Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Männer krass stärker gefährdet, aber Menschen unter 30 kaum

Long Covid Corona Feature
Symbolfoto. © pixabay (CC0 Public Domain)

Wenn wir heute über die Corona-Krise reden, werden Dinge sichtbar, die 2020 noch im Dunkeln lagen: Das Risiko, nach Infektion zu versterben, ist für Männer verblüffend viel höher als für Frauen – und für Menschen unter 30 sogar noch geringer, als vielen bewusst sein dürfte. Das offenbart ein genauer Blick auf die Rems-Murr-Daten. Was aber folgt daraus?

Shitstorm für Karin Prien - ist Corona für junge Menschen harmlos?

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) musste neulich ihren Account auf Twitter deaktivieren. Der Shit-storm war zu brachial.

Prien hatte darauf hingewiesen, dass Kinder zwar bisweilen „mit Covid-19“, aber „nur extrem selten wegen Covid-19“ sterben – dass sie eine Querdenkerin sei, war danach noch der harmloseste Vorwurf; sie verbreite „Desinformation“, sei „ideologisch verblendet“, verhöhne tote Kinder und solle von allen Ämtern zurücktreten.

Dabei hatte Karin Prien schlicht das empirisch Offensichtliche benannt: Nur sehr wenige Kinder – und dabei vor allem schwer, zum Beispiel an Krebs, vorerkrankte – starben bislang nach Covid-Infektion.

Wir haben in dieser Zeitung immer wieder betont, wie wichtig die statistische Perspektive ist; wohl wissend, dass sie kalt anmuten kann, weil der tragische Einzelfall von der Fülle der Daten verschüttet wird. Aber das große Ganze lässt sich anders leider nun einmal nicht erkennen.

Unter Verweis auf die Zahlen haben wir darauf hingewiesen, wie schlimm Corona während der zweiten Welle im Herbst und Winter 2020/21 wütete und wie segensreich in den Monaten danach die Impfung die Lage verändert hat.

Genauso ernst aber muss man die Zahlen nun nehmen, wenn sie besagen: Für junge Menschen bestand niemals während dieser Pandemie ein statistisch auffälliges Sterberisiko; und das gilt erst recht, seit die Omikron-Variante dominant ist.

Null: Ein Blick auf die Altersgruppe bis 30 Jahre

Etwa 130 000 Menschen im Rems-Murr-Kreis sind 30 Jahre und jünger. Bei knapp 30 000 von ihnen wurde seit März 2020 eine Infektion diagnostiziert; dazu muss man von einer mutmaßlich im fünfstelligen Bereich liegenden Dunkelziffer unerkannter, weil symptomlos verlaufener Ansteckungen ausgehen.

Aber niemand von diesen 30 000 oder auch deutlich mehr Infizierten der Altersgruppe 0 bis 30 ist bislang im Kreis verstorben: kein Kind, kein Jugendlicher, kein junger Erwachsener, kein Twen; und das, obwohl bis Mitte 2021 noch kaum jemand von diesen Jüngeren geimpft war.

Vor diesem Hintergrund müssen wir uns rückblickend die Frage stellen: Waren die Schulschließungen mit all ihren bekannten Nebenwirkungen – psychische Nöte, Vereinsamung, Lernprobleme – jederzeit richtig, angemessen, nötig, unvermeidlich? Wie auch immer man die Frage beantwortet: Wer sie stellt, darf allein dafür gewiss nicht als Querdenker geschmäht werden.

Corona war gefährlich – aber gilt das heute noch genauso?

Corona wie Grippe? Entschuldigung, aber diesen Quatsch müssen wir nicht noch einmal durchkauen. Solange es keine Impfung gab und solange noch nicht die harmlosere Virusvariante Omikron die Vorherrschaft übernommen hatte, war Corona für sehr viele Menschen sehr gefährlich.

Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei etwa 81 Jahren. Daraus ergibt sich: Viele – viel zu viele – Menschen sind nach einer Infektion vor der Zeit gestorben.

Covid-Todesfälle im Rems-Murr-Kreis nach Altersgruppen (Stand 10. Februar):

  • 31-40 Jahre: 3 Todesfälle 0,03 % der Infizierten verstarben
  • 41-50 Jahre: 9 Todesfälle 0,09 % der Infizierten verstarben
  • 51-60 Jahre: 33 Todesfälle 0,37 % der Infizierten verstarben
  • 61-70 Jahre: 65 Todesfälle 1,6 % der Infizierten verstarben
  • 71-80 Jahre: 104 Todesfälle 4,9 % der Infizierten verstarben

Bereits in diesen Altersgruppen ist die Sterbequote nach Infektion beklemmend hoch; solche Werte kennen wir von der Grippe nicht. Man muss das einerseits zwar relativieren wegen der Dunkelziffer unerkannter Infektionen. Andererseits aber: Würde man die vielen Omikron-Infektionen herausrechnen und allein frühere Pandemiephasen betrachten, wäre die Sterbequote noch viel höher. Nehmen wir nun aber noch die Allerältesten in den Blick ...

Hochbetagte: Was muss man bei der Zahlendeutung beachten?

Richtig ist: Hochbetagte sind die Risikogruppe schlechthin.

  • 81-90 Jahre: 224 Todesfälle 13,9 % der Infizierten verstarben
  • 90 und älter: 67 Todesfälle 16,2 % der Infizierten verstarben

Dass die alle aber aufgrund ihrer bereits abgelaufenen allgemeinen Lebenserwartung „sowieso bald gestorben“ wären, ist Unsinn. Denn wir müssen auch die sogenannte „weitere Lebenserwartung“ berücksichtigen. Sie gibt an, auf wie viele zusätzliche Jahre ein Mensch, der bereits ein bestimmtes Alter erreicht und damit verschiedene Sterberisiken (Säuglingssterblichkeit, Unfälle und schwere Krankheiten in frühen Jahren) bereits überlebt hat, noch hoffen darf.

In Deutschland blickt ein 80-jähriger Mann laut Statistik einer durchschnittlichen Erwartung von weiteren acht Jahren entgegen, bei 80-jährigen Frauen geht die Statistik gar von weiteren zehn aus. Wer es schafft, 85 zu werden, dessen Perspektiven verbessern sich noch weiter: 85-jährige Männer haben im Schnitt fünf, Frauen sechs weitere Jahre vor sich.

Eins aber kann nicht oft genug betont werden: Durch die Impfung und durch Omikron hat sich die Lage grundstürzend verändert. Und deshalb sind die Rezepte, die anfangs ihre Berechtigung hatten, jetzt nicht mehr unbedingt angemessen.

Und die Impfpflicht? Sie ist weder grundsätzlich richtig noch prinzipiell falsch – bei der Bewertung muss es immer um Verhältnismäßigkeit gehen, um Abwägung. Haben wir es mit einem eher gefährlichen oder eher harmlosen Virus zu tun? Wie groß ist das Sterberisiko? Droht eine Überlastung des Gesundheitssystems? Wie gut sind wir bereits geschützt, weil ja die große Mehrheit längst freiwillig geimpft ist?

Wer aufgrund der Erfahrungen mit Omikron an einer allgemeinen Impfpflicht zweifelt, darf allein dafür sicher nicht in die Querdenker-Ecke gesteckt werden.

Wie stark sind Männer gefährdet im Vergleich zu Frauen?

Dass in der Corona-Krise Männer gefährdeter sind als Frauen, ist schon lange bekannt. Aber wie stark ist der Effekt?

Stand 10. Februar, waren von 505 nach Infektion verstorbenen Menschen im Rems-Murr-Kreis 289 Männer, also 57,2 Prozent; und das, obwohl sich seit Pandemiebeginn nur etwa 18 500 Männer, aber rund 20 300 Frauen über 30 Jahren angesteckt haben!

Ein auffälliger Befund – der aber noch nicht im Entferntesten die ganze Wahrheit ausdrückt. Wir müssen tiefer schürfen ...

Wie stark sind Männer WIRKLICH gefährdet?

Corona-Todesfälle im Rems-Murr-Kreis nach Altersgruppen:

  • 31-40: 2 männlich, 1 weiblich
  • 41-50: 6 männlich, 3 weiblich
  • 51-60: 21 männlich, 12 weiblich
  • 61-70: 46 männlich, 19 weiblich
  • 71-80: 70 männlich, 34 weiblich
  • 81-89: 122 männlich, 102 weiblich
  • 90 plus: 22 männlich, 45 weiblich

Während in den unteren Altersgruppen klar mehr Männer starben, ist der Effekt bei den Alten nicht mehr so auffällig und dreht sich bei den Ältesten gar komplett um! Wie das?

Wenn wir heute über die Corona-Krise reden, werden Dinge sichtbar, die 2020 noch im Dunkeln lagen: Das Risiko, nach Infektion zu versterben, ist für Männer verblüffend viel höher als für Frauen – und für Menschen unter 30 sogar noch geringer, als vielen bewusst sein dürfte. Das offenbart ein genauer Blick auf die Rems-Murr-Daten. Was aber folgt daraus?

Shitstorm für Karin Prien - ist Corona für junge Menschen harmlos?

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