Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Zu früh, zu steil - Herbstwelle schon Ende September sehr hoch

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Das Coronavirus. © pixabay blendertimer

Bereits seit Mitte September 2022 kennen die Infektionszahlen im Rems-Murr-Kreis nur noch eine Richtung: nach oben. So früh im Herbst und so wuchtig ging die Welle weder 2020 noch 2021 hoch, wie ein Daten-Vergleich offenbart. Anlass zur Sorge?

Corona und Inzidenz: Wann aus einer Momentaufnahme ein Trend wird

Um die derzeitige Dynamik verständlich zu machen, müssen wir etwas ausholen und den Rechenweg hinter einer gängigen Kennziffer erläutern: Die Inzidenz benennt die Zahl der gemeldeten Ansteckungen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Täglich wird die Inzidenz neu errechnet, indem hinten ein alter Wertungstag herausfällt und vorne ein neuer hinzukommt.

Wenn die Inzidenz steigt, bedeutet das zunächst einmal schlicht: Die Zahl der tagesaktuell neu gemeldeten Infektionen übertrifft die Ansteckungsbefunde des gleichen Wochentages vor genau acht Tagen. Ein einzelner Stich nach oben in der Fieberkurve hat nicht viel zu bedeuten – es kann sich um eine Zufallsschwankung handeln; womöglich geht es am nächsten Tag schon wieder runter.

Wenn die Inzidenz aber mehrere Tage hintereinander immer nur steigt, wird aus der Momentaufnahme ein Trend. Man kann dann mit ziemlicher Sicherheit sagen: Wir haben es mit einer Fahrt aufnehmenden Dynamik zu tun, die sich nicht mehr ohne weiteres bremsen lässt, sondern erst mal so weitergehen wird.

Genau dieser Befund gilt momentan für den Rems-Murr-Kreis: Seit dem 17. September (damals lag die Inzidenz bei 168) verging kein Tag ohne Anstieg. Zwölf Tage später, am 28. September, verzeichnen wir bereits eine Inzidenz von 377. (Hier finden Sie Überblicksdaten, die wir jeden Nachmittag ab etwa 16 Uhr aktualisieren.)

Corona und Inzidenz im Vergleich zu den Vorjahren

In gewisser Weise war das zu erwarten. Denn Corona greift immer im Herbst um sich, wenn es kälter wird und die Menschen sich mehr in Innenräumen aufhalten. Gerade der Vergleich mit den beiden Vorjahren offenbart aber auch wichtige Unterschiede.

  • 2020: Der Beginn der Herbstwelle lässt sich retrospektiv haargenau datieren auf den 5. Oktober. Inzidenz damals: 13. Von da an ging es täglich höher bis Mitte Oktober und dann nach wenigen Tagen der Stagnation weiter empor bis 190 Mitte November. Nun griffen ein paar halbherzige Maßnahmen zur Drosselung des Infektionsgeschehens, weshalb die Inzidenz vorübergehend leicht fiel – um bald aber schon wieder zu klettern: bis fast 250 Mitte Dezember. Es folgte der Lockdown, er machte dem Spuk ein Ende.
  • 2021: Den ganzen September hindurch verharrte die Inzidenz um die 100 – am 10. Oktober begann die Steigphase. Ende Oktober wurde die Marke von 200 überschritten. Danach eskalierte die Lage: Fast 600 betrug die Inzidenz am 6. Dezember 2021, bevor die Welle abklang.

Corona und Inzidenz: Was die Herbstwelle 2022 besonders macht

Im Vergleich wird deutlich, wie anders der Verlauf diesen Herbst ist:

  • Befund eins: Die Welle gischtet etwa drei Wochen früher auf als in den Vorjahren.
  • Befund zwei: Die Welle geht diesmal tendenziell wuchtiger hoch.

Befund zwei bedarf allerdings der Erläuterung. Während es diesmal vom Fuße der Welle aus binnen zwölf Tagen von 168 auf 377 ging, was gut einer Verdoppelung entspricht, sauste der Wert im Oktober 2022 binnen zwölf Tagen von 13 auf 60 – eine Verviereinhalbfachung. Insofern war das ein steilerer Anstieg; aber einer auf viel niedrigerem Grundniveau.

Im Oktober 2021 hingegen ging es vom Fuße der Welle aus binnen zwölf Tagen deutlich flacher empor; von 102 auf 161.

Gegen diese Betrachtung lassen sich die üblichen Einwände vorbringen ...

Gängige Einwände: Inwiefern sie stimmen und wo ihre Grenzen liegen

Erster Einwand: Die Zahl der gemeldeten Infektionen sei insgesamt doch gar nicht mehr aussagekräftig, wir müssten sowieso von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, weil derzeit weniger Schnelltests und auch weniger PCR-Tests gemacht werden als in früheren Pandemiephasen.

Einordnung: Das stimmt – es besagt aber eigentlich nur, dass wir momentan womöglich schon auf eine weit höhere Inzidenz kämen, wenn wir noch genauso viel testen würden wie Ende 2021. Denn damals gab es bundesweit bis zu zwei Millionen Tests pro Woche. In den vergangenen Wochen hingegen lag die PCR-Testdichte recht stabil zwischen 500 000 und 600 000. Der aktuelle Anstieg lässt sich durch Schwankungen der Test-Intensität jedenfalls nicht erklären. Wir haben es mit einer wirklichen Ansteckungsdynamik zu tun, nicht mit einer Scheinwelle.

Zweiter Einwand: Hohe Infektionszahlen seien heute nicht mehr so schlimm wie in der Zeit vor der Impfung, als viele Menschen schwer erkrankten oder gar starben.

Einordnung: Das stimmt. Im ganzen Jahr 2022 lag die Sterblichkeitsquote nach Ansteckung im Rems-Murr-Kreis nur bei rund 0,1 Prozent – 2020 war sie mehr als zwanzigmal so hoch (2,1 Prozent) und 2021 immer noch neunmal so hoch (0,9 Prozent). Auf der Intensivstation der Rems-Murr-Klinik herrschten noch Ende 2021 aufwühlende Zustände - mehr dazu hier.

Grund zur Hoffnung, Grund zur Sorge - und: Drosten liegt richtig

Die Rems-Murr-Kliniken versorgen aktuell trotz hoher Inzidenz nur 15 Covid-Patienten, davon einen einzigen per Beatmung auf der Intensivstation. Und in ganz Baden-Württemberg sind nur 78 Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt – 2021 waren es Ende September, obwohl sich da noch gar keine Herbstwelle abzeichnete, bereits etwa 200!

Nur: Wenn diesen Herbst sehr viele Menschen krankheitsbedingt auch nur für einige Tage ausfallen, droht Personalnotstand in Betrieben, Rettungsdiensten, Kitas, Pflegeheimen und so weiter.

Der Virologe Christian Drosten hat dieser Tage gesagt: Er rechne mit einer starken Welle „noch vor Dezember“. Die Rems-Murr-Daten legen nahe, dass er recht hat. 2020 und 2021 erreichten die Wellen erst im Dezember den Gipfel, diesmal sind wir früher dran. Wie hoch die Flut schwappen wird, ist momentan nicht absehbar.

Aktualisierung: Am 29. September ist die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis auf 420 gestiegen, der Trend setzt sich wie erwartet fort.

Bereits seit Mitte September 2022 kennen die Infektionszahlen im Rems-Murr-Kreis nur noch eine Richtung: nach oben. So früh im Herbst und so wuchtig ging die Welle weder 2020 noch 2021 hoch, wie ein Daten-Vergleich offenbart. Anlass zur Sorge?

Corona und Inzidenz: Wann aus einer Momentaufnahme ein Trend wird

Um die derzeitige Dynamik verständlich zu machen, müssen wir etwas ausholen und den Rechenweg hinter einer gängigen Kennziffer erläutern: Die Inzidenz benennt die Zahl

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