Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr-Kreis, 18.3.: Irrwitzige Infektionszahlen - was daraus folgt

Kindertest
Sind Kinder derzeit die Haupt-Infektionstreiber? Irrtum! © Gabriel Habermann

Die Diskussion, wie viel Freiheit wir uns neuerdings erlauben können und wie viel Disziplin wir uns weiterhin auferlegen müssen, gischtet dieser Tage hoch. Aber was sagen die Rems-Murr-Daten dazu? Ein genauer Blick auf die Details offenbart Verblüffendes: Bei den Infektionen gibt es einen neuen Rekord. Wir erkennen aber auch erstaunt, dass Kinder derzeit nicht die Haupttreiber des Infektionsgeschehens sind. Und die Covid-Intensivstation? Ist fast leer. Der große Corona-Überblick, Stand 18. März 2022.

Infektionen auf Rekordniveau

Noch nie seit Beginn der Pandemie gab es im Rems-Murr-Kreis auch nur annähernd so viele Ansteckungsmeldungen wie im Februar und März 2022 – und wir reden hier, im krassen Gegensatz zu früheren Wellen, nicht von einem Nadelstich nach oben in der statistischen Fieberkurve; wir befinden uns seit zwei Monaten (und eigentlich auch schon zuvor) auf einem mächtigen Infektions-Hochplateau. Seit dem 22. Januar und bis zum 4. März liefen pro Woche – ja, pro Woche! – zwischen etwa 5200 und 6200 Neu-Infektionen auf.

Zwischen Samstag, 5. März, und Freitag, 11. März, aber kamen weitere 6675 Ansteckungsdiagnosen hinzu; ein Rekord, der umgehend wieder pulverisiert wurde: In den sieben Tagen von Samstag, 12. März, bis Freitag, 18. März, waren es 6832.

Nicht nur hat sich damit die Hoffnung, dass Mitte Februar der Gipfel überschritten sein könnte, vollkommen zerschlagen – die nächsten Wochen könnten sogar noch höhere Zahlen bringen. Denn erstens sind nun ja Lockerungen im Gespräch. Zweitens dominiert mittlerweile der noch ansteckendere Omikron-Subtyp BA.2.

Testzahlen hoch, aber kein Statistik-Verzerrer

Moment, meinen manche, sitzen wir da nicht einem statistischen Trugbild auf? Derzeit gebe es nur deshalb so viele Positivbefunde, weil besonders viel getestet werde ...

Doch diese Behauptung ist weitgehend (wenngleich nicht komplett) falsch. Richtig ist zwar: Während der zweiten Welle um die Jahreswende 2020/21 gab es pro Woche eine bis 1,5 Millionen PCR-Tests in Deutschland – derzeit liegen wir eher bei zwei. Richtig ist aber auch: Damals waren 10 bis 15 Prozent der PCR-Tests positiv – derzeit sind es mehr als 50! Das ist wirklich krass.

Aber ist es auch schlimm? Oder kann man gut damit umgehen? Drei Kennziffern helfen bei der Einordnung.

Kennziffer 1: Todesfälle

In den acht Wochen seit dem 22. Januar sind im Rems-Murr-Kreis fast 49 000 Ansteckungen aufgelaufen; und 39 Menschen nach Infektion verstorben. Das ergibt eine Sterblichkeitsquote von 0,08 Prozent.

In Welle zwei – den acht Wochen von Ende November 2020 bis Ende Januar 2021 – wurden 5281 Ansteckungsmeldungen verzeichnet; staunenswert wenig (so viel kommt momentan binnen fünf, sechs Tagen zusammen). Aber 148 Todesfälle waren zu beklagen; furchtbar viel. Sterblichkeitsquote: 2,8 Prozent.

Statistisch betrachtet war das Virus damals 35-mal so gefährlich wie heute. Die Ursachen sind bekannt: Erstens ist Omikron viel harmloser, zweitens gab es damals noch keine Impfung. Ihr segensreicher Effekt kann gar nicht oft genug gepriesen werden. Der Impfstart war in dieser Pandemie der Game-Changer schlechthin.

Kennziffer 2: Hospitalisierte

In den Rems-Murr-Kliniken werden derzeit 79 Infizierte stationär behandelt – das sind etwa so viele wie Ende November auf dem Gipfel der vierten Welle; und fast so viele wie um die Jahreswende 2020/21 auf dem Höhepunkt der zweiten Welle.

Riesengroßes Aber: Wie mehrfach berichtet, sind mittlerweile oft 50 Prozent und mehr aller „Corona-Patienten“ in Schorndorf und Winnenden Leute, die gar nicht mit Covid-Beschwerden kommen, sondern wegen ganz anderer Nöte eingeliefert und quasi nebenbei positiv getestet werden. Die aktuelle Zahl der Hospitalisierten ist also gewaltig relativierungsbedürftig.

Kennziffer 3: Intensivpatienten

Nur noch ein einziger Corona-Patient liegt derzeit in den Rems-Murr-Kliniken auf der Covid-Intensivstation. Auf den Gipfeln früherer Wellen mussten teilweise gleichzeitig mehr als 20 schwer Corona-Kranke intensivmedizinisch versorgt werden.

Die Altersstruktur der Infizierten

Man staune: Im Kreis gehörten im Januar noch 19 Prozent der wegen Infektion aktuell Isolierten zur Altersgruppe 0 bis 10 Jahre – mittlerweile aber ist der Anteil der Kinder am Ansteckungsgeschehen auf 10 Prozent gefallen; die Jüngsten sind derzeit eindeutig nicht die Haupttreiber der Pandemie!

Zur Verdeutlichung: Es gibt etwa 45 100 Kinder unter 11 Jahren im Kreis, 799 von ihnen sind derzeit in Isolation – macht 18 Infizierte pro 10 000. Hingegen die Älteren:

  • 11 bis 20 Jahre: 28 pro 10 000 isoliert
  • 21 bis 30 Jahre: 28 pro 10 000 isoliert
  • 31 bis 40 Jahre: 23 pro 10 000 isoliert
  • 41 bis 50 Jahre: 21 pro 10 000 isoliert

Alle belasteter als die Kleinsten! Erst danach verändert sich das Bild – nun folgen die Gruppen mit der höchsten Impfquote:

  • 51 bis 60 Jahre: 16 pro 10 000 isoliert
  • 61 bis 70 Jahre: 12 pro 10 000 isoliert
  • 71 bis 80 Jahre: 7 pro 10 000 isoliert
  • 81 und älter: 8 pro 10 000 isoliert

Die Impfquote stagniert weiterhin

In ganz Deutschland werden momentan pro Tag etwa 6000 Menschen erstgeimpft; das ist so gut wie nichts.

Wir hängen weiterhin bei etwa 76 Prozent doppelt Geimpften fest; beziehungsweise 89 Prozent in der Altersgruppe 60 plus. Zu wenig, um dem Herbst 2022, wenn sich wohl die nächste Welle auftürmt, ganz entspannt entgegenblicken zu können. Schon seit längerem geht nicht mehr viel.

Und die Booster-Kampagne? Etwa 60 000 Menschen pro Tag lassen sich in Deutschland derzeit einen Auffrischungspiks setzen; das ist besser als nichts.

Die bundesweite Booster-Quote beträgt gut 58 Prozent. Hier muss man aber berücksichtigen, dass erst 29 Prozent der Minderjährigen geboostert sind, was den Gesamtschnitt nach unten zieht; während bei der am stärksten gefährdeten Generation 60 plus der Wert bereits bei mehr als 78 Prozent liegt. Das ist nicht übel.

Was bringt der Herbst?

Best-Case-Szenario: Die Herbstwelle wird von Omikron oder einem omikronähnlichen Virus getrieben. Dann würde die bereits derzeit erreichte Impfquote wohl reichen, um ohne drastische Verschärfung der Schutzmaßnahmen durch den Winter zu kommen.

Worst-Case-Szenario: Eine Variante sucht uns heim, die so ansteckend ist wie Omikron und so gefährlich wie Delta – dann könnte es, sofern wir bis dahin keine Impfpflicht haben, erneut zu strengen Regeln kommen, womöglich einer Art Lockdown.

Die Diskussion, wie viel Freiheit wir uns neuerdings erlauben können und wie viel Disziplin wir uns weiterhin auferlegen müssen, gischtet dieser Tage hoch. Aber was sagen die Rems-Murr-Daten dazu? Ein genauer Blick auf die Details offenbart Verblüffendes: Bei den Infektionen gibt es einen neuen Rekord. Wir erkennen aber auch erstaunt, dass Kinder derzeit nicht die Haupttreiber des Infektionsgeschehens sind. Und die Covid-Intensivstation? Ist fast leer. Der große Corona-Überblick, Stand 18.

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