Rems-Murr-Kreis

Corona: Sieben Tote nach Impfung? Ein schrilles Gerücht aus dem Rems-Murr-Kreis - und was im Faktencheck davon übrig bleibt

Impftruck
Corona erzeugt viele Gerüchte, auch rund ums Thema Impfung. © ALEXANDRA PALMIZI

Das Gerücht: In einem Altenheim im Rems-Murr-Kreis – der Mensch, der das erzählte, nannte uns Name und Ort der Einrichtung – seien in einer einzigen zwölfköpfigen Wohngruppe sieben Leute verstorben, nachdem sie geimpft worden seien. Würde das stimmen, wäre es ein Hammer; unsere Recherche allerdings legt nahe: Das Gerücht ist haltlos. Bilanz einer Spurensuche.

Sieben von zwölf? "Sowas von gar nicht richtig"

Dramatische Geschichten gehören zum permanenten Hintergrundrauschen in der Corona-Zeit – zu erinnern ist an die Story vom Kind, das unter seiner Maske erstickt sei. Nie hat jemand einen Beleg dafür zu liefern vermocht, weshalb man von einem modernen Schauermärchen ausgehen darf.

Nun also: Sieben von zwölf Wohngruppen-Leuten nach Impfung verstorben?

Das Landratsamt teilt dazu einigermaßen ratlos mit: Ein solcher Fall sei hier im Rems-Murr-Kreis nicht bekannt.

Die Heimleitung reagiert deprimiert: „Das ist wirklich so was von gar nicht richtig“, es sei „eigentlich traurig“, dass solche „Geschichten in die Welt gesetzt“ würden. Seit Beginn der Impfkampagne gingen im Haus E-Mails „von Impfgegnern“ ein mit finsteren Warnungen. Das aber sei die Bilanz: Unter den Bewohnern, die im Haus geimpft wurden, „hat’s keinen einzigen Todesfall gegeben“. Eine Bewohnerin sei in einem anderen Bundesland geimpft worden, danach hierher umgezogen und unlängst verstorben. Ein Zusammenhang mit der Impfung: zweifelhaft – mehr dazu später.

Ansonsten: „Natürlich gibt’s Nebenwirkungen“, das steht ja im Beipackzettel – allerdings „überwiegend bei den Mitarbeitenden.“ Auch dazu gleich noch Details.

Sieben von zwölf tot? Nach unserem vorläufigen Erkenntnisstand ist das Gerücht aus der Luft gegriffen; und mit Verlaub: Es fällt schon auf, dass die Geschichte sich ausgerechnet aus den beiden mythologisch beliebten Zahlen sieben und zwölf zusammensetzt. Falls aber jemand widersprechen und beweiskräftige Unterlagen vorlegen oder Zeugen benennen möchte – wir sind ganz Ohr und würden gegebenenfalls selbstverständlich berichten.

Nebenwirkungen: Daten des Paul-Ehrlich-Instituts

Zur Frage des Impfrisikos indes gibt es auch Daten: Das Paul-Ehrlich-Institut, eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Gesundheitsministeriums, sammelt sie, hier fließen Verdachtsmeldungen zusammen. Die jüngste Bestandsaufnahme des Instituts umfasst die Zeit vom Beginn der Impfkampagne bis zum 26. Februar:

  • In dem Zeitraum gab es in Deutschland gut 5,9 Millionen Corona-Impfungen.
  • Knapp 12 000 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen liefen auf. Bezogen auf die Gesamtzahl der Impfungen macht das 0,2 Prozent; das sind zwei Menschen unter tausend Geimpften.
  • In rund 83 Prozent dieser Fälle wurden die Symptome als nur leicht beschrieben. Bei etwa 17 Prozent waren die Nebenwirkungen schwerwiegend – wir sprechen damit von etwa drei schwereren Fällen unter zehntausend Geimpften.

Was aber sind schwerwiegende Nebenwirkungen? Zum Beispiel starke grippeähnliche Symptome und Fieber. Ein Spezialfall sind die anaphylaktischen – massive allergische – Reaktionen, vor denen Impfskeptiker anfangs gewarnt haben. Schauen wir uns das Phänomen gesondert an:

  • 100 Fälle von anaphylaktischer Reaktion wurden gemeldet. Bei 5,9 Millionen Geimpften macht das einen pro 59 000.
  • Bei etwa 80 Prozent der Betroffenen war zum Meldezeitpunkt die anaphylaktische Reaktion bereits wieder vollkommen, bei 10 Prozent teilweise abgeklungen. Bei weniger als zehn Prozent waren die Beschwerden noch akut; wir reden also von einem Akutfall unter 600 000 Geimpften.

Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung, also wenige Stunden bis vier Wochen danach? Die gab es: 330; macht einen unter etwa 18 000 Geimpften. Aber starben diese Menschen an der Impfung?

  • Viele der – im Durchschnitt übrigens etwa 83 Jahre alten – Betroffenen litten unter schweren Krankheiten wie Krebs und Herznöten, die „vermutlich todesursächlich waren“, schreibt das Institut.
  • 78 der 330 verstarben – „im Rahmen einer Covid-19-Erkrankung“! Sie hatten sich infiziert, bevor die Impfung ihren Schutz zu entfalten begann.
  • In 157 Fällen blieb die Todesursache unbekannt; derlei aber gibt es immer, jahraus, jahrein. Zitat Paul-Ehrlich-Institut: Die „beobachtete Anzahl an Fällen mit unklarer Todesursache nach Impfung“ übersteigt nicht die Anzahl an Fällen von „Tod unbekannter Ursache“, die auch ohne Impfung zu erwarten gewesen wäre.

Sinn und Risiko der Impfung: ein vorläufiges Fazit

Impfung tötet? Diese Behauptung klingt, gemessen an den statistischen Daten, schlicht nach Unsinn. Vor allem aber: „Sehr alte Menschen sind am meisten gefährdet, an Covid-19 zu versterben“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut; die Impfung ist gerade für diese Altersgruppe also besonders wichtig.

Es steht natürlich jedem Menschen frei, die Paul-Ehrlich-Leute genau wie die Robert-Koch-Kollegen, die Altenheim-Leitung und das Landratsamt für Laien, Pfuscher, Lügner oder Vertuscher zu halten. Unser Zeitungsfazit aber lautet, solange niemand belastbare Gegenargumente aufbietet: Impfung tötet nicht, sie rettet.

Das Gerücht: In einem Altenheim im Rems-Murr-Kreis – der Mensch, der das erzählte, nannte uns Name und Ort der Einrichtung – seien in einer einzigen zwölfköpfigen Wohngruppe sieben Leute verstorben, nachdem sie geimpft worden seien. Würde das stimmen, wäre es ein Hammer; unsere Recherche allerdings legt nahe: Das Gerücht ist haltlos. Bilanz einer Spurensuche.

Sieben von zwölf? "Sowas von gar nicht richtig"

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