Rems-Murr-Kreis

Corona-Sommerwelle im Rems-Murr-Kreis: Enorme Inzidenz-Werte, niedrige Sterbezahlen

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Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Die Corona-Sommerwelle im Rems-Murr-Kreis gischtet mit Tsunami-Schwung hoch – aber sie verläuft bislang, wenn man die Hospitalisierungs- und Sterbefallzahlen betrachtet, nachgerade spektakulär harmlos. Ein genauer Blick auf die aktuellen Daten offenbart auch in anderer Hinsicht Verblüffendes.

Inwiefern eine Corona-Sommerwelle?

Zwischen Ende Mai und Mitte August 2020 lag im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz durchweg unter 10. Weniger als zehn Infektionen binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner: Bei 427.000 Menschen im Rems-Murr-Kreis waren das weniger als 50 Ansteckungsmeldungen pro Woche.

Im Juli und August 2021 sah es nicht viel anders aus. Die Inzidenz pendelte zwischen 7 und 18.

Es galt damals als gesetzt, dass Corona in den warmen Monaten weitgehend zur Ruhe kommt.

Davon kann 2022 keine Rede mehr sein: Am 1. Juni 2022 lag die Inzidenz bei 221, mittlerweile ist sie auf 746 gestiegen. Das entspricht fast 3200 Infektionsmeldungen in den vergangenen sieben Tagen!

So hohe Werte gab es während der gesamten Pandemie seit März 2020 fast nie. Ausnahme: der Zeitraum von Anfang Januar bis Mitte März 2022, als das Infektionsgeschehen vollkommen aus dem Ruder lief und die Inzidenz kurzzeitig über 1800 schnellte. (Mehr zu jener Omikronwelle auch hier.)

Ist die aktuelle Inzidenz belastbar?

Definitiv nein! Die Testdichte ist viel niedriger und damit die Dunkelziffer unerkannter Infektionen viel höher als früher. Manche Leute lassen nicht einmal mehr dann einen PCR-Test machen, wenn ein Schnelltest ein positives Ergebnis angezeigt hat.

Zwar liegen uns keine exakten Daten für den Rems-Murr-Kreis vor, aber hilfsweise lassen sich die bundesweiten Erhebungen des Robert-Koch-Instituts heranziehen.

Zuletzt gab es knapp 900.000 PCR-Tests pro Woche in Deutschland. In der Zeit im März, als im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz ihren historischen Höchststand erreichte, waren es bundesweit pro Woche etwa 2,3 Millionen Tests.

Die Testintensität war damals also etwa um den Faktor 2,5 höher als heute. Seinerzeit fielen mehr als 50 Prozent der Tests positiv aus, derzeit sind es bundesweit knapp unter 50 Prozent.

Versteigen wir uns mal zu einem etwas frivolen Rechenspiel. Wenn wir heute so viele Tests wie im März machen würden – hätten wir dann zweimal bis zweieinhalbmal so viele Positivdiagnosen in der Statistik? Das ergäbe eine mathematische Inzidenz-Vermutung für den Rems-Murr-Kreis von etwa 1500 bis 1800.

Natürlich ist das hochspekulativ. Fest steht aber: Die derzeitigen Inzidenzangaben sind zu niedrig.

Warum eine Sommerwelle?

Dass die Infektionszahlen derzeit enorm hoch sind, obwohl das Virus im Sommer doch schlechtere Verbreitungsbedingungen hat, lässt sich recht einfach erklären. Drei Faktoren wirken zusammen.

  • Erstens: Die derzeit regierende Omikron-Subvariante BA.5 ist sehr ansteckend.
  • Zweitens: Es gibt momentan fast keine Corona-Einschränkungen mehr, die Maskenpflicht ist weitgehend außer Kraft.
  • Drittens: Viele Leute gehen mittlerweile ziemlich lässig mit der Situation um.

Ist die Sommerwelle gefährlich?

Die Daten dazu sind bemerkenswert eindeutig. Die aktuell vorherrschende Virusvariante ist offensichtlich nicht gefährlich, obendrein sind ja sehr viele Leute dank der Impfung gegen schwere Verläufe gut geschützt.

In den Rems-Murr-Kliniken ist weiterhin nicht sonderlich viel Corona-Betrieb. Sie versorgen momentan 27 Covid-Patienten, fünf von ihnen auf Intensiv (zwei müssen beatmet werden). Auch wenn die Tendenz nach oben weist (phasenweise lag gar kein Corona-Kranker mehr in der Intensivstation), hat die aktuelle Situation nichts mit der zu tun, die wir zum Beispiel Anfang Dezember 2021 beklagen mussten: 76 Covid-Patienten, davon 26 auf Intensiv (und 21 Beatmungsfälle). Die Lage damals war außerordentlich bedrückend.

Und die Sterblichkeit nach Ansteckung?

  • Infektionsmeldungen seit 1. Juni: 11.599
  • Todesfälle nach Infektion seit 1. Juni: 7
  • Sterblichkeit nach Infektion: 0,06 Prozent – ein enorm niedriger Wert.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Dunkelziffer bei den Infektionen hoch, die Angabe zu den Todesfällen hingegen richtig ist, dürfte die Sterblichkeit nach Infektion sogar noch viel niedriger liegen. (Dieser Trend bahnt sich schon länger an.)

Welche Altersgruppen sind betroffen?

Aktuell sind aufgrund einer diagnostizierten Infektion in Isolation: In der Altersgruppe ...

  • 0 bis 10: 119 Menschen
  • 11 bis 20: 281 Menschen
  • 21 bis 30: 305 Menschen
  • 31 bis 40: 382 Menschen
  • 41 bis 50: 359 Menschen
  • 51 bis 60: 482 Menschen
  • 61 bis 70: 203 Menschen
  • 71 bis 80: 101 Menschen
  • 80 und älter: 42 Menschen

Dabei muss man aber bedenken, dass die Altersgruppen nicht gleich groß sind; zum Beispiel gibt es im Rems-Murr-Kreis besonders viele Leute zwischen 51 und 60 Jahren (das sind die sogenannten „Boomer“, die Angehörigen der Baby-Boomer-Generation). Deshalb ist es aussagekräftiger, zu schauen: Wie viele Leute pro 10.000 sind in der jeweiligen Altersgruppe aktuell infiziert in Isolation (Zahlen gerundet)?

  • 0 bis 10: 26
  • 11 bis 20: 67
  • 21 bis 30: 62
  • 31 bis 40: 72
  • 41 bis 50: 67
  • 1 bis 60: 68
  • 61 bis 70: 40
  • 71 bis 80: 27
  • 80 und älter: 16

Die ältesten und am stärksten gefährdeten, aber auch am gründlichsten durchgeimpften Gruppen sind derzeit also von Infektionen auffällig wenig betroffen.

Was folgt aus all dem?

Ja, wir haben eine Ansteckungswelle – aber überhaupt keine Hospitalisierungs- und Sterbewelle. Deshalb wäre es trotz sehr hoher Infektionszahlen nicht begründbar, Schutzmaßnahmen zu verschärfen.

Die Corona-Sommerwelle im Rems-Murr-Kreis gischtet mit Tsunami-Schwung hoch – aber sie verläuft bislang, wenn man die Hospitalisierungs- und Sterbefallzahlen betrachtet, nachgerade spektakulär harmlos. Ein genauer Blick auf die aktuellen Daten offenbart auch in anderer Hinsicht Verblüffendes.

Inwiefern eine Corona-Sommerwelle?

Zwischen Ende Mai und Mitte August 2020 lag im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz durchweg unter 10. Weniger als zehn Infektionen binnen sieben

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