Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr-Kreis: Wie wahrscheinlich ist Karl Lauterbachs Killervariante?

lauterbach
Er hat sich ja nicht sehr verändert: Das Foto entstand vor mehr als zehn Jahren, als Karl Lauterbach beim Zeitungsverlag Waiblingen zu Gast auf ein Redaktionsgespräch war. © Bernhardt

Die Omikron-Welle klingt ab - droht im Herbst die „Killervariante“, vor der Karl Lauterbach warnt? Wir zweifeln. Und dieser Zweifel lässt sich begründen: mit einem logischen Denkspiel und mit Rems-Murr-Daten ...

Eine Frage vorweg: Stimmt die Ausgangsüberlegung überhaupt?

Zunächst: Klingt die Omikron-Welle wirklich ab? Die gemeldeten Infektionszahlen sind ja nur noch begrenzt belastbar. Denn während es in Deutschland in den ersten drei Monaten 2022 wöchentlich bis zu 2,5 Millionen PCR-Tests gab, sank die Quote zuletzt auf unter 1,5 Millionen.

Es gibt aber eine bessere Kennzahl: die Lage in den Intensivstationen. In den Rems-Murr-Kliniken werden aktuell nur vier Covid-Patienten intensivbehandelt (das sah mal ganz anders aus). In ganz Baden-Württemberg sind es etwa 160 – der niedrigste Stand seit Anfang September. Ja, die Omikron-Welle klingt ab.

Und für künftige Wellen sind wir besser gerüstet als früher. Die überwältigende Mehrheit der Menschen im Kreis dürfte mittlerweile entweder geimpft sein oder eine Infektion erlitten haben; oder beides.

Zwar schützt eine Impfung nicht sicher vor Infektion und eine Infektion nicht sicher vor einer weiteren Infektion (ausführlichere Überlegungen dazu hier) – aber die Wucht solch einer Ansteckung dürfte absehbar nicht mehr so groß sein. Denn viele Menschen verfügen über Antikörper, und auch unsere Immunantwort durch die sogenannten T-Zellen ist mittlerweile besser geschult. Sie erkennen von Sars-CoV-2 befallene Zellen und vernichten sie.

Wir wären einer „Killervariante“, wenn sie denn kommen sollte, also nicht mehr so hilflos ausgeliefert – aber kommt sie überhaupt? Bemühen wir dazu ein Denkspiel.

Wie Virusvarianten entstehen – und welche höhere Chancen haben

Wie andere Viren auch mutiert Sars-CoV-2 ständig. Wir dürfen uns das nicht als zielgerichtetes Vorgehen vorstellen. Viren können nicht planen. Varianten entstehen zufällig. Bei der Vermehrung eines Virus werden Tausende Erbgut-Bausteine kopiert. Dabei passieren Fehler. Und manchmal kommt eben eine Variante heraus, die bessere Verbreitungschancen hat als andere.

Nun stellen wir uns zunächst eine Situation vor, in der es für das Virus schwierig ist, sich zu verbreiten, weil viele Menschen geimpft sind oder genesen und obendrein aufpassen, indem sie die Hygiene beachten.

Stellen wir uns weiter eine Variante vor, die nicht sehr ansteckend ist, aber gefährlich. Von 100 Leuten träfe es, sagen wir, nur 10 – davon aber stürben 5. Nur 5 Leute blieben übrig, die andere anstecken können.

Nun stellen wir uns dagegen ein Virus vor, das sehr ansteckend ist, aber eher harmlos. Von 100 Leuten träfe es 50 – davon aber stürben auch nur 5. 45 Leute könnten das Virus weitertragen.

Ein zwar sehr ansteckendes, aber nicht sehr gefährliches Virus hat unter den gegebenen Bedingungen also die größten Chancen, sich durchzusetzen. Die Omikron-Variante entspricht genau diesem Bild.

Dass es immer so weitergeht, ist natürlich nicht in Stein gemeißelt. Bei einem hohen Infektionsgeschehen steigt zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit für Mischvarianten: Wenn sich eine Person gleichzeitig mit zwei unterschiedlichen Typen infiziert, können die beiden unter Umständen Teile ihres Erbguts austauschen – aus Delta und Omikron würde Deltakron; das ist vereinzelt schon passiert und nachgewiesen.

Ob diese Mischvariante aber in der Lage wäre, Omikron zu verdrängen, steht auf einem anderen Blatt. Die Virologin Ulrike Protzer vom Helmholtzzentrum München glaubt nicht daran: „Wenn die Infizierten schlimmer erkranken, bleiben sie vermehrt im Bett. Dann könnte sich aber diese Variante nicht mehr so rasant verbreiten.“

Was Rems-Murr-Daten nahelegen: Die abklingende Virenwucht

Es gibt auch ein statistisches Argument dafür, dass die Tendenz zu zwar ansteckenderen, aber harmloseren Varianten geht – betrachten wir dazu die fünf Wellen im Rems-Murr-Kreis. Wir fassen dabei jeweils einen dreimonatigen Infektionszeitraum ins Auge und stellen dem, zeitlich um zwei Wochen versetzt, einen dreimonatigen Sterbezeitraum dagegen, da sich die Todesfälle erst mit Verzögerung häufen.

  • Erste Welle, Frühjahr 2020. Virusvariante: Ursprungstyp. Situation: keine Impfung verfügbar; und die Immunsysteme verfügten noch über keinerlei Erfahrungen mit dem neuen Virus. Von Anfang März bis Ende Mai knapp 1600 diagnostizierte Infektionen, von Mitte März bis Mitte Juni 91 Covid-Todesfälle – Sterblichkeit nach Infektion: 5,7 Prozent.
  • Zweite Welle, Herbst/Winter 2020/21. Rahmenbedingungen: ähnlich. Von Anfang November bis Ende Januar knapp 8500 diagnostizierte Infektionen. Von Mitte November bis Mitte Februar 184 Covid-Todesfälle – Sterblichkeit nach Infektion: knapp 2,2 Prozent.

Der Unterschied zwischen erster und zweiter Welle ist allerdings trügerisch: Am Anfang blieben besonders viele Infektionen unerkannt, weil die PCR-Teststruktur erst aufgebaut werden musste. Die errechnete Sterblichkeit während der ersten Welle ist deshalb ziemlich sicher deutlich zu hoch.

Aber richtig spannend wird es nun:

  • Dritte Welle, Frühjahr 2021. Virusvariante: Alpha. Situation: Besondere Risikogruppen, vor allem die Älteren in Heimen, waren weitgehend durchgeimpft. Von Anfang März bis Ende Mai knapp 7100 Infektionen, von Mitte April bis Mitte Juni 50 Covid-Todesfälle – Sterblichkeit nach Infektion: 0,7 Prozent.
  • Vierte Welle, Herbst 2021. Virus-Variante: Delta. Situation: hohe Impfquote. Anfang Oktober bis Ende Dezember rund 19.200 Infektionen, Mitte Oktober bis Mitte Januar 125 Covid-Todesfälle – Sterblichkeit: gut 0,6 Prozent.
  • Fünfte Welle, seit Anfang 2022. Virus-Variante: Omikron. Mittlerweile war nicht nur die Impfquote hoch, es gab auch eine erfolgreiche Booster-Kampagne – und viele Genesene hatten ebenfalls Widerstandskraft aufgebaut. Von Anfang Januar bis Ende März rund 70.800 Infektionen, von Mitte Januar bis Mitte April 69 Todesfälle – Sterblichkeit nach Infektion: weniger als 0,1 Prozent.

Steigende Ansteckungswucht, sinkendes Risiko einer Krankheitseskalation: Das ist der Trend, den die Rückschau ergibt.

Wie gesagt: Sichere Prognosen verbieten sich; ob wir die „Killervariante“ an die Wand malen oder lässig als Mythos abtun – das eine wie das andere ist Kaffeesatzleserei für Fortgeschrittene. Aber es gibt zumindest plausible Argumente dafür, dass Lauterbachs Schockszenario eher nicht eintritt.

Die Omikron-Welle klingt ab - droht im Herbst die „Killervariante“, vor der Karl Lauterbach warnt? Wir zweifeln. Und dieser Zweifel lässt sich begründen: mit einem logischen Denkspiel und mit Rems-Murr-Daten ...

Eine Frage vorweg: Stimmt die Ausgangsüberlegung überhaupt?

Zunächst: Klingt die Omikron-Welle wirklich ab? Die gemeldeten Infektionszahlen sind ja nur noch begrenzt belastbar. Denn während es in Deutschland in den ersten drei Monaten 2022 wöchentlich bis zu 2,5

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