Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Covid-19 und Grippe - der große Vergleich

Corona Maske
Die Virengefahr – wie unterscheiden sich Corona und Influenza? Und inwiefern ähneln sie sich? © Pixabay

Die Corona-Krise in Deutschland klingt ab, die Impfkampagne schreitet voran, wir dürfen wohl einen erlösenden Sommer feiern. Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie schlimm hat das Virus wirklich gewütet? Wie fällt der oft bemühte Vergleich mit der Grippe aus? Wie ist es bei Corona um die sogenannte Übersterblichkeit bestellt? Mittlerweile stehen genug Daten aus der ganzen Welt, aus Deutschland und aus dem Rems-Murr-Kreis zur Verfügung, um diesen Fragen detailliert nachzuspüren.

Corona und Grippe: Eine erste Annäherung

Im Grunde sei Corona doch nur so was ähnliches wie Influenza – wie oft wurde dieser Satz bemüht seit März 2020! Noch heute hört man ihn hier und dort.

Dabei hat sich der Vergleich allein schon beim Blick auf die weltweiten Zahlen erledigt. Die schlimmste Grippewelle der vergangenen Jahrzehnte hat nach internationalen Schätzungen weniger als 700 000 Opfer gefordert. Corona hingegen: 3,7 Millionen Tote seit Beginn der Krise – und ein Ende ist vielerorts leider bei weitem noch nicht so absehbar wie in Deutschland; 3,7 Millionen Tote – trotz verzweifelter Schutzmaßnahmen rund um den Globus, die das Maß dessen, was wir im Kampf gegen Influenza-Wellen aufgewandt haben, himmelweit übersteigen.

Und in Deutschland? Wenn wir nur die per Laborbefund verifizierten Toten nach Influenza-Ansteckung zählen, war die Grippe-Saison 2017/2018 das Rekordjahr: 1674 Menschen starben. Die Dunkelziffer ist bei der Grippe aber sehr hoch. Schätzungen kalkulieren für jene Rekordsaison mit 25 000 Todesfällen. Andererseits ist diese Zahl alles andere als typisch. In der Grippe-Saison 2007/2008 zum Beispiel gab es nur sieben laborbestätigte Influenza-Todesfälle; und der Schätzwert beträgt 800.

Pro Saison sieben bis 1674 Grippe-Tote nach Labor-Befund; oder doch 800 bis 25 000? Jedenfalls: Irgendwo zwischen diesen Polen liegt die Durchschnittswahrheit der vergangenen 20 Jahre. Und Corona? Bundesweit momentan rund 90 000 laborbestätigte Todesfälle seit Pandemiebeginn.

Übersterblichkeit: Ein heiß diskutierter Begriff

Werfen wir einen Blick auf die drei großen Infektionswellen in Deutschland. Die Zahlen sind teilweise so bestürzend, dass man sich wirklich fragt, weshalb über das Ausmaß der Gefahr überhaupt noch irgendjemand streiten will.

Im April und Mai 2020 entfaltete sich das seit Anfang März gärende Corona-Infektionsgeschehen erstmals fatal. Vergleichen wir für diese beiden Monate die Zahl aller Todesfälle – auch derjenigen, die mit Corona gar nichts zu tun haben – mit den Vorjahren, ergibt sich folgendes Bild (Zahlen auf volle 100er-Werte gerundet):

  • 1.4. bis 31.5. 2020: 159.700
  • 1.4. bis 31.5. 2019: 153.100
  • 1.4. bis 31.5. 2018: 154.200
  • 1.4. bis 31.5. 2017: 148.900
  • 1.4. bis 31.5. 2016: 149.800

Bereits die erste Welle war nicht nur eine Infektionswelle – sie war auch eine Todeswelle. Noch erschreckender ist der Befund, wenn man die zweite Welle betrachtet – sie schaukelte sich im Oktober auf, entfaltete aber erst von Anfang November bis Ende Januar ihre volle tödliche Wucht (Zahlen wieder auf Hunderter-Werte gerundet):

  • 1. 11. 2020 bis 31. 1. 2021: 301.100
  • 1. 11. 2019 bis 31. 1. 2020: 247.100
  • 1. 11. 2018 bis 31. 1. 2019: 240.900
  • 1. 11. 2017 bis 31. 1. 2018: 241.600
  • 1. 11. 2016 bis 31. 1. 2017: 257.400

Angesichts dieser Daten stellt sich mit aller Schärfe die Frage: Haben wir – haben selbst diejenigen unter uns, die an der Corona-Gefahr niemals gezweifelt haben – überhaupt schon das volle Ausmaß des Leids erfasst, das um die Jahreswende 2020/21 die Bundesrepublik heimgesucht hat? Haben wir diesen Schrecken überhaupt schon an uns herangelassen und würdig betrauert?

Blick auf die dritte Welle im April 2021 (für den Mai hat das Statistische Bundesamt noch keine Zahlen veröffentlicht):

  • April 2021 (dritte Welle): 80.893
  • April 2020 (erste Welle): 83.885
  • April 2019: 77.410
  • April 2018: 79.539
  • April 2017: 73.204
  • April 2016: 75.315

Der Fachbegriff für das, was sich während aller drei Wellen beobachten lässt, lautet: Übersterblichkeit. Das bedeutet: Die Zahl der Todesfälle ist höher, als sich aufgrund des Durchschnittswertes der Vorjahre hätte erwarten lassen.

Vor allem im Winter 2020/21 war die Übersterblichkeit schockierend.

Corona, die drei Wellen im Rems-Murr-Kreis: Eine Nahaufnahme

Stand 2. Juni, gab es im Rems-Murr-Kreis 354 Todesfälle nach Corona-Ansteckung bei insgesamt rund 19.900 Infektionen. Die Sterblichkeit nach Infektion läge demnach bei knapp 1,8 Prozent.

Dieser Wert ist aber fragwürdig. Denn die Dunkelziffer ist hoch. Es gab mutmaßlich viele unerkannte, weil symptomlos oder symptomarm verlaufene Ansteckungen. Die tatsächliche Zahl der Infektionen könnte – die Schätzungen gehen da auseinander – deutlich niedriger sein und die Sterblichkeit womöglich unter 1 Prozent liegen, vielleicht gar Richtung 0,5 Prozent gehen. Aber das ist Spekulation.

Betrachten wir die drei Wellen im Rems-Murr-Kreis gesondert.

Erste Welle:

Von Anfang April bis Ende Mai 2020 wurden 81 Todesfälle nach Infektion verbucht.

Da vom Ausbruch einer Infektion bis zur tödlichen Zuspitzung meist Wochen vergehen, stellen wir dem nicht die Infektionszahlen von Anfang April bis Ende Mai gegenüber, sondern die von Mitte März bis Mitte Mai: Es waren 1061. Rechnerisch ergibt sich, dass 7,6 Prozent der diagnostizierten Infektionen tödlich endeten. Dieser unglaubwürdig hohe Wert lässt sich nur dadurch erklären, dass am Beginn der Pandemie noch wenig getestet wurde und deshalb viele Ansteckungen unterm Radar flogen.

Zweite Welle:

Von Anfang November bis Ende Januar wurden 186 Todesfälle nach Infektion verzeichnet. Dem standen von Mitte Oktober bis Mitte Januar 8804 Infektionen gegenüber. Demnach endeten 2,1 Prozent der Infektionen tödlich. Dieser Wert wirkt immer noch unrealistisch hoch.

Dritte Welle:

Von Anfang April bis Ende Mai starben 39 Menschen nach Corona-Ansteckung. Dem standen von Mitte März bis Mitte Mai 6017 diagnostizierte Infektionen gegenüber. Demnach endeten während der dritten Welle nur noch knapp 0,7 Prozent der nachgewiesenen Ansteckungen tödlich. Warum plötzlich so wenige? Dafür gibt es zwei Erklärungen.

Zum einen war aufgrund des ausgefeilten Schnelltest-Monitorings, das auch viele symptomlose Ansteckungen herausfilterte, die Dunkelziffer viel geringer als im Frühjahr 2020 und im Winter 2020/21.

Zum anderen waren im Frühjahr 2021 die Altenheime im Rems-Murr-Kreis bereits durchgeimpft; und auch viele zu Hause lebende Menschen über 80 hatten den segensreichen Piks bereits erhalten. Folge: Die gefährdetste Altersgruppe spielte beim Infektionsgeschehen kaum eine Rolle mehr.

Zum Vergleich: Das Risiko, nach Influenza-Infektion zu sterben, liegt laut Robert-Koch-Institut bei 0,1 bis 0,2 Prozent.

Corona und Grippe: Wichtig ist die Betrachtung nach Altersgruppen

Besonders gefährdet sind Ältere, chronisch Kranke und Menschen, auf die beide Risikofaktoren zutreffen – das gilt bei Corona wie bei der Grippe.

Aber gilt es auch im selben Maße?

Eine US-Studie zur dortigen Grippe-Saison 2018/2019 ergab folgendes: Quer durch alle Altersgruppen vom Säugling bis zum 64-Jährigen lag die Sterblichkeit nach Ansteckung durchweg zwischen 0,0 und 0,1 Prozent. In der Gruppe 65 und älter stieg sie auf 0,8 Prozent.

Folgendermaßen verteilen sich die Corona-Sterbefälle im Rems-Murr-Kreis nach Altersgruppen:

  • 0 bis 10 Jahre: 0 Todesfälle
  • 11 bis 20 Jahre: 0 Todesfälle
  • 21-30 Jahre: 0 Todesfälle
  • 31-40 Jahre: 1 Todesfall
  • 41-50 Jahre: 5 Todesfälle
  • 51-60 Jahre: 13 Todesfälle
  • 61-70 Jahre: 34 Todesfälle
  • 71-80 Jahre: 70 Todesfälle
  • 81-90 Jahre: 170 Todesfälle
  • 91-100 Jahre: 61 Todesfälle

Und wie viele der per Diagnose gesichert Infizierten verstarben pro Altersgruppe?

  • 0 bis 10 Jahre: 0 Prozent
  • 11 bis 20 Jahre: 0 Prozent
  • 21 bis 30 Jahre: 0 Prozent
  • 31 bis 40 Jahre: 0,03 Prozent
  • 41 bis 50 Jahre: 0,16 Prozent
  • 51 bis 60 Jahre: 0,38 Prozent
  • 61 bis 70 Jahre: 2,04 Prozent
  • 71 bis 80 Jahre: 7,34 Prozent
  • 81 bis 90 Jahre: 18,97 Prozent
  • 91 bis 100 Jahre: 22,76 Prozent

Auch hier gilt: Wenn wir unterstellen, dass es viele unerkannte Corona-Infektionen gab, liegen die wahren Prozentwerte wohl deutlich niedriger. Gleichwohl sind sie in den älteren Gruppen aufwühlend hoch.

Es lässt sich also folgern: Für Menschen unter 50 Jahren dürfte die Corona-Gefahr tatsächlich Pi mal Daumen nicht höher sein als bei der Influenza. Die eine wie die andere Krankheit hat bei jüngeren Leuten statistisch betrachtet so gut wie nie tödliche Folgen. Bei Menschen über 60 sieht es aber bereits ganz anders aus – und Betagte sind exorbitant stärker gefährdet von Corona als von der Grippe.

Corona und Grippe: Unterschiede bei schweren Krankheitsverläufen

Hier Covid-19, da Influenza: Zwar verläuft beim einen wie dem anderen Virus die Infektion in der großen Mehrzahl der Fälle harmlos – wenn die Erkrankung aber doch einen schweren Verlauf nimmt, dann ist die Gefahr einer noch weitergehenden und letztlich gar tödlichen Eskalation bei Corona viel höher. Das belegen zwei Studien.

Französische Forscher von der Universitätsklinik Dijon haben zwei Vergleichsgruppen gebildet: einerseits die Menschen, die zwischen Dezember 2018 und April 2019 so schwer vom Influenzavirus erwischt wurden, dass sie stationär in der Klinik behandelt werden mussten; andererseits die Menschen, die im März und April 2020 so hart vom Coronavirus getroffen wurden, dass sie stationär aufgenommen werden mussten.

Ergebnis: Von den heftig erkrankten Grippe-Klinikpatienten verstarben weniger als sechs Prozent; von den schweren Covid-Fällen fast 17 Prozent.

Noch krasser ist das Ergebnis einer ganz ähnlichen Studie der Saint-Louis-Universität in Missouri: Nach deren Auswertung ist die Gefahr, dass ein schwerer Krankheitsverlauf sich tödlich hochschaukelt, bei Corona fünfmal so hoch wie bei Influenza.

Die Corona-Krise in Deutschland klingt ab, die Impfkampagne schreitet voran, wir dürfen wohl einen erlösenden Sommer feiern. Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie schlimm hat das Virus wirklich gewütet? Wie fällt der oft bemühte Vergleich mit der Grippe aus? Wie ist es bei Corona um die sogenannte Übersterblichkeit bestellt? Mittlerweile stehen genug Daten aus der ganzen Welt, aus Deutschland und aus dem Rems-Murr-Kreis zur Verfügung, um diesen Fragen detailliert nachzuspüren.

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