Rems-Murr-Kreis

Corona-Pandemie: Weniger Kinder und Jugendliche gegen HPV geimpft

HPV Virus Impfung
2020 wurden deutlich weniger Kinder und Jugendliche gegen HPV geimpft als 2019. © stock.adobe.com/Sherry Young

Noch nie wurde so viel übers Impfen gesprochen wie in den vergangenen Monaten. Während über Empfehlungen, mögliche Risiken und den Nutzen der Corona-Schutzimpfung diskutiert und berichtet wurde und mehr Menschen sich gegen Influenza und Pneumokokken haben impfen lassen, sind aber andere wichtige Impfungen offenbar in den Hintergrund gerückt.

Während der Corona-Pandemie wurden deutlich weniger Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg gegen Humane Papillomviren (HPV) geimpft. Die Erstimpfungsquote bei Mädchen ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 16 Prozent gesunken. Bei den Jungen war es ein Rückgang um rund sechs Prozent. Das ist das Ergebnis einer Sonderanalyse zum Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit Baden-Württemberg. Diese Daten für Baden-Württemberg liegen unserer Zeitung exklusiv vor.

Humane Papillomviren werden bei intimen Kontakten übertragen und können Gebärmutterhalskrebs und Krebs im Mund-Rachen-Raum hervorrufen. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe erkranken in Deutschland jährlich rund 7700 Menschen an HPV-bedingtem Krebs.

In den Rems-Murr-Kliniken wird HPV-bedingter Krebs behandelt

Die Behandlung solcher Krebserkrankungen ist auch in den Rems-Murr-Kliniken Alltag. „Im vergangenen Jahr haben wir in meiner Sprechstunde vier Patienten behandelt, die an HPV-bedingtem Krebs erkrankt sind“, sagt Bettina Hlawatsch, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Die Zahl der Behandlungen von HPV-bedingten Krebsarten sei in den Rems-Murr-Kliniken in den vergangenen Jahren relativ konstant. „Außerdem haben wir 107 Präkanzerosen diagnostiziert, das sind gewebliche Veränderungen.“ Die Impfung sei sehr wichtig, weil sie die Entstehung solcher Krebsvorstufen wirkungsvoll verhindere. Deutschlandweit liegt die Impfquote laut der Gynäkologin bei rund 50 Prozent. „Das Thema ist schon im Bewusstsein der Patienten angekommen, aber bei den Impfungen haben wir definitiv noch Luft nach oben.“

Siegfried Euerle, Landeschef der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg, geht mit seiner Einschätzung der Entwicklung noch weiter: „Der deutliche Rückgang der HPV-Erstimpfungen bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie ist ein Alarmsignal.“

Viel weniger Jungen als Mädchen sind geimpft

Für die Sonderanalyse der Krankenkasse haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von „Vandage Health Economics & Analytics“ und der Universität Bielefeld anonymisierte Abrechnungsdaten von rund 43.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von neun bis 17 Jahren untersucht, die bei der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg versichert sind. Analysiert wurden die Jahre 2019 und 2020.

Die Daten zeigen, dass die Erstimpfungsquote bei Jungen nahezu das Niveau der Mädchen erreicht hat. So erhielten 2020 mehr als neun Prozent der Jungen im Alter zwischen neun und 17 Jahren im Südwesten eine HPV-Impfung. Bei den Mädchen waren es zwölf Prozent. Trotzdem liegt die Gesamt-Impfquote der Jungen deutlich unter der Quote der Mädchen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts waren Ende 2019 bundesweit rund 47 Prozent aller 15-jährigen Mädchen (Geburtsjahr 2004) vollständig gegen HPV geimpft, aber nur fünf Prozent aller Jungen desselben Alters. Baden-Württemberg zählt zu den Schlusslichtern unter den Bundesländern: Im Südwesten sind nur knapp 38 Prozent der 15-jährigen Mädchen und knapp vier Prozent der gleichaltrigen Jungen vollständig gegen HPV geimpft.

Das ist Euerle zu wenig. Die HPV-Impfung schütze junge Menschen vor Krebserkrankungen und sei deshalb wichtig und richtig. „Es besteht dringender Handlungsbedarf. Wir müssen Eltern bei diesem Thema weiter sensibilisieren und aufklären.“ Kürzlich haben die DAK-Gesundheit, der Krebsverband Baden-Württemberg und das Klinikum Stuttgart deshalb eine Aufklärungskampagne in den sozialen Medien gestartet. Auch Marion von Wartenberg, die stellvertretende Vorsitzende des Krebsverbands Baden-Württemberg, appelliert an alle Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. „Noch immer erkranken zu viele Menschen in Baden-Württemberg an HPV-bedingten Krebserkrankungen.“

Impfung sollte im Alter von neun bis 14 Jahren erfolgen

Seit 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine HPV-Impfung für Mädchen und seit 2018 auch für Jungen. Denn Humane Papillomviren können nicht nur Gebärmutterhalskrebs verursachen: „Die Impfung ist auch für Jungen empfohlen, weil HPV-Viren auch für Penis- und Analkarzinome sowie Mund- und Rachenkarzinome verantwortlich sind“, sagt Hlawatsch. Die Impfung sollte idealerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen, da die Viren sexuell übertragen werden. Die Gynäkologin empfiehlt Eltern ebenso wie die Stiko, ihre Kinder im Alter von neun bis 14 Jahren impfen zu lassen.

Noch nie wurde so viel übers Impfen gesprochen wie in den vergangenen Monaten. Während über Empfehlungen, mögliche Risiken und den Nutzen der Corona-Schutzimpfung diskutiert und berichtet wurde und mehr Menschen sich gegen Influenza und Pneumokokken haben impfen lassen, sind aber andere wichtige Impfungen offenbar in den Hintergrund gerückt.

Während der Corona-Pandemie wurden deutlich weniger Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg gegen Humane Papillomviren (HPV) geimpft. Die

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