Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Inzidenz 996 - sagt diese Mondzahl überhaupt noch was aus?

Labor Klinikum
PCR-Tests: Gut! Aber was, wenn künftig die Inzidenz auf der Grundlage von Schnelltests berechnet werden sollte? © Benjamin Büttner

Wir müssen über die Inzidenz diskutieren: Hat Karl Lauterbach bei Lanz den Überblick verloren? Werden jetzt echt schon Schnelltest-Ergebnisse in die Statistik eingepflegt? Wie weit über 1000 wird der Wert, der im Rems-Murr-Kreis, Stand 25. Januar, bei 996 liegt, bei uns noch steigen? Und birgt so eine Mondzahl überhaupt irgendeine Aussagekraft?

Lauterbach bei Lanz: Der Schnelltest-Klopper

Viele, die bislang dachten, der PCR-Test und nur der PCR-Test sei der Goldstandard bei der Infektionsdiagnostik, schauten dieser Tage schwer verwirrt drein, als sie Gesundheitsminister Lauterbach bei Markus Lanz sagen hörten: „Wenn ein Schnelltest an das Gesundheitsamt gemeldet wird, ist er gültig und zählt.“ Ach du grüne Neune, kann das wahr sein? Wo man doch aus mittlerweile ziemlich vielen Studien weiß, dass Schnelltests eine, hüstel, suboptimale Trefferquote haben: Sie melden oft negativ, obwohl ein Mensch infiziert ist; und oft positiv, obwohl überhaupt keine Ansteckung vorliegt. Nur Zyniker können da sagen: Na prima, mal so rum falsch, mal andersrum falsch, das gleicht sich aus ...

Tröstliche Info aus dem Landratsamt: „Die Statistik des Rems-Murr-Kreises basiert“, wie vom Robert-Koch-Institut vorgegeben, „ausschließlich auf positiven PCR-Tests“. Zwar müssten auch positive Schnelltest-Befunde ans Kreisgesundheitsamt gemeldet und ans Landesgesundheitsamt weitergeleitet werden – „sie fließen aber bisher nicht in die 7-Tage-Inzidenz ein“. Gut so. Nur fällt ein Wort auf: „bisher“.

Lässt sich künftig noch vernünftig Statistik betreiben?

Weil die Auswertungslabore in die Knie gehen, sollen künftig bestimmte Gruppen bevorzugt PCR-getestet werden: das Personal in Krankenhäusern, Praxen, Pflege zum Beispiel. Auch Leute mit dem Risiko schwerer Krankheitsverläufe sollen weiterhin, wenn ein Schnelltest Alarm schlägt, einen PCR-Test zur Absicherung bekommen.

Bei vielen anderen aber wird es diese Prüfung nicht mehr geben – und worauf stützt sich dann die Inzidenzstatistik? Alle Leute, die per Schnelltest positiv, aber nicht PCR-geprüft sind, künftig einfach weglassen? Dadurch ergäbe sich absehbar eine viel zu niedrige, das tatsächliche Infektionsgeschehen nicht abbildende Inzidenz. Ungesicherte Schnelltestergebnisse mitzählen? Das würde der Unzuverlässigkeit Tür und Tor öffnen. Beides ist Mist.

Weshalb wir die ketzerische Frage stellen: Na und, wen kümmert’s? Ob die Inzidenz nun offiziell bei 900, 1000 oder womöglich bald bei 2000 liegt – ist das mittlerweile nicht schlichtweg egal?

Die Inzidenz hat kaum noch konkreten prognostischen Wert

Denn die Inzidenz hatte bislang immer eine Funktion, eine Daseinsberechtigung: als Warnmelder.

Besonders viele Infizierte heute, das bedeutete: sehr viele Kranke in einer Woche, viele Intensivpatienten in zwei Wochen, nicht wenige Todesfälle in drei Wochen. Als Seismograf aber funktioniert die Inzidenz nicht mehr. Sie ist ja bereits jetzt und schon seit mindestens zwei Wochen dermaßen hoch, dass nach allen früheren Erfahrungen in unseren Kliniken bereits der Ausnahmezustand herrschen müsste. In Wahrheit aber passiert – zumindest bislang – das Gegenteil: Während die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis seit Ende Dezember steigt und steigt und steigt, wurden die Corona-Stationen im selben Zeitraum leerer und leerer und leerer.

Kleine Datenreihe aus den Rems-Murr-Kliniken – die erste Zahl nennt die Covid-Patienten insgesamt an einem bestimmten Tag; die zweite gibt an, wie viele dieser Patienten auf der Intensivstation lagen; die dritte weist aus, wie viele der Intensivpatienten beatmet werden mussten ...

  • 14. Dezember: 71 – 23 – 21
  • 30. Dezember: 47 – 15 – 15
  • 12. Januar: 34 – 11 – 9
  • 25. Januar: 28 – 6 – 3

Mit Covid-Patienten belegte Intensivbetten in Baden-Württemberg:

  • 14. Dezember: 664
  • 30. Dezember: 535
  • 12. Januar: 387
  • 25. Januar: 286

Die Lage kann sich natürlich immer noch zuspitzen. Brachial hohe Infektionszahlen haben wir erst seit gut einer Woche; in den nächsten zwei, drei Wochen werden wir noch wahnwitzigere Ansteckungsmeldungen bekommen; und die Folgen werden wir erst in weiteren zwei Wochen in vollem Umfang sehen. Selbst wenn die Intensivstationen nicht volllaufen, können zumindest die Normalstationen überquellen, Arztpraxen in die Knie gehen wegen Krankheitsausfall und Personalmangel. Vieles kann passieren, das uns nicht gefällt.

Nur: Der Blick auf die Inzidenz wird uns bei der Prognose, was kommt, künftig nicht mehr helfen.

Wir müssen über die Inzidenz diskutieren: Hat Karl Lauterbach bei Lanz den Überblick verloren? Werden jetzt echt schon Schnelltest-Ergebnisse in die Statistik eingepflegt? Wie weit über 1000 wird der Wert, der im Rems-Murr-Kreis, Stand 25. Januar, bei 996 liegt, bei uns noch steigen? Und birgt so eine Mondzahl überhaupt irgendeine Aussagekraft?

Lauterbach bei Lanz: Der Schnelltest-Klopper

Viele, die bislang dachten, der PCR-Test und nur der PCR-Test sei der Goldstandard bei

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