Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr-Kreis, Juli 2022: Sterberisiko jetzt unter Grippe-Niveau?!

Intensivstation RMK
Gerät zur Covid-Intensivbehandlung in der Rems-Murr-Klinik Winnenden. © Benjamin Büttner

Wie gefährlich ist Corona? Die Antwort fällt heute radikal anders aus als zu Beginn der Pandemie: Das Sterberisiko war im gesamten Jahr 2022 gering und ist zuletzt sogar noch weiter gesunken – es wird mal wieder Zeit für den berühmt-berüchtigten Grippe-Vergleich ...

Wie errechnet sich das Sterberisiko?

Wir müssen dafür zwei Zahlen gegeneinanderhalten: die Zahl der Infektionen gegen die Zahl der Todesfälle nach Ansteckung. Wobei wir mit einer bösen Unschärfe zu kämpfen haben: Die Zahl der Infektionen kennen wir überhaupt nicht, wir kennen nur die Zahl der gemeldeten Infektionen. Ein gewaltiger Unterschied; auf den wir später zurückkommen werden.

Im Folgenden halten wir nicht die Infektionen in einem Monat neben die Todesfälle im selben Monat. Sondern die Infektionen in einem Monat neben die Todesfälle von der Mitte dieses Monats bis zur Mitte des Folgemonats. Grund: Es dauert einige Zeit, bis sich Infektionen tödlich zuspitzen.

Wie hoch war das Sterberisiko früher?

Um ein Gefühl für die aktuelle Lage zu bekommen, blicken wir zunächst zurück auf die berüchtigte zweite Welle:

  • Infektionsmeldungen von Anfang November 2020 bis Ende Januar '21: 8401
  • Todesfälle nach Infektion von Mitte November bis Mitte Februar: 184
  • Sterblichkeit: 2,2 Prozent

Das Sterberisiko war damals erschütternd hoch, selbst wenn wir eine beträchtliche Dunkelziffer nicht erkannter Corona-Infektionen unterstellen. Zum Vergleich: Bei der Grippe geht man von etwa 0,1 Prozent aus. Die damals von manchen kolportierte Behauptung, dass Corona nur "so was wie Influenza" sei, war in dieser Pandemiephase reiner Unsinn. Mehr dazu hier.

Wie hoch ist das Sterberisiko heute?

Betrachten wir zunächst nur das erste Quartal 2022:

  • Infektionsmeldungen von Anfang Januar bis Ende März: 71.244
  • Todesfälle nach Infektion von Mitte Januar bis Mitte April: 71
  • Sterblichkeit: 0,10 Prozent

Was für eine enorme Veränderung: Das Sterberisiko lag nun tatsächlich nur noch etwa auf Grippe-Niveau. Die Gründe für diese erfreuliche Entwicklung wurden oft beschrieben: Omikron ist harmloser als frühere Virusvarianten. Vor allem aber traf die zweite Welle eine nahezu völlig ungeimpfte Bevölkerung, während im Februar 2022 die Impfquote in Deutschland bereits bei rund 75 Prozent lag. Und das Serum schützt zwar nicht zuverlässig gegen einfache Ansteckung, aber sehr gut gegen schwere Verläufe. Mehr dazu hier.

Blicken wir nun aufs zweite Quartal 2022 – jetzt wird es wirklich frappierend:

  • Infektionsmeldungen von Anfang April bis Ende Juni: 36.473
  • Todesfälle nach Infektion von Mitte April bis Mitte Juli: 28
  • Sterblichkeit: 0,077 Prozent

Das ohnehin schon niedrige Sterberisiko ist zuletzt also noch einmal spürbar gesunken.

Wie verlässlich sind die Zahlen?

Wir müssen uns nun dem eingangs erwähnten Problem zuwenden: Wir kennen nur die Zahl der gemeldeten Infektionen. Die aber ist umso höher, je mehr PCR-Tests wir machen; denn nur mit diesem diagnostischen Goldstandard abgesicherte Befunde fließen in die Statistik ein. Wenn die PCR-Testintensität hingegen sinkt, steigt die Dunkelziffer unerfasster Ansteckungen.

Leider gibt es keine gesonderte PCR-Testzahlen-Auswertung für den Rems-Murr-Kreis. Wir können uns aber zur Groborientierung mit den bundesweiten Daten des Robert-Koch-Instituts behelfen.

Im ersten Quartal 2022 gab es in Deutschland rund 2,2 Millionen PCR-Tests pro Woche. Im zweiten Quartal 2022 waren es nur noch gut 900.000. Zum Vergleich die Zeit der zweiten Welle (November und Dezember 2020 sowie Januar 2021): etwa 1,2 Millionen Tests pro Woche.

Die Ansteckungsdunkelziffer ist derzeit mutmaßlich gewaltig. Wenn wir heute so viel testen würden wie im ersten Quartal, läge die Inzidenz wohl nicht, wie offiziell ausgewiesen, bei gut 900, sondern eher bei 1200 oder 1500. Ratschläge für positiv Getestete gibt es hier.

Was sagt das über das Sterberisiko?

Die absolute Zahl der Corona-Todesfälle ist ein belastbarer Wert; von einer nennenswerten Dunkelziffer ist nicht auszugehen.

Die absolute Zahl der Corona-Positivdiagnosen ist ein schwammiger Wert; er hängt stark davon ab, ob wir viel oder wenig testen.

Und die prozentuale Aussage zum Sterberisiko ist damit auch immer wackelig.

Faustregel: Wenn wir die Zahl der PCR-Tests drosseln, laufen wir Gefahr, das tatsächliche Ansteckungsgeschehen zu unterschätzen – und das Sterberisiko zu überschätzen.

Genau in dieser Falle stecken wir momentan. Das Sterberisiko von 0,1 Prozent fürs erste Quartal 2022 dürfte recht realistisch sein, denn dieser Wert fußte auf einer im Pandemieverlauf einzigartigen Testintensität. Das Sterberisiko von unter 0,08 Prozent fürs zweite Quartal 2022 ist weniger aussagekräftig, denn ihm liegt eine mutmaßlich sehr unvollständige Bestandsaufnahme der Infektionen zugrunde.

Hätten wir im zweiten Quartal so viel getestet wie im ersten, hätte sich womöglich nur ein Sterberisiko um 0,05 Prozent ergeben. Und das wäre dann wirklich eindeutig unter Grippe-Niveau.

Ist Corona jetzt also harmlos?

Nun ja, es gibt natürlich immer noch Long Covid (hier die Sicht von Betroffenen). Nur sind die statistischen Erkenntnisse dazu leider erbärmlich.

Das Robert-Koch-Institut schrieb unlängst: „Die Häufigkeit von Long Covid kann noch nicht verlässlich geschätzt werden. Je nach Datenbasis, Falldefinition und Studienmethodik“ kommen „unterschiedliche Studien zu sehr unterschiedlichen Schätzungen“.

Vielleicht haben demnach 41 Prozent all jener Menschen, die zwar symptomatisch erkrankten, aber nicht so schwer, dass sie in die Klinik mussten, danach Long-Covid-Symptome entwickelt; fast jeder zweite!

Vielleicht waren es aber auch nur 7,5 Prozent; das wäre etwa jeder Dreizehnte.

Das erinnert an die empirische Präzision einer legendären mathematischen Formel aus der Agrarwissenschaft: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist.“

Wie gefährlich ist Corona? Die Antwort fällt heute radikal anders aus als zu Beginn der Pandemie: Das Sterberisiko war im gesamten Jahr 2022 gering und ist zuletzt sogar noch weiter gesunken – es wird mal wieder Zeit für den berühmt-berüchtigten Grippe-Vergleich ...

Wie errechnet sich das Sterberisiko?

Wir müssen dafür zwei Zahlen gegeneinanderhalten: die Zahl der Infektionen gegen die Zahl der Todesfälle nach Ansteckung. Wobei wir mit einer bösen Unschärfe zu

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