Rems-Murr-Kreis

Corona-Prognose Rems-Murr: Wann die Warnstufe bei uns in Kraft treten könnte

Impfungsymbol
Geimpft oder ungeimpft? Ein Riesenunterschied - nicht nur mit Blick auf die Infektionsgefahr, sondern auch auf die Corona-Regeln. © Benjamin Büttner

In der Corona-Krise bricht eine neue Zeit an: Die Pandemie der jungen Leute hat begonnen, Ungeimpfte werden es künftig schwer haben, und für Regelverschärfungen ist  nicht mehr die Inzidenz auf Landkreis-Ebene maßgeblich, sondern die Lage in den Kliniken auf Landesebene. Aber was genau heißt das für den Rems-Murr-Kreis? Womit müssen wir rechnen? Und vor allem: ab wann? Analysen und statistisch begründete Prognosen.

Was besagt die neue Corona-Verordnung?

Die Frage, ob die Regeln verschärft werden, hängt nun von der Entwicklung zweier Kennziffern ab:

  • Intensivbelegung: Wie viele Covid-Patienten befinden sich landesweit auf Intensivstationen?
  • Hospitalisierungs-Inzidenz: Wie viele Covid-Patienten pro 100.000 Einwohner wurden in den vergangenen sieben Tagen landesweit stationär aufgenommen (sowohl intensiv als auch normal)?

Die Warnstufe – und damit eine erste Regelverschärfung – tritt in Kraft, wenn die Hospitalisierungsinzidenz mindestens 8 oder die Intensivbelegung mindestens 250 beträgt.

Die Alarmstufe– und damit eine zweite, drastischere Regelverschärfung – tritt in Kraft, wenn die Hospitalisierungsinzidenz mindestens 12 oder die Intensivbelegung mindestens 390 beträgt.

Welche Regelverschärfungen drohen?

Da wir von der Alarmstufe noch weit entfernt sind, kümmern wir uns momentan nur um die Warnstufe. Wenn sie in Kraft tritt, müssen Leute, die noch nicht geimpft oder von einer Covid-Infektion genesen sind, viele Einschränkungen hinnehmen:

  • Bei bestimmten Terminen in Innenräumen greift für Ungeimpfte dann die einfache 3G-Regel: Teilnahme nur noch mit negativem Schnelltest möglich. Das gilt für Hotel-Übernachtungen, körpernahe Dienstleistungen (zum Beispiel Massage), berufliche Ausbildung, Fahrschule und Sportveranstaltungen im Freien.
  • Bei anderen Terminen in Innenräumen greift für Ungeimpfte dann die verschärfte 3G-Regel: Teilnahme nur noch mit negativem PCR-Test möglich. Das gilt für Konzerte, Vorträge, Gaststätten, Freizeiteinrichtungen (zum Beispiel Bäder), Museen, Bibliotheken, Galerien, Messen, Ausstellungen, Kongresse, VHS-Kurse, Musikschulen – und auch für Sportveranstaltungen in Innenräumen.
  • In Diskotheken gilt dann 2G: Zutritt nur für Geimpfte und Genesene – Ungeimpften hilft auch kein negativer PCR-Test.

Wann könnte die Warnstufe kommen?

Schauen wir, um eine Prognose wagen zu können, die beiden Grenzwerte genauer an.

Hospitalisierungs-Inzidenz: Hier sind wir von der heiklen Schwelle weit entfernt – der Wert beträgt, Stand Mittwoch, 15. September, 2,2. Dass er plötzlich sprunghaft hochschnellt, ist nicht zu erwarten – er ist nämlich seit Wochen recht stabil; lag am 1. September bei 2,4 und am 8. September bei 2,0.

Intensivbelegung: Hier sieht es deutlich anders aus. Am Mittwoch, 25. August, lagen 99 Covid-Patienten in baden-württembergischen Intensivstationen, eine Woche später, am 1. September, waren es bereits 116 (Zuwachs: 17) und am Mittwoch, 8. September, schon 174 (Zuwachs: 58). Schriebe man diese steile Aufwärts-Tendenz in die Zukunft hinein fort, landete man spätestens Ende September klar über 250.

Aber: Am Mittwoch, 15. September, war die Intensivbelegung niedriger, als nach dieser Logik zu erwarten gewesen wäre – sie lag nur bei 193 (Zuwachs zur Vorwoche: 19). Bricht sich die Welle bereits?

Wir zweifeln. Denn jetzt kommt der Schulbeginn-Effekt und dann der Herbst-Effekt. Vorsichtige Prognose: Die Warnstufe könnte irgendwann zwischen Ende September und Mitte Oktober in Kraft treten.

Ist es nicht irritierend, dass die Intensivbelegung so stark steigt?

Doch, ist es. Wir müssen uns nun einem statistisch verblüffenden – und alles andere als beruhigenden – Phänomen zuwenden und dafür etwas weiter ausholen.

Klar ist: Steigt die Zahl der Infektionen, steigt auch die Intensivbelegung. Aber: Als sich im Oktober die zweite Welle aufschaukelte, waren aufgrund der noch fehlenden Impfung viele alte und besonders anfällige Leute betroffen – logisch, dass viele auf der Intensivstation landeten. Mittlerweile hingegen sind die Alten weitgehend durchgeimpft und vermehrt jüngere, widerstandsfähigere Leute infiziert. Es wäre zu erwarten, dass die Intensivbelegung heute viel langsamer steigt als damals.

Nur ist das leider nicht der Fall. Zweite Welle: Bis zum 28. Oktober 2020 war landesweit die Inzidenz auf 96 gestiegen – zum selben Zeitpunkt lagen 170 Leute auf den Intensivstationen. Vierte Welle: Bis zum 15. September war landesweit die Inzidenz auf 93 gestiegen – zum selben Zeitpunkt lagen 193 Leute auf den Intensivstationen.

Dennoch steigt die Intensivbelegung stark - wie ist das möglich?

Es könnte daran liegen, dass heute die Patientenfluktuation auf den Intensivstationen geringer ist als damals. Vermutung: Jüngere Leute mit schweren Verläufen bleiben oft länger in der Klinik und erholen sich wieder – im Oktober starben manche Alten schnell, wodurch immer wieder Betten frei wurden. Eine im Vergleich zum Oktober heute zwar niedrigere Patientenzahl, aber höhere Verweildauer: Ist das die Erklärung?

Unsere eingangs eingeführten beiden Kennziffern

  • Intensivbelegung (wie viele Patienten sind insgesamt da?) und
  • Hospitalisierungs-Inzidenz (wie viele Patienten kommen binnen einer Woche neu hinzu?)

stützen die Vermutung. Die Intensivbelegung ist vom 1. bis zum 15. September von 116 auf 193 steil gestiegen – die Hospitalisierungs-Inzidenz ist im selben Zeitraum bei etwa 2 festgetackert geblieben. Die Zahl der Neuzugänge (die offenbar gar nicht so wahnsinnig wächst) übersteigt schlicht die Zahl der Entlassungen (die offenbar eher niedrig ist).

Wie man es aber auch dreht und wendet: Für das ärztliche und pflegerische Personal in den Kliniken gilt derzeit wieder, was schon im Oktober galt: Die Belastung steigt.

Ist dies nun die Pandemie der jungen Leute?

Tendenziell ja. Landesweit gehörten Mitte Januar weniger als 10 Prozent der Infizierten zur Altersgruppe 0 bis 19 – dieser Wert stieg zunächst langsam bis Mitte August auf rund 20 Prozent und dann rasant bis Mitte September auf über 30 Prozent!

Das glatte Gegenteil ist landesweit für die Altersgruppe Ü 60 zu beobachten: Ihr Anteil am Infektionsgeschehen lag Mitte Januar noch bei fast 30 Prozent, fiel bis Mitte August drastisch auf 9 Prozent und verharrt seither auf diesem Niveau.

Im Rems-Murr-Kreis bietet sich ein ähnliches Bild: Zum 15. September gehörten von 824 aktuell infizierten und deshalb in Isolation befindlichen Menschen 240 der Altersgruppe 0 bis 20 an: fast 30 Prozent. In der Altersgruppe Ü 60 hingegen gab es zum Stichtag nur 73 Infizierte: unter 9 Prozent.

Die Alten schon weitgehend geimpft, die Jungen noch vielfach ungeimpft: Das wirkt sich schlagend aus.

Sind Ungeimpfte Infektionstreiber?

Die Zahlen dazu sind eindeutig. Das Landesgesundheitsamt errechnet täglich gesondert die Inzidenz (Ansteckungen binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner) für den geimpften und für den ungeimpften Teil der Bevölkerung. Die Inzidenz betrug zum 15. September bei den Geimpften 18 – und bei den Ungeimpften 210.

Wer werden nun die Verlierer sein?

Das ist leider absehbar: Von der vierten Welle werden die jungen Leute, da viele von ihnen noch ungeimpft sind, doppelt betroffen sein: Erstens werden sich besonders viele von ihnen anstecken, zweitens werden sie, wenn die Warnstufe in Kraft tritt, unter den verschärften Regeln leiden, während sich für die Geimpften nichts ändert.

In der Corona-Krise bricht eine neue Zeit an: Die Pandemie der jungen Leute hat begonnen, Ungeimpfte werden es künftig schwer haben, und für Regelverschärfungen ist  nicht mehr die Inzidenz auf Landkreis-Ebene maßgeblich, sondern die Lage in den Kliniken auf Landesebene. Aber was genau heißt das für den Rems-Murr-Kreis? Womit müssen wir rechnen? Und vor allem: ab wann? Analysen und statistisch begründete Prognosen.

Was besagt die neue Corona-Verordnung?

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