Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Inzidenz fast 1000 - malt der Expertenrat trotzdem zu schwarz?

Labor Klinikum
PCR-Testauswertung im Labor der Rems-Murr-Kliniken. © Benjamin Büttner

Im Rems-Murr-Kreis türmt sich die Omikron-Welle auf, die Inzidenz nähert sich der Tausendermarke - aber in unseren Kliniken ist davon noch wenig zu spüren. Hat der Expertenrat der Bundesregierung also recht, wenn er dringlich warnt? Oder übertreibt er? Eine Bestandsaufnahme.

Blicken wir zunächst in die Glaskugel; sie steht im Vereinigten Königreich: Unsere Zukunft ist dort nämlich bereits Vergangenheit – auf der Insel scheint die Omikronwelle ihren Gipfel überschritten zu haben, alle Kennzahlen fallen derzeit, Infektionen, Todesfälle, Intensivpatienten, Hospitalisierungen.

Den Höhepunkt der Omikron-Ansteckungswelle markierte im UK die erste Januarwoche 2022: binnen sieben Tagen fast 1,3 Millionen Infizierte. Folge: eine Häufung auch bei den Corona-Todesfällen – in der schlimmsten Phase um den 20. Januar binnen sieben Tagen knapp 1900 Verstorbene.

Zum Vergleich: Die Delta-Welle im Vereinigten Königreich

Ausgesprochen aufschlussreich ist der Vergleich mit der Deltawelle im Königreich. Infektionsgipfel: Anfang Januar 2021; binnen sieben Tagen knapp 420 000 Infizierte. Todesfallgipfel: um den 20. Januar 2021; binnen sieben Tagen fast 8700 Verstorbene.

Sprich: Omikron brachte in der Spitze dreimal so viele Infektionen wie Delta; und nicht einmal ein Viertel der Todesfälle! Denn Omikron ist zwar ansteckender als Delta, aber weniger gefährlich; und Delta traf auf eine großteils ungeimpfte, Omikron auf eine weitgehend geimpfte Bevölkerung.

Die Unterschiede zwischen der Insel und der Bundesrepublik sind nicht so furchtbar groß. Im UK sind zwar etwas mehr Menschen geboostert als in Deutschland und die ältesten Gruppen etwas besser durchgeimpft. Dafür sind bei uns die Corona-Regeln derzeit viel strenger als dort. Ist die Omikronwelle also halb so wild?

Die Warnung des Expertenrats

Der Expertenrat der Bundesregierung warnt in seiner jüngsten Stellungnahme vom 22. Januar dennoch erneut vor der „Gefahr einer erhöhten Belastung des Gesundheitssystems“. Der „Anstieg der Omikron-Welle“ werde „langsam auch bei den Intensivstationsaufnahmen sichtbar“. Zudem „fallen regional in Deutschland bereits an einigen Kliniken viele Mitarbeiter-/innen durch Infektionen und durch Quarantäne aus, und vereinzelt kommt es bereits zu Lieferengpässen bei medizinischen Gütern“. Der Rat empfiehlt deshalb fürs Erste die „Beibehaltung und strikte Umsetzung der bisherigen Maßnahmen“.

Kluge Vorsicht? Oder Schwarzmalerei? Eins gibt Anlass zu großer Sorge: Die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis rast weiter hoch und liegt, Stand 24. Januar, bei 941.

Die Altersstruktur der Infizierten

Was allerdings Hoffnung auf relativ wenige schwere Verläufe macht: Fast 37 Prozent aller aufgrund einer Infektion momentan Isolierten im Kreis sind 20 und jünger; fast 68 Prozent sind 40 und jünger; rund 92 Prozent sind 60 und jünger; und nur 8 Prozent gehören der gefährdetsten Altersgruppe Ü 60 an.

Das sah vor der Impfung vollkommen anders aus – Ende Dezember 2020, in der schlimmsten Phase der zweiten Welle, waren nur gut 10 Prozent der aktuell Infizierten 20 und jünger; aber fast 23 Prozent über 60! Folge: viele Todesfälle.

Die Lage in den Rems-Murr-Kliniken

Ebenfalls ein Mutmacher: Bereits von Montag bis Sonntag, 3. bis 9. Januar, hatten wir im Rems-Murr-Kreis etwa 1400 Neuinfektionen binnen sieben Tagen; und in der Woche vom 10. bis zum 16. Januar liefen dann gar mehr als 2500 Neuansteckungen auf. Diese große Menge von fast 4000 Ansteckungen müsste eigentlich bereits auf die Rems-Murr-Kliniken durchzuschlagen beginnen – dort aber liegen momentan nur sechs Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Das ist der niedrigste Stand seit Monaten.

Die Zahl der mittelschweren Fälle – Menschen, die wegen Covid im Krankenhaus liegen, indes keine intensivmedizinische Versorgung brauchen – steigt in den Rems-Murr-Kliniken seit einigen Tagen zwar wieder leicht. Sie ist aber mit 25 immer noch viel niedriger als im gesamten November und Dezember, als der Wert phasenweise über 60 schoss.

Dazu fügt sich die aktuelle Meldung des Divi-Intensivregisters: Stand 24. Januar, sind in Baden-Württemberg 293 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt; der niedrigste Wert seit Anfang November.

Klar ist aber natürlich: Die Lage in unseren Kliniken wird sich unausweichlich verschärfen. Denn allein in der Woche von Montag bis Sonntag, 17. bis 23. Januar, kamen bereits wieder mehr als 3700 und am 24. Januar noch einmal 684 weitere Infektionen neu hinzu. Diese Zahlen stellen alles, was wir bislang kennen, weit in den Schatten – und der Gipfel der Omikron-Krise ist ja mutmaßlich noch gar nicht erreicht.

Erst Mitte, Ende Februar werden wir sehen, wie viele Menschen deshalb im Krankenhaus und auf der Intensivstation landen; und wie viele Menschen sterben. Bis dahin dürfte Vorsicht wohl nicht falsch sein.

Personalausfall? Materialknappheit? 

Zwei Befürchtungen des Expertenrats immerhin sind in den Rems-Murr-Kliniken bislang nicht eingetreten.

Stichwort Personalausfälle wegen Infektion und Quarantäne: „Derzeit ist die durchschnittliche Abwesenheitsquote“ an den Standorten Winnenden und Schorndorf „übergreifend mit 11 Prozent noch in einem verkraftbaren Bereich und nicht besorgniserregend“, teilt ein Kliniksprecher mit; wobei da bereits „alle Abwesenheitsgründe“ mitgezählt sind und „nicht nur Fehlzeiten aufgrund von Omikron“. Zwar „erwarten wir, dass die Zahlen steigen“. Aber die Kliniken seien mit „Ausfallplänen darauf vorbereitet“ und könnten „auf mögliche Engpässe schnell reagieren“ , zum Beispiel „mit Personalverschiebung“.

Stichwort Lieferengpässe: Die gebe es zwar beim einen oder anderen Artikel – aber das lasse sich derzeit über alternative Anbieter kompensieren. Und da die Kliniken bei den wichtigsten Materialien in der Regel sowieso Vorrat für sechs Monate im Lager liegen haben, ist mit dramatischen Notständen eher nicht zu rechnen.

Drostens Warnung - und was daraus wurde

Und noch ein ganz allgemeiner Trost: Nicht jede Schreckensprognose tritt ein. Anfang November warnte Christian Drosten: Sollte es beim Impfen keinen Fortschritt geben, müsse Deutschland in nächster Zeit mit mindestens 100 000 weiteren Corona-Toten rechnen; und das sei eine konservative Schätzung. In Wahrheit ging es beim Impfen voran, vor allem die Boosterkampagne lief schwungvoll, und seit Anfang November hat das Robert-Koch-Institut etwa 20 000 Corona-Todesfälle verzeichnet. Drostens Worst-Case-Szenario ist uns bei weitem erspart geblieben.

Im Rems-Murr-Kreis türmt sich die Omikron-Welle auf, die Inzidenz nähert sich der Tausendermarke - aber in unseren Kliniken ist davon noch wenig zu spüren. Hat der Expertenrat der Bundesregierung also recht, wenn er dringlich warnt? Oder übertreibt er? Eine Bestandsaufnahme.

Blicken wir zunächst in die Glaskugel; sie steht im Vereinigten Königreich: Unsere Zukunft ist dort nämlich bereits Vergangenheit – auf der Insel scheint die Omikronwelle ihren Gipfel überschritten zu haben, alle

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