Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Warum die Inzidenz durch die Decke geht und was dagegen hilft

Coronavirus
Das Virus hat uns wieder fest im Griff – wie konnte es dazu kommen? © Pixabay

Wie konnte es geschehen, dass die Inzidenz dermaßen durch die Decke schießt, obwohl doch schon viele Leute geimpft sind? Und sind jetzt auch Geimpfte, also vermeintlich Sichere, wieder stark gefährdet? Viele Leute fragen sich das derzeit. Ein Antwortversuch.

Inzidenz im Rems-Murr-Kreis am Freitag 12. November: 388. In keiner der vorigen Wellen gab es auch nur annähernd so hohe Werte. Wie kann das sein? Die Antwortsuche führt uns ganz zurück an den Anfang der Pandemie. Erinnern wir uns ...

Exponentielles Wachstum: Ein Rückblick

Als im März 2020 das Virus um sich zu greifen begann, warnten Experten: Wenn wir nicht reagieren, läuft das aus dem Ruder – dann droht exponentielles Wachstum.

Rechenbeispiel: Ein Mensch steckt in einer Woche zwei Leute an, die beiden stecken in der zweiten Woche vier an, die vier in der dritten Woche acht; macht insgesamt 15. Wenn wir nun Gegenmaßnahmen ergreifen, wird die Dynamik gedrosselt. Lassen wir aber die Virusverbreitung im gleichen Tempo – jede Person steckt zwei an – weiterlaufen, kommen in den folgenden drei Wochen 114 neue Fälle hinzu; und in drei weiteren Wochen zusätzlich 896!

Wenn wir nicht mit dem Ansteckungsfaktor 2 rechnen, sondern nur mit 1,1 bis 1,2 – etwa davon ist derzeit in Baden-Württemberg auszugehen –, vollzieht sich die Explosion langsamer. Das Grundprinzip bleibt aber dasselbe: Je länger wir nichts tun, desto krasser schießen die Zahlen hoch.

Im März 2020 hat Deutschland schnell und erfolgreich reagiert – Folge: Die erste Welle verlief glimpflich. Im Herbst 2020 haben wir zu lange gezaudert – Folge: bundesweit 47.000 Corona-Tote allein zwischen Anfang November und Ende Januar.

Und diesmal? Von Samstag bis Freitag, 16. bis 22. Oktober, liefen im Rems-Murr-Kreis 700 Infektionen auf; eine besorgniserregende Zahl – der keinerlei Konsequenzen folgten. Von Samstag bis Freitag, 23. bis 29. Oktober, wurden im Kreis bereits 953 Ansteckungsmeldungen verzeichnet – wieder geschah nichts. Von Samstag, 30. Oktober, bis Freitag, 5. November, kamen gar 1160 neue Positivdiagnosen zusammen – und erst am 3. November griff die Warnstufe mit gewissen Regelverschärfungen. Ob sie nennenswerte Wirkung entfalten werden, ist unklar. Klar ist nur: Bislang ist davon nichts zu merken; Neuinfektionen im Kreis von Samstag, 6. November, bis Freitag, 11. November: 1639. Eintausendsechshundertneununddreißig.

Geimpft und ungeimpft: Wer gefährdet wen?

Aber es sind doch viele geimpft? Stimmt. Nur eben nicht genug. Allein im Rems-Murr-Kreis haben mehr als 135.000 Leute noch keinen Piks. Wenn sich fortan jede Woche 2000 Leute anstecken würden, wäre erst in mehr als einem halben Jahr etwa die Hälfte dieser Menschen infiziert.

Hinzu kommt eine fatale Mechanik: Auch Geimpfte können das Virus abbekommen, weil die Vakzine gegen die Delta-Variante nicht zuverlässig genug anschlagen. Das Robert-Koch-Institut geht mittlerweile von bundesweit mindestens 175.000 Impfdurchbrüchen aus, von Fällen also, bei denen eigentlich Immunisierte erkennbare Krankheitssymptome entwickelten. Bei etwa 56 Millionen vollständig Geimpften ist das nicht viel: 0,3 Prozent. Aber die Tatsache, dass eine Ansteckung bei Geimpften meist symptomlos verläuft, wird nun zur Falle: Ohne es zu merken, können Geimpfte das Virus an Ungeimpfte weitergeben, werden also zur Gefahr für jene, die sich selbst nicht schützen, sondern lieber weiterhin dem von Tag zu Tag immer heftiger werdenden Ansteckungsrisiko aussetzen wollen.

Ungeimpfte aber werden, man muss das so hart sagen, zusehends auch zur Gefahr für Geimpfte: Denn wenn das Virus zu viele Zwischenwirte findet, kann es sich schwungvoll verbreiten – und unausweichlich steigt inmitten eines derart enthemmten Infektionsgeschehens die Ansteckungsbedrohung für alle; auch für die eigentlich einigermaßen gut Immunisierten.

Aus diesem Teufelskreis gibt es nur einen einzigen Ausweg: die Impfquote erhöhen.

Impfeffekte, oder: Wer lebt am gefährlichsten?

Aber die Impfung, heißt es manchenorts, bringe doch gar nichts – mittlerweile seien viele Covid-Patienten in den Krankenhäusern Geimpfte. Stimmt das?

Dazu Zahlen des Landesgesundheitsamtes: In den vergangenen vier Wochen erkrankten in Baden-Württemberg 2870 Menschen so schwer, dass sie stationär ins Krankenhaus mussten. Davon waren laut LGA 657 geimpft (knapp 23 Prozent) und 2213 ungeimpft (gut 77 Prozent); und das, obwohl die Gruppe der Geimpften (in Baden-Württemberg etwa sieben Millionen Menschen) deutlich größer ist als die der Ungeimpften (etwa 4,1 Millionen).

Schauen wir uns nun nur die Baden-Württemberger an, bei denen in den vergangenen vier Wochen die Covid-Erkrankung derartig eskalierte, dass intensivmedizinische Versorgung nötig wurde: 394 Fälle – 61 geimpft (gut 15 Prozent), 333 ungeimpft (knapp 85 Prozent).

Bilanz: Mittlerweile sind auch Geimpfte in signifikantem Maße bedroht. Aber Ungeimpfte leben weitaus gefährlicher.

Zu spät erkannt: Die falsche Kennziffer

Wir müssen zur Ehrenrettung eines viel geschmähten Indikators schreiten: Die Inzidenz ist besser als ihr Ruf!

Früher haben wir die Notbremse gezogen, wenn die Inzidenz – Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen – einen gewissen Wert überstieg. Davon haben wir uns verabschiedet und stattdessen die Zahl der landesweit mit Covid-Patienten belegten Intensivbetten zum Maßstab gemacht.

Es gab dafür ein Argument: In einer Gesellschaft, in der vor allem die Alten und besonders Gefährdeten weitestgehend geimpft sind, führt eine hohe Inzidenz nicht mehr so schnell wie früher zu vielen schweren Krankheitsverläufen. Erinnern wir uns: Als Alarmschwelle war im Jahr 2020 noch eine Inzidenz von 50 angesetzt! Das ergäbe heute keinen Sinn mehr.

Aber damit haben wir uns von einem früh und sensibel auf keimende Dynamiken reagierenden Seismographen getrennt und uns stattdessen einem erst spät schrillenden Warnsystem anvertraut. Die Intensivbettenbelegung nämlich steigt erst dann auffällig steil, wenn das Infektionsgeschehen längst aus dem Ruder gelaufen ist.

380 belegte Intensivbetten - bald werden es viel mehr sein

Momentan mit Covid-Patienten belegte Intensivbetten in Baden-Württemberg: 380. Damit wird erst im Laufe der nächsten Woche die Alarmstufe ausgelöst – Voraussetzung dafür ist nämlich ein Wert von 390. Wir hinken damit der rasenden Inzidenz-Entwicklung heillos hinterher.

Die derzeit schon hohe Belastung des klinischen Systems ergibt sich noch aus dem vergleichsweise gedämpften Infektionsgeschehen Ende Oktober. Der entfesselte Ansteckungsschwung seit Anfang November wird erst ab Ende des Monats mit voller Wucht auf die Intensivstationen durchschlagen. Wir steuern auf einen Eisberg zu: Das Ausmaß des Desasters ist erst in Ansätzen sichtbar.

Was tun? Die Impfquote hochtreiben? Unbedingt! Die Booster-Kampagne beschleunigen? Definitiv! Die 2G-Regel in der ganzen Republik durchsetzen? Das liegt nahe. Schnelltestpflicht auch für Geimpfte einführen? Bedenkenswert. Die Frage aber, die sich so langsam stellt, lautet: Wird all das überhaupt reichen?

Wie konnte es geschehen, dass die Inzidenz dermaßen durch die Decke schießt, obwohl doch schon viele Leute geimpft sind? Und sind jetzt auch Geimpfte, also vermeintlich Sichere, wieder stark gefährdet? Viele Leute fragen sich das derzeit. Ein Antwortversuch.

Inzidenz im Rems-Murr-Kreis am Freitag 12. November: 388. In keiner der vorigen Wellen gab es auch nur annähernd so hohe Werte. Wie kann das sein? Die Antwortsuche führt uns ganz zurück an den Anfang der Pandemie. Erinnern wir uns

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