Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr, 2.2.: Übertreibt Kretschmann? Zahlensalat bei der Impfquote

TITEL Kretschmann
Winfried Kretschmann will vorerst nicht über „Exit-Strategien“ reden. © Gabriel Habermann

Dänemark feiert die neue Freiheit, Winfried Kretschmann sagt, über „Exit-Strategien“ werde er „nicht vor Ostern“ reden – wie passt das zusammen? Spinnen die Dänen, oder übertreibt es der Ministerpräsident mit der Vorsicht? Versuch einer Einordnung mit Rems-Murr-Daten.

Was genau hat Dänemark eigentlich beschlossen?

Seit dem 1. Februar gibt es dort keine Maskenpflicht, keine Sperrstunde und keine Kontaktbeschränkungen mehr, man muss auch nicht mehr den Corona-Pass vorzeigen – Covid-19 wird schlicht nicht mehr als gesellschaftskritische Krankheit eingestuft.

Da die Ansteckungsgefahr aber hoch ist, empfehlen die Behörden weiterhin: Lass dich gegen Covid-19 impfen! Bleib zu Hause und lass dich testen, wenn du Symptome bekommst! Halte Abstand! Lüfte regelmäßig! Achte auf Hygiene vom Händewaschen bis zum Türklinken-Reinigen!

Wie ist die aktuelle Lage in Dänemark?

Gegen die Verbreitung von Omikron hat die Impfung dort nicht geholfen – die Inzidenz stieg auf bis rund 5000 (derzeit scheint sie aber wieder etwas abzuklingen). Zu einer Überlastung des klinischen Systems hat das aber nicht im entferntesten geführt – denn Omikron ist milder als Delta, und die Impfung schützt gegen schwere Verläufe.

Der Vergleich der dänischen Welle im Januar 2021 mit der Lage im Januar 2022 belegt das schlagend.

  • Infektionen: im Januar 2021 bis zu rund 25 000 pro Woche – im Januar 2022 hingegen bis zu über 300 000 pro Woche!
  • Todesfälle: im Januar 2021 bis zu etwa 250 pro Woche – im Januar 2022 aber nur bis zu etwa 100 pro Woche.
  • Covid-Patienten im Krankenhaus: im Januar 2021 am Belastungsgipfel etwa 950 gleichzeitig – im Januar 2022 am Belastungsgipfel etwa 920.
  • Covid-Intensivpatienten: im Januar 2021 am Belastungsgipfel 140 gleichzeitig – im Januar 2022 nur bis zu 36.

Was ist in Dänemark anders als in Deutschland?

Die Antwort in einem Wort: Impfquote.

Die Langfassung: Dass in Dänemark stattliche 81 Prozent der Gesamtbevölkerung doppelt geimpft und 61 Prozent gar schon geboostert sind, ist das zweitwichtigste Faktum; das wichtigste: In der Altersgruppe über 65 Jahren hat Dänemark eine sagenhafte Impfquote von etwa 97 Prozent.

Dagegen Deutschland: Gesamtbevölkerung 74 Prozent, geboostert 53; Ü 60: 88. Christian Drosten nennt das die „deutsche Impflücke“.

Aber ein weiteres Problem kommt hinzu: Wir kennen die deutsche Impfquote im Grunde überhaupt nicht.

Deutsche Impfquote – ja was denn nun?

Das Maß aller Dinge, wenn es um Öffnungen geht, ist die Impfquote? Wenn das stimmt, sind die deutschen Daten mindestens ein Ärgernis, womöglich ein Skandal. Denn wir haben drei konkurrierende „Wahrheiten“ zu dem Thema.

„Wahrheit“ 1: Das Landessozialministerium gibt wöchentlich Daten für Baden-Württemberg heraus – demnach lag im Land die Zweitimpfquote am 30. Januar bei 69,8 Prozent (Rems-Murr-Kreis: 67,7).

„Wahrheit“ 2: Das Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts weist für Baden-Württemberg eine Impfquote von 72,5 Prozent aus und führt damit rund 200 000 Immunisierte mehr in der Statistik als das Landessozialministerium; ein Fall von doppelter Buchführung, der nachgerade fassungslos macht, zumal die Daten schon seit Monaten auseinanderklaffen.

„Wahrheit“ 3: Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass „von einer gewissen Untererfassung“ auszugehen sei – die Meldedaten seien als „Mindest-Impfquoten“ zu verstehen. „Eine Hochrechnung anhand der ausgelieferten Impfstoffdosen ergab eine Unterschätzung der ausgewiesenen Impfquote um maximal 5 Prozentpunkte.“ Mehr dazu siehe hier auf Seite 23 ...

Kombinieren wir all das zu „Wahrheit“ 4: Die Impfquote in Baden-Württemberg könnte irgendwo zwischen 70 und 77 Prozent liegen. Wie lassen sich aus solch einer wirren Datenlage überhaupt stabil begründete Handlungsempfehlungen ableiten?

Wie ist die Lage im Rems-Murr-Kreis?

Obwohl die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis bei 1414 liegt (Stand 2. Februar), merkt man in den Rems-Murr-Kliniken davon weiterhin nichts: Aktuell liegen dort nur 31 Covid-Patienten – um die 30 waren es eigentlich immer seit Mitte Januar, eine steigende Tendenz ist momentan nicht erkennbar.

Noch wichtiger: Nur ein einziger der 31 liegt auf der Covid-Intensivstation; dass sie so gut wie leer ist, dürfte es seit dem Spätsommer nicht mehr gegeben haben.

Besteht dennoch Grund zur Sorge?

Neulich sprach Christian Drosten von der „Inzidenz-Lücke“. Hoppla, bislang kannten wir nur die Impflücke. Was meint er damit?

Das lässt sich anhand der Rems-Murr-Daten wunderbar erklären.

  • Am 1. Februar waren wegen einer akuten Infektion im Rems-Murr-Kreis knapp 6600 Menschen in Isolation.
  • Allein fast 2500 von ihnen (mehr als 37 Prozent) gehörten der Altersgruppe von 0 bis 20 Jahren an.
  • Die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen dürften in der großen Mehrheit der Altersgruppe 31 bis 60 angehören – und auf die entfallen mehr als 2800 Infektionen; macht weitere gut 42 Prozent des Infektionsgeschehens.
  • Über 60 hingegen waren nur etwas mehr als 500 Infizierte (knapp 8 Prozent); grenzt man die Perspektive noch weiter ein auf die Gruppe Ü 70, reden wir gar nur von 233 Leuten (3,5 Prozent).

Sprich: Omikron ist bei den Alten bislang nicht angekommen – das nennt Drosten die Inzidenz-Lücke. Er befürchtet: Wenn die neue Virusvariante lange genug kursiert, könnte sie irgendwann doch noch auch bei den alten, gesundheitlich weitaus stärker gefährdeten Menschen um sich greifen. Das würde die Lage deutlich verschärfen.

Problem: Christian Drosten glaubt, das es so kommen wird – aber auch er hat sich schon geirrt.

Was folgern wir daraus?

Es ist sinnvoll, bei uns nicht genau jetzt Öffnungen einzuleiten – denn Ende Februar werden wir sowieso viel klarer sehen. Zwei, drei Wochen Geduld sind zumutbar. Insofern hat Manuel Hagel, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, recht, wenn er empfiehlt: „bis Aschermittwoch weiter konsequent bleiben“. Das ist am 2. März. Aber „vor Ostern“ nicht über Öffnungsstrategien reden, wie Kretschmann will? Ostermontag ist der 18. April! Das geht zu weit.

Dänemark feiert die neue Freiheit, Winfried Kretschmann sagt, über „Exit-Strategien“ werde er „nicht vor Ostern“ reden – wie passt das zusammen? Spinnen die Dänen, oder übertreibt es der Ministerpräsident mit der Vorsicht? Versuch einer Einordnung mit Rems-Murr-Daten.

Was genau hat Dänemark eigentlich beschlossen?

Seit dem 1. Februar gibt es dort keine Maskenpflicht, keine Sperrstunde und keine Kontaktbeschränkungen mehr, man muss auch nicht mehr den Corona-Pass

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