Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: 600.000 Schnelltests - lohnender Aufwand? Viel Lärm um nichts?

Testzelt Endersbach
Im Rems-Murr-Kreis gab es in den vergangenen Monaten Unmassen von Schnelltests; hier zum Beispiel im Endersbacher Zelt. © Benjamin Büttner

All die Schnelltests: überkandidelter Kontrollfetischismus oder ein Schlüssel zum Erfolg bei der Pandemiebekämpfung? Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie hat der Rems-Murr-Kreis das bislang (Stand Juni 2021) gehandhabt, und was hat es gebracht? Wie viele der Tests waren überhaupt positiv? Und wie steht der Kreis eigentlich da im Vergleich zum legendären Tübinger Modell?

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Aufbau und Struktur 

Was den Aufbau einer Schnellteststruktur betrifft, war der Rems-Murr-Kreis nachgerade visionär unterwegs:

  • Schon im September begann das Team von Landrat Richard Sigel, eine Software auszuhecken, um großangelegte Reihentestungen in Schulen abwickeln zu können. Daraus wurde die Cosima-App, die mittlerweile der Landkreistag und der Städtetag als „Best-Practice-Beispiel“ empfehlen. Aktuell nutzen fast 70.000 Leute die Rems-Murr-App!
  • Bereits im November nahm das Schnelltestzentrum an der Winnender Klinik den Betrieb auf – als erste Einrichtung dieser Art in Baden-Württemberg. Vor Weihnachten wurden dort an einem einzigen Wochenende 2000 Leute, die beim Verwandtenbesuch niemanden anstecken wollten, durchgecheckt; per elektronischer Terminbuchung, ohne Wartezeiten.
  • Als immer mehr Apotheken, Arztpraxen und andere Anbieter Schnelltests machten, baute der Kreis auf www.rems-murr-kreis.de ein Portal auf, in das so gut wie alle Einzelakteure ihre Terminangebote einspeisten. Mittlerweile sind auf diese Art 160 Testzentren zu einem kreisweit flächendeckenden Netz verknüpft. Das Schnelltestportal ging am 8. März online.

Dank des Portals liegen uns nun recht detaillierte Zahlen vor: Im März wurden rund 51 000 Schnelltests im Kreis abgewickelt; etwa 2100 pro Tag. Im April kamen 115 000 Tests zusammen; fast 4000 pro Tag. Im Mai: 172 000; etwa 5500 pro Tag. In den ersten drei Juni-Wochen: auch schon wieder 172 000; macht rund 7800 pro Tag. Addiert: mehr als eine halbe Million Schnelltests binnen knapp vier Monaten.

Und das ist noch nicht alles: Daneben konnten auch „geschulte Dritte“, die vom Roten Kreuz oder in den Rems-Murr-Kliniken eingelernt worden waren, Tests abwickeln – Biergartenbetreiber, Friseure, Unternehmen, Schulen. Es gibt im Kreis mittlerweile 800 Institutionen – darunter allein 90 Schulen –, die mit eigenem Personal Schnelltests organisieren. Der Dreh daran: Auch die geschulten Dritten dürfen die Ergebnisse in die Cosima-App einspeisen, die Getesteten haben damit einen offiziellen Nachweis, dass sie aktuell virenclean sind. Via App-Dokumentation sind rund 75.000 weitere Tests nachweisbar.

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Gesamtzahl und Positiv-Befunde

Das alles ist eine logistische Glanztat, die zentrale Koordination und dezentrale Initiativen intelligent verknüpft. Sehr zu Recht haben wir alle über den üblen Rumpelstart der Impfkampagne im Land geschimpft – die Schnellteststruktur im Rems-Murr-Kreis aber ist eine organisatorische Erfolgsgeschichte, die bislang noch überhaupt nicht angemessen gewürdigt wird.

Stellt sich nur die Frage: Hat es sich gelohnt?

Wenn man die Daten des Schnelltestportals und der Cosima-App zusammenfasst, ergibt sich folgendes Bild:

  • Knapp 600.000 Schnelltests an Rems und Murr sind zusammengekommen.
  • Rund 1000 waren positiv.
  • Das heißt: 99,83 Prozent der Schnelltests brachten den Befund: kein Corona-Verdacht.
  • 0,17 Prozent begründeten einen Infektionsverdacht – was nicht zwangsläufig „infiziert“ bedeutet. Denn der Schnelltest liefert nur ein grobes Bild, das erst noch per PCR-Test laborgestützt überprüft werden muss.

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Was Kritiker einwenden könnten

Es wird Leute geben, die aus diesen Daten folgern: Das hätten wir uns doch auch schenken können. Zumal zumindest Ärzte und Apotheker pro Schnelltest 18 Euro abrechnen können. Eine halbe Million über die Testzentren abgewickelte Schnelltests mal 18 – das ergibt neun Millionen Euro. Viel Geld für wenig Treffer?

Kann man so sehen; man kann aber auch eine vollkommen andere Bilanz aufmachen ...

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Wie Befürworter argumentieren

Insgesamt liefen im Rems-Murr-Kreis von Anfang März bis zum 22. Juni gut 7700 Corona-Fälle auf. Wenn wir unterstellen, dass jeder der 1000 positiven Schnelltestbefunde nachträglich per PCR-Test bestätigt wurde, hieße das: Etwa zwölf Prozent des Infektionsgeschehens wurden durch die Schnellteststruktur aufgedeckt.

Dabei ist davon auszugehen, dass mit starken Krankheitssymptomen verbundene Ansteckungen zwar sowieso erkannt werden – symptomlos verlaufende Infektionen hingegen fliegen oft unterm Radar, werden nicht entdeckt. Folge: Das Virus kann sich unauffällig weiterverbreiten. Man spricht dann gerne in wohlklingender Hilflosigkeit von „diffusem“ Ansteckungsgeschehen.

Genau hier aber sind Schnelltests besonders nützlich: Sie scannen breite Bevölkerungsschichten durch und filtern gerade jene Ansteckungen heraus, die normalerweise übersehen würden. Insofern wäre es äußerst kurzsichtig, die Schnellteststruktur im Rems-Murr-Kreis als teure Nutzlosigkeit abzutun.

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Ausblick auf den Herbst

Der allergrößte Pluspunkt des Konzepts ist aber womöglich ein anderer: Auch wenn die Testfrequenz in den nächsten Wochen bei niedriger Inzidenz um die 10 deutlich heruntergefahren werden wird – das volle Programm, das im Frühjahr ausgerollt wurde, ist jederzeit wiederholbar. Die digitale wie personelle Infrastruktur steht, es gibt die Cosima-App, es gibt geschulte Dritte, es gibt das Wissen: Wir können das, jederzeit und immer wieder.

Was in den vergangenen vier Monaten gelungen ist, kann als Blaupause dienen, falls im Herbst die Delta-Variante eine neue Welle auslösen sollte. Und dann könnte eine hohe Schnelltestleistungsfähigkeit der Garant sein, um selbst, wenn das Infektionsgeschehen heftig Fahrt aufnehmen sollte, die Schulen weiter offen zu halten. „Sollte kurzfristig die Inzidenz wieder nach oben gehen, sind wir sehr gut gerüstet“, sagt Landrat Richard Sigel. „Egal, wie es mit der Pandemie weitergeht – das System funktioniert!“

Schnelltests: Rems-Murr-Kreis und Tübingen im Vergleich

Bundesweit bestaunt wurde in den vergangenen Monaten das Tübinger Modell: Dort gab es Anfang April etwa 5000 Schnelltests pro Tag bei 90.000 Einwohnern in der Stadt; statistisch wurden demnach täglich etwa 5,5 Prozent der Bevölkerung getestet.

Zum Vergleich: Im 427.000 Einwohner zählenden Rems-Murr-Kreis gab es in der ersten Aprilwoche im Schnitt rund 3400 Schnelltests pro Tag, was in Bezug auf die Bevölkerung einer täglichen Durchtestung von 0,8 Prozent entspricht. Damals war Tübingen tatsächlich klar besser. Aber ...

Ende April klagte der Tübinger OB Boris Palmer: Seit Tübingen nicht mehr als Modellstadt besonders lockere Regeln praktizieren dürfe, sei „unsere Test-Rate eingebrochen auf 500 am Tag“. Nun kam Tübingen also nur noch auf eine tägliche Bevölkerungsdurchtestung von gut 0,5 Prozent.

Der Rems-Murr-Kreis indes verbuchte in der letzten Aprilwoche 4600 Schnelltests pro Tag (1,1 Prozent) – und war nun doppelt so gut wie Tübingen!

Tübingen legte spektakulär los und ließ krass nach – der Rems-Murr-Kreis wurde stetig besser. Da stellt sich die Frage: War der Tübinger Weg wirklich so besonders gut? Oder hat OB Boris Palmer ihn nur medial besonders gut verkauft?

All die Schnelltests: überkandidelter Kontrollfetischismus oder ein Schlüssel zum Erfolg bei der Pandemiebekämpfung? Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie hat der Rems-Murr-Kreis das bislang (Stand Juni 2021) gehandhabt, und was hat es gebracht? Wie viele der Tests waren überhaupt positiv? Und wie steht der Kreis eigentlich da im Vergleich zum legendären Tübinger Modell?

Schnelltests im Rems-Murr-Kreis: Aufbau und Struktur 

Was den Aufbau einer Schnellteststruktur betrifft, war

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