Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Impfpflicht vorm Aus - richtig so? Das sind die Alternativen

Covid Impfung
Impfpflicht ja/nein? Für alle Volljährigen oder erst ab 50? © Gabriel Habermann

Die allgemeine Impfpflicht für alle Volljährigen scheint vom Tisch. Ist das gut? Oder schlecht? Was ist von der Alternative Impfpflicht ab 50 zu halten? Oder der Impfpflicht auf Vorrat? Und was von einem Impfregister? Eine Einordnung aus Rems-Murr-Sicht.

These 1: Allgemeine Impfpflicht vom Tisch? Nachvollziehbar!

Anfang Dezember wäre eine allgemeine Impfpflicht wohl mehrheitsfähig gewesen – im Bundestag, in der Bevölkerung und, nebenbei gesagt, auch in der Redaktion des Zeitungsverlags Waiblingen.

Damals ging die Delta-Variante des Coronavirus um. Die Rems-Murr-Kliniken stellten die planbaren Operationen ein und mussten sich zum Beispiel am 9. Dezember mit großem Aufwand um 26 Covid-Intensivpatienten gleichzeitig kümmern. Wenn es nicht gelinge, die Infektionsdynamik zu drosseln, „gehen wir in die Knie“, warnte Geschäftsführer Marc Nickel.

Zwar hatte die Impfung segensreiche Wirkung entfaltet: Fast nur noch Ungeimpfte erlitten besonders schwere Verläufe; obwohl es viel mehr Infektionen gab als während der zweiten Welle ein Jahr zuvor, waren viel weniger Todesfälle zu beklagen.

Dennoch, der klinische Motor drehte wieder mal im roten Bereich – wie schon im Frühjahr 2020, wie schon im Herbst und Winter 2020, wie schon im Frühjahr 2021; der Ausnahme- schien zum Dauerzustand zu werden, unterbrochen nur von sommerlichen Phasen des Durchatmens.

Und jetzt, ächzten viele, kommt auch noch Omikron, eine neue Variante schwappt herüber aus Großbritannien, ansteckender als alles zuvor ...

Omikron hat dann tatsächlich alles verändert. Aber anders als erwartet.

Omikron: Einerseits jeder Sechste, andererseits nicht mal jeder Tausendste ...

Die Variante, die um die Jahreswende 2021/22 im Rems-Murr-Kreis die Vorherrschaft übernahm, war tatsächlich krass infektiöser; selbst eine dreifache Impfung schützte bei weitem nicht mehr sicher gegen eine Ansteckung. Enorme Zahlen aus dem Rems-Murr-Kreis veranschaulichen das schlagend.

Etwas mehr als 41 000 Infektionen wurden bei uns in den 22 Monaten von Anfang der Pandemie im März 2020 bis zum 31. Dezember 2021 verzeichnet – allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2022 aber sind nun durch Omikron rund 71 000 weitere Ansteckungsdiagnosen hinzugekommen; etwa jeder sechste Rems-Murr-Bürger hat sich binnen eines einzigen Quartals infiziert! Kaum zu fassen.

Riesengroßes Aber: Omikron entpuppte sich als vergleichsweise harmlos. Lebensbedrohlich schwere Krankheitszuspitzungen wurden selbst bei Ungeimpften selten.

Landkreisweit 68 Covid-Tote im ersten Quartal 2022: Jeder einzelne Verlust bringt Schmerz und Trauer. Aber die gefühlskalte Statistik lehrt eben auch: In den schlimmsten drei Monaten der Pandemie – Anfang November 2020 bis Ende Januar 2021 – waren 186 Corona-Todesfälle zu beklagen.

Damals indes liefen keine 71 000 Ansteckungen auf. Sondern nur etwa 8400.

Sprich: Seinerzeit starb, statistisch betrachtet, jeder 45. Mensch nach Infektion – im Jahr 2022, unter Omikron, war es nicht einmal mehr jeder tausendste.

Und in den Rems-Murr-Kliniken liegen aktuell nur zwei Covid-Intensivpatienten.

Dass die allgemeine Impfpflicht, die ganz große Lösung für alle Volljährigen, vor diesem Hintergrund fragwürdig werde, schrieben wir erstmals am 1. Februar. Am 17. Februar sinnierten wir: Womöglich wäre eine Impfpflicht ab 50 sinnvoller. Am 12. März wagten wir die „Prognose: Die allgemeine Impfpflicht kommt nicht.“

These 2: Impfpflicht ab 50? Zumindest epidemiologisch begründbar!

Für eine Impfpflicht ab 50 spricht ein empirisch sehr starkes Argument – eine Auswertung (Stand 23. März) ergab: 98,4 Prozent der rund 127 300 Covid-Toten in Deutschland waren 50 und älter.

Auf die Altersgruppe 50 bis 59 entfallen dabei etwa 4 Prozent aller Todesfälle. 60 bis 69: knapp 10 Prozent. 70 bis 79: knapp 21 Prozent. 80 bis 89: mehr als 43 Prozent. 90 und älter: gut 20 Prozent.

Um keiner Faktenverdrehung Vorschub zu leisten: Covid ist nicht nur für die Ältesten sehr gefährlich! Bislang verstarben in Deutschland rund 46 000 Menschen unter 80 Jahren nach Infektion. Eine schrecklich hohe Zahl.

Aber unbestreitbar ist eben auch: Von Anfang an war das Sterberisiko für Leute mittleren und jüngeren Alters sehr gering.

These 3: Vorbereitungen für den Herbst? Sicher sinnvoll!

Diskutiert wird jetzt auch eine Impfpflicht auf Vorrat – vorbereitende Maßnahmen, die man scharf stellen könnte, falls im Herbst die Lage doch noch einmal eskalieren sollte. Zwei Argumente sprechen dafür.

Erstens: Im Sommer 2021 wusste noch kein Mensch von Omikron – die Variante wurde weltweit erstmals im November in Südafrika und Botsuana nachgewiesen. Wer also wollte sich heute anmaßen, vorhersagen zu können, womit wir im Herbst konfrontiert sein werden?

Zweitens: Auf ein Worst-Case-Szenario vorbereitet zu sein, empfiehlt sich immer – wir waren bisweilen zu sorglos in dieser Pandemie und haben deshalb zu spät reagiert. Hätte Deutschland im Herbst nicht kakofonisch durcheinanderplappernd den rechten Zeitpunkt für Sicherheitsmaßnahmen bis hin zu einem Lockdown verpasst, hätten im Winter 2020/21 viele Menschenleben gerettet werden können.

Grund zur Zuversicht liefert immerhin ein Blick auf die Boosterkampagne ab Dezember 2021: Sie lief, rückblickend betrachtet, fantastisch. Allein im Januar gab es rund 12 Millionen Drittimpfungen in Deutschland; und das Erst- und Zweit-Piks- Geschäft lief reibungslos nebenher – niemand, der wollte, kam zu kurz. Prognose: Unser Landkreis wäre im Bedarfsfall in der Lage, die jetzt geschlossenen Impfstützpunkte ruckzuck zu reaktivieren.

These 4: Impfregister? Dann wüssten wir, was Sache ist!

Und was ist mit einem Impfregister? Datenschützer haben durchaus ernstzunehmende Bedenken – rein aus epidemiologischer Sicht wäre ein Verzeichnis, das wirklich verlässlich verrät, wie viele Leute den Piks haben, sicher wünschenswert. Denn erst dieser Tage haben wir berichtet: Die offizielle Angabe des Landessozialministeriums zur Zweitimpfquote im Rems-Murr-Kreis – 69,0 Prozent – ist ganz sicher zu niedrig; Meldungen von Betriebs- und Privatärzten sind da nämlich meist nicht mit eingeflossen. Wahrscheinlich liegen wir schon über 70, vielleicht gar eher bei 72 bis 75.

Die allgemeine Impfpflicht für alle Volljährigen scheint vom Tisch. Ist das gut? Oder schlecht? Was ist von der Alternative Impfpflicht ab 50 zu halten? Oder der Impfpflicht auf Vorrat? Und was von einem Impfregister? Eine Einordnung aus Rems-Murr-Sicht.

These 1: Allgemeine Impfpflicht vom Tisch? Nachvollziehbar!

Anfang Dezember wäre eine allgemeine Impfpflicht wohl mehrheitsfähig gewesen – im Bundestag, in der Bevölkerung und, nebenbei gesagt, auch in der

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