Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Die Krise, als Erfolgsgeschichte betrachtet

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Rudersberg Corona
Drei Fotos, die unseren Weg durch die Krise beschreiben - erstens: Das geschlossene Schulzentrum Rudersberg im März 2020. © Benjamin Büttner
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Symbolfotoausgangssperre
Drei Fotos, die unseren Weg durch die Krise beschreiben - zweitens: Der nächtliche Waiblinger Marktplatz während des Lockdowns im April 2021. © Gaby Schneider
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Impfen to go
Drei Fotos, die unseren Weg durch die Krise beschreiben - drittens: Anmeldungsfreie Impfung to go vor dem Waiblinger Landratsamt im August 2021. © Gabriel Habermann

Die Corona-Krise eine Erfolgsgeschichte? Sind die beim Zeitungsverlag verrückt geworden? Nein – der folgende Text stellt schlicht den Versuch dar, hier und da einen Perspektivwechsel anzuregen und ein paar vermeintliche Gewissheiten zu relativieren.

Misserfolge: Einige notwendige Vorbemerkungen

Zunächst die Einwände. Das weltweite Ausbrechen einer Pandemie ist eine Katastrophe – von Erfolg ließe sich allenfalls reden, insofern das Krisenmanagement gut gelänge. Aber jede Menge ging schief. Wie sollte es auch anders sein bei einem Ereignis, mit dem die Welt in dieser Dimension seit Menschengedenken keine Erfahrungen hat? Windige Maskendeals, vergeigter Impfstart, Regel-Chaos: alles oft beschrieben.

Überhaupt, die Regeln: Sie sind teils ungerecht. In den ersten 14 Pandemie-Monaten wurden in Deutschland die Schüler wieder und wieder zu Home-Schooling verdonnert, während es für Betriebe keine Home-Office-Pflichten gab. Noch heute werden Jugendliche krass benachteiligt. Sie müssen im Unterricht Maske tragen und sich dauernd testen lassen; mit ihnen kann man’s ja machen. Immerhin, ab dem 18. Oktober soll sich das in Baden-Württemberg endlich ändern - aber in welchem Unternehmen ging und geht es auch nur annähernd so streng zu?

Und dann erst der ganze Streit: Er schnitt mitten durch Familien. Normopathen seid ihr, höhnten die einen – Verschwörungstheoretiker, schimpften die anderen.

Daneben aber stampfte der Rems-Murr-Kreis eine sehr brauchbare App, ein gut funktionierendes Kontaktnachverfolgungssystem, Schnelltestzentren und ein Impfzentrum aus dem Boden; Hausarztpraxen und Klinikpersonal gingen an Grenzen und darüber hinaus. Auch das sei, da schon oft gelobt, nur kurz erwähnt.

Wenden wir uns stattdessen ein paar Dingen zu, die meist unterbelichtet bleiben.

Wir Impfversager? Eine Klarstellung

„Die Zahlen sehen übel aus“, hat dieser Tage Christian Drosten mit Blick auf die deutschen Impffortschritte geklagt. Sicher, er hat irgendwie recht: 64,4 Prozent Vollimmunisierte, das reicht noch nicht; und im Rems-Murr-Kreis ist die Quote mit etwa 60 Prozent gar etwas schlechter.

Nur: Unter 221 Staaten und Territorien, die „Our world in data“ verzeichnet, liegt Deutschland damit immerhin auf Platz 35; und im Grunde sogar viel besser ...

In einem Land mit vielen Einwohnern ist es logistisch viel schwerer als in einem kleinen, auf eine hohe Impfquote zu kommen. Von den 34 aber, die besser dastehen als wir, sind 16 Winzlinge unter einer Million Einwohner, von Grönland bis Aruba, von den Färöern mit 50.000 Menschen bis zur 1700 Seelen zählenden Südpazifikinsel Niue.

Von den verbleibenden 18, die besser sind, haben drei (zum Beispiel Katar) weniger als drei Millionen, sechs (von Singapur bis Dänemark) weniger als zehn Millionen und vier (von Belgien bis Chile) weniger als 20 Millionen Einwohner. Es gibt weltweit nur fünf große Staaten mit besserer Impfquote als Deutschland – alle fünf aber zählen immer noch weniger Einwohner: Frankreich (67 Millionen): 66,0 Prozent. Vereinigtes Königreich (66,6 Millionen): 67,2 Prozent. Italien (60,4 Millionen): 67,6 Prozent. Kanada (37,6 Millionen): 71,5 Prozent. Spanien (46,9 Millionen): 77,8 Prozent.

Die stark gestarteten USA hingegen? 56,4 Prozent. Israel, von dem Beobachter schwärmten, dass man sich dort auf der Strandpromenade spontan piksen lassen könne, während wir Deutschen lahme Bürokraten seien? 62,1. Südkorea, von dem es hieß, dass Asiaten einfach effizienter seien? 46,3. Neuseeland, gefeiert für sein Krisenmanagement? 37,9.

Einer für alle! Wie wir für die Impfung werben könnten

Es ist absehbar, dass auch im Rems-Murr-Kreis die Infektionszahlen spätestens ab Ende Oktober wieder deutlich steigen werden. In Baden-Württemberg dürfte dann mindestens die Warn-, vielleicht auch die Alarmstufe in Kraft treten – das Alltagsleben würde für Ungeimpfte aufgrund strenger Testregeln kompliziert und teuer. Man mag das als Impfzwang durch die Hintertür verurteilen oder als unzureichende, weil hinter einer klaren Impfpflicht zurückbleibende Maßnahme kritisieren – jedenfalls werden viele, die heute noch zögern, sich dann wohl doch umentscheiden. Den Druck erhöhen: Ist das die Lösung?

Der kanadische Professor Steven Taylor hat in dem bereits 2019 erschienenen und in vieler Hinsicht heute prophetisch anmutenden Buch „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ einen anderen Weg skizziert. Grundsätzliche Impfgegner, schreibt Taylor, werden schwer erreichbar sein. Obendrein aber reagieren manche, die eigentlich gar keine Fundamental-Opposition vertreten, schlicht mit Skepsis, wenn sie das Gefühl haben, dass „Regeln“ ihre „Autonomie und Wahlfreiheit bedrohen“. Mit einem „Appell an altruistische Motive“ könnten sie erreichbar sein, glaubt Taylor: Wer sich impfen lässt, hilft damit allen, indem er zur Herdenimmunität beiträgt. Nicht auf Egoismus zu setzen, sondern auf Solidarität: Das könnte helfen. Tu es nicht für dich – tu es für deine Mitmenschen!

Corona-Todesfälle: Wir im europäischen Vergleich

Dies sind die elf bevölkerungsreichsten Staaten Europas, von Schweden (etwa 10,4 Millionen) bis Deutschland (mehr als 83 Millionen) – und die Corona-Toten pro 100.000 Einwohner:

  • Niederlande: 104
  • Deutschland: 113
  • Griechenland: 138
  • Schweden: 143
  • Frankreich: 174
  • Spanien: 182
  • Rumänien: 191
  • Polen: 200
  • Italien: 221
  • Belgien: 221
  • Tschechien: 285

Und der Rems-Murr-Kreis? 87! Wir stehen aber nicht nur relativ gut da; es wird – dank der Impfung – auch absolut immer besser.

Wann immer ein Infektionsherd aufflammt, häufen sich erst etwa zwei Wochen später die Todesfälle. Diese Überlegung liegt der folgenden Analyse zugrunde.

Erste Welle Rems-Murr: 1467 Infektionen Mitte März bis Mitte Mai 2020 – 80 Todesfälle Anfang April bis Ende Mai; Sterblichkeit nach Infektion: 5,5 Prozent.

Die Mortalität mutet exorbitant hoch an, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei der Grippe üblicherweise unter 0,1 Prozent angesetzt werden. Aber: Erstens gab es bei den Corona-Ansteckungen anfänglich eine hohe Dunkelziffer, da das Testsystem noch nicht auf Hochtouren lief. Zweitens gab es noch keine Impfung.

Zweite Welle Rems-Murr: 8763 Infektionen Mitte Oktober 2020 bis Mitte Januar 2021 – 185 Todesfälle Anfang November 2020 bis Ende Januar 2021; Sterblichkeit nach Infektion: 2,1 Prozent.

Immer noch erschütternd; und deutlich realistischer, weil das Infektionsgeschehen jetzt über Tests viel klarer abgebildet wurde.

Dritte Welle Rems-Murr: 6007 Infektionen Mitte März bis Mitte Mai 2021 – 39 Todesfälle Anfang April bis Ende Mai 2021; Sterblichkeit nach Infektion: 0,6 Prozent.

Was für ein phänomenaler Fortschritt! Grund: Zwar war gesamtgesellschaftlich die Impfkampagne noch nicht weit gediehen – aber die besonders Gefährdeten in den Altenheimen waren nahezu durchgeimpft.

Vierte Welle Rems-Murr: 1668 Infektionen Mitte August bis Mitte September 2021 – 10 Todesfälle im gesamten September; Sterblichkeit nach Infektion: 0,6 Prozent.

Das zeigt: Der Grippe-Vergleich verbietet sich weiterhin – aber die Zustände der ersten und zweiten Welle sind überwunden und werden auch bei steigenden Infektionszahlen nicht erneut über uns hinwegrollen.

Jetzt infizieren sich die Jungen - aber was folgt daraus?

Wie viele der jeweils aktuell Infizierten gehörten im Rems-Murr-Kreis während verschiedener Pandemie-Phasen welcher Altersgruppe an? Vergleichen wir zwei Stichtage: 1. 12. 2020 und 30. 9. 2021.

  • 0 bis 20 Jahre: damals 10,5 Prozent Anteil am Infektionsgeschehen; heute 38,4!
  • 21 bis 60 Jahre: damals 66,9, heute 54,6.
  • 61 und älter: damals 22,5 Prozent – und heute nur noch 6,9!

Die Altersstruktur hat sich komplett verändert. Das liegt natürlich am unterschiedlichen Durchimpfungsgrad der Gruppen.

Die Jungen aber sind viel weniger gefährdet – selbst, wenn sie sich infizieren. Thomas Mertens von der Ständigen Impfkommission (Stiko): „Was wir sicher wissen, ist, dass in Deutschland kein Kind unter 17 ausschließlich an Covid-19 verstorben ist.“ Für so junge Leute ohne Vorerkrankungen geht die Lebensgefahr gegen null.

Seien wir ehrlich: Wenn sie sich dennoch impfen lassen, dann tun sie es, um den Schulbetrieb zu sichern; und aus gesellschaftlicher Solidarität. Ihnen zu sagen, dass sie sich unbedingt piksen lassen müssen zu ihrer eigenen Sicherheit, wäre nicht korrekt; und Impfdruck gegen sie aufzubauen, fehl am Platz. Wenn sie es tun: schön! Wenn nicht, dann eben nicht.

Warum es schlimmer hätte kommen können: Steven Taylors Erkenntnisse

Ein großer Trost in dieser Krise ist das Schlusskapitel des oben erwähnten Buchs von Steven Taylor: Er hat aus der Analyse früherer Pandemien ein „Porträt der nächsten“ abgeleitet und lag dabei in vielem richtig; in vielem aber auch, zum Glück, falsch.

„Grundsätzlich wird man ein weit verbreitetes prosoziales Verhalten beobachten können“ – stimmt, Rücksichtnahme und Disziplin waren allgegenwärtig. „Ebenso aber“ seien „bürgerliche Unruhen oder sogar Aufstände“ zu erwarten – es gab nur Demos, die meisten blieben friedlich.

Viele werden sich „an den Ratschlägen der Gesundheitsbehörden“ orientieren – stimmt! „Viele andere werden diese Empfehlungen allesamt nicht einhalten“ – aber selbst die Schorndorfer Querdenker beachteten bei ihren Protesten die Maskenpflicht.

Schulen, Kirchen und andere soziale Orte „werden geschlossen bleiben“ – so war es. „Kritische Teile der Infrastruktur, wie etwa die Müllabfuhr, könnten aufgrund fehlenden Personals kollabieren“ – es gab bloß Schlangen vor den Wertstoffhöfen.

Manchenorts werden die überforderten Krankenhäuser „viele Kranke nach Hause schicken“. Ja, das gab es – aber zu keiner Zeit bei uns. „Depressionen und Verzweiflungszustände“ werden zunehmen – das mag stimmen; aber laut dem Statistischen Bundesamt gab es in Deutschland 2020 weniger Suizide als 2019, nämlich etwas mehr als 8500 statt über 9000.

Kurzum: Es hätte, wenn man vergangene Pandemien zum Maßstab nimmt, viel schlimmer kommen können.

Aber was ist mit den Verschwörungstheorien? Mit denen müssen wir uns abfinden, prophezeite Taylor 2019, sie werden unausweichlich aufgären: Denn so war es immer, von der Beulenpest 1576 bis zum Zika-Virus 2015. Eine Pandemie stürzt uns in tiefe Unsicherheit. Knackige Erklärungsmodelle wirken psychologisch entlastend.

Abgesehen davon: Nicht jede Kritik an der herrschenden Ordnung ist eine Verschwörungstheorie. In so einem komplexen Geschehen mit derart bedrückenden Herausforderungen ist es vollkommen normal, wenn nicht alle einer Meinung sind, absolut sinnvoll, immer wieder um den besten Weg zu ringen, und durchaus empfehlenswert, den Regierenden genau auf die Finger zu schauen.

Wenn es uns allen also gelänge, im Umgang mit Andersdenkenden zur Gelassenheit zurückzufinden, wäre dies nicht der kleinste Erfolg in einer Krise, die wir in vielen Hinsicht bislang gar nicht schlecht gemeistert haben.

Die Corona-Krise eine Erfolgsgeschichte? Sind die beim Zeitungsverlag verrückt geworden? Nein – der folgende Text stellt schlicht den Versuch dar, hier und da einen Perspektivwechsel anzuregen und ein paar vermeintliche Gewissheiten zu relativieren.

Misserfolge: Einige notwendige Vorbemerkungen

Zunächst die Einwände. Das weltweite Ausbrechen einer Pandemie ist eine Katastrophe – von Erfolg ließe sich allenfalls reden, insofern das Krisenmanagement gut gelänge. Aber jede Menge

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