstörung, Flucht, Vertreibung und Konzentrationslager durchlitten haben und sich dennoch dieses Grundvertrauen und die Gewissheit bewahrten, dass es wieder gut werde.

Nooruddin Ashraf: Empathie und Sympathie

Um unbeschadet und friedlich durch diese schwierigen Zeiten zu kommen, so der Imam und Theologe Nooruddin Ashraf, der die Waiblinger Ahmadiyya Muslim Jamaat betreut, brauche es Geduld, Gebete und Optimismus, aber auch Empathie und Sympathie den Mitmenschen gegenüber.

„Die Mitglieder unserer und bundesweit weiterer Gemeinden“, berichtet er, „ haben in der Coronazeit sofort mit der Nachbarschaftshilfe angefangen. Wir helfen Mitbürgern, die als Angehörige sogenannter Risikogruppen besonders gefährdet sind, ihre Einkäufe zu erledigen, oder unterstützen sie sonst bei der Bewältigung des Alltags. Dafür hatten wir einen Flyer angefertigt und verteilt, damit die Bürgerinnen und Bürger informiert werden und uns kontaktieren können, falls diese dringend Hilfe benötigen. Zudem haben unsere Frauen in Waiblingen Hunderte Schutzmasken bereitgestellt, als diese an allen Ecken und Enden fehlten.“ Der Islam lehre, die Mitmenschen zu lieben und loyal gegenüber dem Land zu sein. Er fordere, den Menschen zu helfen und einen Beitrag zu einer liebevollen Gesellschaft zu leisten, erklärt Ashraf.

Während des Lockdowns sei das Gebetszentrum im Waiblinger Ameisenbühl auf Anweisung der Behörden geschlossen gewesen. Die Gemeinde habe sich bemüht, die Mitglieder online zu erreichen und so den Kontakt zu ihnen aufrechtzuhalten. Sie wurden telefonisch und virtuell kontaktiert, so dass er stets einen Überblick hatte und auch in diesen schwierigen Zeiten das Gefühl der Nähe geben konnte.

Die Gebete im Gebetszentrum finden zurzeit unter Beachtung der Sicherheitsmaßnahmen und des Sicherheitsabstands statt. Des Öfteren gebe es online Koran-Vorlesungen, auch Wissenswettbewerbe und Vorträge zu gesellschaftlich und religiösen Themen. „Zu Beginn des Lockdowns“, berichtet Nooruddin Ashraf, „hatte ich persönlich Kontakt zu vielen Mitgliedern aufgenommen, um Sorgen abzubauen und einfach für eine Person da zu sein. Wir bemühen uns, auch über die eigene Gemeinde hinaus zu helfen. Wir haben die Telefonhotline 0800.2107.758, über die man sich rund um die Uhr mit allen Fragen an uns wenden kann und auch seelische Unterstützung angeboten wird. Dabei geht es nicht nur um religiöse Fragen, sondern darum, ein offenes Ohr für alle unsere Mitmenschen und deren Sorgen zu haben.“

Drei Konfessionen, drei Seelsorger, eine Herausforderung: Wie können sie in der Coronapandemie das Gemeindeleben aufrechterhalten und es schaffen, dass die Kontakte zu und zwischen den Menschen nicht abreißen? Unser Mitarbeiter Wolfgang Gleich sprach mit einem evangelischen Pfarrer, einem katholischen Pfarrer und einem Iman.

Michael Schneider: Den Glauben erlebbar machen

Solidarität, stellt der Endersbacher evangelische Pfarrer Michael Schneider im Gespräch klar, „ist die

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