Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Impfmüdigkeit greift um sich, auch Johnson & Johnson noch übrig

Kreisimpfzentrum
Gerd Holzwarth, Leiter des Waiblinger Kreisimpfzentrums, hofft auf viele Impfwillige am Samstag. © Gabriel Habermann

Impftermine, meine Damen und Herren, Iiiiimpftermine! Steigen Sie ein, fahren Sie mit, kommen Sie her, greifen Sie zu! Am Samstag, 3. Juli, in der Waiblinger Rundsporthalle! Impftermine! Muss man sie echt schon anbieten wie Sauerbier? Und der Anpreisung womöglich noch einen erotischen Ton beimischen? Frei ab 18 Jahren! Die Lage hat sich krass gedreht: Droht dem Rems-Murr-Kreis nun die große Impfmüdigkeit - mit fatalen Folgen? 

Allerdings: Wer seine Erstimpfung schon intus und den Zweittermin bereits im Kalender stehen hat, nun aber umbuchen will, wird nicht bedient. Warum? Dazu später mehr. Der Reihe nach ...

Nicht nur Astrazeneca im Überfluss: Die Lage in Waiblingen

Neben einer Astrazeneca-Sonderaktion gibt es im Kreisimpfzentrum nun auch noch eine mit Johnson & Johnson. Die Buchung läuft nicht über die zentrale Plattform, sondern ist rasend simpel: Man wird nicht von einer Telefonwarteschleife stranguliert, man kann einfach nach www.rems-murr-kreis.de surfen, wird bereits auf der Startseite von Impf-Infos empfangen, folgt den Links, gibt Name und Adresse ein, klickt schnell noch hier und da – es funktioniert derartig unkompliziert, dass der Reporter, der bloß mal kurz probieren wollte, wie es läuft, versehentlich gleich einen Termin verbindlich buchte; zum Glück gibt es eine ebenso leicht bedienbare Storno-Funktion.

Das aber war – Stand Donnerstag, 1. Juli, gegen 12 Uhr – die Zwischenbilanz:

  • Am Samstag, 3. Juli, zwischen 8.30 und 17.30 Uhr gibt es im Kreisimpfzentrum 540 Impftermine mit Johnson & Johnson. Bereits gebucht: 30. Auslastungsgrad bislang: unter sechs Prozent.
  • An eben diesem Samstag, 3. Juli, gibt es ferner auch 810 Astrazeneca-Termine. Bereits gebucht: 74. Auslastungsgrad bislang: etwa neun Prozent.
  • Falls aber am Samstag jemand keine Zeit hat – von Montag bis Donnerstag, 5. bis 8. Juli, ist auch noch das meiste frei.

Astra-Skepsis? Oder Impfmüdigkeit?

Dass sich Astrazeneca momentan zum Ladenhüter entwickelt, mag in Ansätzen ja noch nachvollziehbar sein: Man braucht zwei Impfungen, sie liegen zwölf Wochen auseinander. Dass allerdings auch bei Johnson & Johnson, wo eine Impfung reicht, die Nachfrage derartig lahmt, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist das gesellschaftliche Potenzial der Impfwilligen bereits ziemlich ausgereizt?

Ähnliches lässt sich auch andernorts beobachten. Nur ein paar spontan gepflückte Blüten: Das Impfzentrum Rottweil meldete dieser Tage, dass von 1800 Dosen Astrazeneca erst 64 gebucht worden seien, im Landkreis Freising waren es neun von 800.

Auch in den USA gerät die schwungvoll gestartete Impfkampagne derzeit ins Schlingern; zwar liegt in manchen Staaten, die Joe Biden gewählt haben, die Erstimpfquote bereits bei 70 Prozent – in Donald-Trump-Hochburgen wie Mississippi oder Louisiana aber dümpelt sie unter 40.

Zum Vergleich Deutschland: 54,5 Prozent der Bevölkerung erstgeimpft.

Und Baden-Württemberg? 54,1. Kretschmanns Ländle, anfangs viel gescholten wegen des schleppenden Beginns, liegt mittlerweile solide im Mittelfeld – und deutlich vor dem Freistaat Bayern, wo der selbst ernannte Corona-Superduper-Durchgreifer Söder residiert: 51,8.

Bis zur Herden-Immunität aber – mindestens 80 Prozent der Leute sowohl erst-, als auch schon zweitgeimpft! – ist es noch weit. Am knappen Angebot liegt es ab jetzt nicht mehr; sondern an der Nachfrage.

Nur Erstimpfungen möglich, keine Zweitimpfungen: Das sorgt für Proteste

Um die Astrazeneca-Termine im Kreisimpfzentrum gab es dieser Tage auch Ärger: Manche Leute, die ihre erste Impfung bereits intus hatten, wollten dort nun kurzfristig einen Zweittermin buchen – und stellten fest: Das geht nicht.

Wütende Zuschriften landeten deshalb nicht nur im KIZ („kleinkariert!“), sondern auch in unserer Redaktion, weil wir in einem Bericht auf diese Einschränkung nicht hingewiesen hatten („schlecht recherchiert!“).

Es gibt allerdings Gründe für diesen KIZ-Kurs. Gerd Holzwarth, Leiter der Einrichtung, erklärt: Wer sich impfen lässt, „bucht immer ein Terminpaar“, neben dem ersten auch gleich das zweite Datum; bei Astrazeneca in zwölf, bei Biontech in sechs Wochen. „Die Abstände sind vom Sozialministerium vorgegeben“, sagt Holzwarth. Daran sollte man sich eigentlich auch halten.

Nur: Noch vor einigen Wochen haben Leute, die teils verzweifelt auf der Jagd nach der Spritze waren, gebucht, was immer sie kriegen konnten, selbst wenn ein Termin eigentlich ungünstig für sie lag – neuerdings indes stellen viele Menschen fest: Hoppla, es gibt ja jetzt Auswahl, dann schaue ich doch einfach mal, dass ich meinen ärgerlich sperrig mitten in der Sommerferienzeit rumfaulenden Zweittermin vorziehen kann.

Holzwarth hat dafür ein gewisses Verständnis. Nur: Die logistisch hochkomplexe Impfkampagne wird dadurch noch schwieriger handhabbar. Und die Ansage aus dem Sozialministerium sei nun einmal „ganz klipp und klar“ – wer zur Zeit seines Zweittermins krank ist, eine Fortbildung hat oder eine berufliche Auslandsreise, darf gerne verschieben, in der Regel aber natürlich „nach hinten“. Wegen Urlaub einen bereits festgelegten Zweittermin verfallen lassen und stattdessen einen früher liegenden neu buchen? Nicht vorgesehen.

"In der Liederhalle geht alles!"

Das wollen nicht alle hinnehmen. Holzwarth bekam zum Beispiel zu hören: Was seid ihr Waiblinger nur für Spießer, „in der Liederhalle geht alles“, da könne man spontan einfach mal vorbeischauen und fragen, ob gerade ein Spritzchen frei ist!

Tatsächlich, sagt Holzwarth: „Die Kollegen in der Liederhalle machen, was sie wollen.“ In der Waiblinger Rundsporthalle indes gilt am Samstag: „Es handelt sich um reine Ersttermine.“

Impftermine, meine Damen und Herren, Iiiiimpftermine! Steigen Sie ein, fahren Sie mit, kommen Sie her, greifen Sie zu! Am Samstag, 3. Juli, in der Waiblinger Rundsporthalle! Impftermine! Muss man sie echt schon anbieten wie Sauerbier? Und der Anpreisung womöglich noch einen erotischen Ton beimischen? Frei ab 18 Jahren! Die Lage hat sich krass gedreht: Droht dem Rems-Murr-Kreis nun die große Impfmüdigkeit - mit fatalen Folgen? 

Allerdings: Wer seine Erstimpfung schon intus und den

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper