Rems-Murr-Kreis

Corona: Nicht jeder Infizierte ist ansteckend, und was es mit der Virus-RNA im PCR-Test auf sich hat

PCR-Test
Beim PCR-Test wird Erbmaterial des Erregers Sars-CoV2 vermehrt und extrahiert und durch spezielle Farbstoffe kenntlich gemacht, © Pixabay

Es kursieren Zweifel an der Aussagekraft der Corona-Statistiken, weil die Corona-Tests ungenau seien. Experten nehmen dazu Stellung und geben Antworten. Wie funktionieren PCR-Tests?  Schlagen PCR-Tests auch bei „totem Virusmaterial“ an? Können die PCR-Tests überhaupt zwischen verschiedenen Coronaviren unterscheiden? Wenn jemand einen positiven PCR-Test bekommt, bedeutet das zwangsläufig, dass er ansteckend ist?

Wie funktionieren PCR-Tests?

Das Verfahren für den Coronavirus-Test ist die Polymerase-Kettenreaktion (PCR, englisch für Polymerase-Chain-Reaction). In komplexen, automatisierten Arbeitsschritten und unter Einsatz eines sogenannten PCR-Geräts wird Erbmaterial des Erregers Sars-CoV2 vermehrt und extrahiert und durch spezielle fluoreszierende Farbstoffe kenntlich gemacht, erläutert Ivo Lingnau. Er ist Sprecher der Synlab Medizinisches Versorgungszentrum GmbH in Leinfelden-Echterdingen, die in ihren Laboren auch mit aus dem Rems-Murr-Kreis eingeschickten Nasen-Rachen-Abstrichen PCR-Tests durchführen lässt.

„Das bedeutet, es wird auf die Virus-RNA getestet, ob sie sich im Nasen-Rachen-Abstrich-Material des Patienten befand. Das hat den Vorteil, dass der Erreger bereits sehr früh nach einer Infektion nachgewiesen werden kann, wenn der Patient noch keine Symptome zeigt“, sagt Lingnau.

RNA steht für Ribonukleinsäure. Eine wesentliche Funktion der RNA in der biologischen Zelle ist die Umsetzung von genetischer Information in Proteine.

Schlagen PCR-Tests auch bei „totem Virusmaterial“ an? Können sie unter verschiedenen Coronaviren unterscheiden?

„Es ist korrekt, dass immer nur ein Teil des Virus nachgewiesen wird. Der Nachweis des gesamten Virus würde mehrere Wochen dauern“, so Synlab-Sprecher Ivo Lingnau. Es sei allerdings selbstverständlich möglich, Sars-CoV-2 von anderen Coronaviren zu unterscheiden, weil bei den Tests auf spezifische Genabschnitte genau dieses Virus-Typs gesucht werde. „Geringe Mengen könnten auch von toten Viren sein. Da aber die Virus-RNA im Laufe der Erkrankung abnimmt und keine neue RNA vervielfältigt wird, ist eine hohe RNA-Last ein Indiz für eine (beginnende oder begonnene) Krankheit“, so Lingnau.

Ob RNA tot oder lebendig ist, ist also nicht die richtige Frage, sondern wie viele Genomsequenzen beim PCR-Test in einer Probe gefunden werden, denn die Menge weißt auf das Erkrankungs- und Verbreitungspotenzial hin. „Virusgenomsequenzen sind sehr spezifisch für eine aktuelle oder eine kürzlich durchgemachte Sars-CoV-2-Infektion. Werden solche Nachweise vermehrt in der Bevölkerung gefunden, ist davon auszugehen, dass die betroffenen Personen aktuell infiziert (und auch ansteckend) sind oder dies vor kurzem waren (und die Infektion möglicherweise kürzlich weitergegeben haben)“, sagt Sebastian Gülde vom Bundesgesundheitsministerium.

Das Robert-Koch-Institut wird noch genauer: Studien zeigten, dass respiratorische Probenmaterialien (Nasen-Rachen-Abstriche) von Infizierten bei Beginn von Krankheitssymptomen hohe Virus-Konzentrationen beinhalten können, die durch RT-PCR nachweisbar seien. RT steht für Reverse Transkriptase und ist eine weitere Methode der Molekularbiologie.

Ein Virusgenom-Nachweis durch RT-PCR könne jedoch auch schon gelingen, wenn Patienten noch gar keine Krankheitssymptome haben. Das hätten mehrere medizinische Studien bewiesen, so RKI-Sprecherin Marieke Degen. Der Nachweis war in verschiedenen „Patientenmaterialien“ möglich in der Regel zwei bis drei Tage vor und bis 20 Tage nach Symptombeginn. In einer Studie älterer Patienten wurde das Virusgenom bereits sieben Tage vor Symptombeginn nachgewiesen. In Einzelfällen ist ein Virusgenomnachweis bis 60 Tage nach Symptombeginn möglich. „Allerdings kann auch bei wiederholt negativen RT-PCR-Nachweisen aus Abstrichen eine Infektion nicht vollends ausgeschlossen werden“, so Marieke Degen.

Wenn jemand einen positiven PCR-Test bekommt, bedeutet das zwangsläufig, dass er ansteckend ist?

„Wir können davon ausgehen, dass Patienten mit einer hohen Virus-RNA-Last prinzipiell ein hohes Potenzial aufweisen, den Sars-CoV-2 zu verbreiten“, sagt Synlab-Sprecher Ivo Lingnau. „In einigen Studien konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass in der Umgebung von Patienten, bei denen sehr lange, oft über Wochen, eine geringe RNA-Menge nachgewiesen werden kann, keine Neuinfektionen auftreten.“ Ein qualitativ positives Testergebnis sage daher nur begrenzt etwas zur Ansteckungsfähigkeit des Getesteten aus und bedürfe einer ärztlichen Einordnung aller relevanten Parameter (zum Beispiel Anamnese, Aufenthaltsorte, Klinikaufenthalt) des infizierten Patienten, so Lingnau.

„Die Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit) kann anhand der Virusanzucht aus Nasenrachenabstrich-Proben in Zellkultur bewertet werden“, so RKI-Sprecherin Marieke Degen. Der Erfolg sei unter anderem abhängig von der Virus-Last, dem Abnahmesystem und der Transportzeit der Proben. Bei niedrigen untersuchten Patientenzahlen wurde in Studien über erfolgreiche Virus-Anzuchten bis zu sechs Tage vor sowie bis neun Tage nach Symptombeginn berichtet. „Aktuelle Angaben deuten darauf hin, dass die Virusanzucht vereinzelt auch zu späteren Zeitpunkten möglich ist. Dies gilt insbesondere wenn beim Patienten bereits Vorerkrankungen wie Immundefekte vorliegen.“ Unveröffentlichte Daten aus dem RKI zeigen, dass die Virusanzucht zehn Tage nach Symptombeginn nur in Einzelfällen gelang. Bei stationär im Krankenhaus behandelten Covid-19-Intensiv-Patienten lag die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Virus-Anzucht im Labor 15 Tage nach Symptombeginn bei gerade einmal fünf Prozent, sagt Marieke Degen.

Anders gesagt: Wenn sich im Zuge eines PCR-Tests Virus-RNA in Probenmaterialien nachweisen lässt, kommt es auf die Menge sowie den Zeitpunkt und die Qualität der Probenmaterialien an, ob sich daraus in Zellkulturen im Labor Sars-CoV2 züchten lassen. Lassen sie sich züchten, so ist auch von einem Ansteckungspotenzial des Patienten auszugehen, von dem die Proben entnommen wurden. Wenn nicht, dann vielleicht nicht. Mit hundertprozentiger Gewissheit lässt sich das leider nicht immer sagen. Auch deshalb ist Vorsicht weiterhin besser als Nachsicht.

Es kursieren Zweifel an der Aussagekraft der Corona-Statistiken, weil die Corona-Tests ungenau seien. Experten nehmen dazu Stellung und geben Antworten. Wie funktionieren PCR-Tests?  Schlagen PCR-Tests auch bei „totem Virusmaterial“ an? Können die PCR-Tests überhaupt zwischen verschiedenen Coronaviren unterscheiden? Wenn jemand einen positiven PCR-Test bekommt, bedeutet das zwangsläufig, dass er ansteckend ist?

Wie funktionieren PCR-Tests?

Das Verfahren für den

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