Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Junge Menschen sind "die Verlierer der Pandemie", klagt Jugendamtsleiter Holger Gläss

Jugendberufsagentur
Junge Menschen waren in der Corona-Krise meist sehr diszipliniert - und mussten "unglaublich viele Nachteile erdulden", sagt Jugendamtsleiter Holger Gläss. © ALEXANDRA PALMIZI

Wenn Holger Gläss darüber nachsinnt, welche Ereignisse der Corona-Krise im Zusammenhang mit jungen Leuten besonders empört diskutiert wurden, fällt ihm spontan zweierlei ein: Corona-Partys und die Krawallnacht von Stuttgart. Sicher dürfe man derlei thematisieren; aber die meisten jungen Leute hätten sich in der Krise „extrem diszipliniert“ verhalten. Und das, obwohl sie „unglaublich viele Nachteile erdulden“ mussten. Sie „sind die Verlierer der Corona-Pandemie“, sagt der Leiter des Kreisjugendamtes Rems-Murr.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter hat es unlängst in einem Thesenpapier folgendermaßen formuliert: Kinder und Jugendliche seien von den Krisenauswirkungen besonders stark betroffen – die Debatte über notwendige Maßnahmen aber sei „nahezu vollständig aus der Perspektive von Erwachsenen geführt“, die Frage, ob man Kindertagesstätten und Schulen schließen soll, fast „ausschließlich virologisch“ diskutiert worden. Die Nöte der Jungen, Jüngeren und Jüngsten hätten „kaum Berücksichtigung bei der Entscheidungsfindung“ erfahren.

Für Kinder ist die psychische Belastung in der Corona-Krise heftig

Andreas Ockert, Jugendhilfeplaner beim Rems-Murr-Kreis, verweist auf die sogenannte Copsy-Studie (Corona und Psyche) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Eine Kern-Erkenntnis daraus laute: „Fast jedes dritte Kind zeigt Hinweise auf eine psychische Belastung“, bei sieben von zehn sei von einer reduzierten Lebensqualität auszugehen. Verbreitete Folgen seien depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden.

Es gibt für den Rems-Murr-Kreis Kennzahlen, die von der Bedrängnis etwas ahnen lassen. Beispiel „Ambulante Einzelfallhilfen“ wie Erziehungsbeistandschaft oder sozialpädagogische Familienhilfe: Pro Jahr gab es im Kreis vor Corona recht stabil etwa 500 Fälle; im Jahr 2020 waren es plötzlich fast 650. Beispiel Schulbegleitung für Kinder mit einer manifesten oder drohenden seelischen Behinderung: 164 Fälle im Jahr 2019, 234 im Jahr 2020.

Ein schillernderes Bild ergibt sich bei den jährlichen Prüfverfahren zur Kindeswohlgefährdung: Die Zahl der Fälle 2020 lag bei 325 – deutlich mehr als 2016, 2017, 2018; aber nicht mehr als schon 2019. Das tröstet, einerseits. Andererseits: Studien legen nahe, dass die Dunkelziffer gestiegen ist. Denn ein Fall von Kindeswohlgefährdung gerät ja oft nur auf den Radar, wenn zum Beispiel ein Lehrer etwas bemerkt und sich ans Jugendamt wendet. Wie aber sollen Pädagogen ihr Achtsamkeitssensorium ausspielen, wie blaue Flecken an den Armen erkennen, wenn ein Kind nur ein einige Quadratzentimeter großes Bildchen auf einem PC-Monitor ist?

Lockdown: Die Folgen für Kinder und Jugendliche sind noch nicht absehbar

Zur Wahrheit gehört auch dies: Wie dramatisch oder überschaubar die Lockdown-Folgen für Kinder und Jugendliche wirklich sind, wissen wir noch lange nicht. Bei der Bestandsaufnahme der Schäden stehen wir erst ganz am Anfang. Was wächst sich aus, wenn das Leben wieder freier wird? Was drängt erst mit den Jahren an die Oberfläche? Vollkommen offene Fragen.

Eins sei „wirklich erschreckend“, sagt Jugendamtsleiter Gläss: Während 2020 pro Monat im Schnitt sieben Kinder im Rems-Murr-Kreis zu ihrem Schutz in Obhut genommen wurden, waren es von Anfang Januar bis Ende Mai 2021 pro Monat 12. Ein „explosionsartiger Anstieg“ – wenn das so weitergehe, seien „die Herausforderungen für das Jugendamt mit den vorhandenen Personalressourcen nicht zu meistern“.

Doppelt benachteiligt: Junge Menschen aus prekären Verhältnissen 

Eine Tatsache, die sich immer schärfer herausschält: Genau die Kinder und Jugendlichen, die sowieso schon vorher benachteiligt waren, weil sie aus armen Familien, aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen, sind „besonders hart getroffen“, sagt Andreas Ockert vom Kreisjugendamt.

Und das sind nicht wenige: Von den 73.600 Menschen unter 18 Jahren im Rems-Murr-Kreis gelten 14.000 als armutsgefährdet. Sie leiden besonders darunter, wenn Jugendhäuser geschlossen und Vereinsaktivitäten gestrichen sind. Unter prekären Lebens- und beengten Wohnbedingungen kann Streit in der Familie besonders schlimm aufgären.

Kinder und Jugendliche also sind die Verlierer der Pandemie – „wir müssen uns“, wirbt Holger Gläss, „für sie einsetzen!“ Und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter formuliert in ihrem Thesenpapier einen beschwörenden Appell: „Die Auswirkungen und Folgen der Corona-Krise auf Kinder und Jugendliche sind bei allen künftigen politischen Entscheidungen zu berücksichtigen!“

Wenn Holger Gläss darüber nachsinnt, welche Ereignisse der Corona-Krise im Zusammenhang mit jungen Leuten besonders empört diskutiert wurden, fällt ihm spontan zweierlei ein: Corona-Partys und die Krawallnacht von Stuttgart. Sicher dürfe man derlei thematisieren; aber die meisten jungen Leute hätten sich in der Krise „extrem diszipliniert“ verhalten. Und das, obwohl sie „unglaublich viele Nachteile erdulden“ mussten. Sie „sind die Verlierer der Corona-Pandemie“, sagt der Leiter des

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