Rems-Murr-Kreis

Corona und die Impfquote: Rems-Murr-Kreis steht noch schlechter da als im Mai

Kreisimpfzentrum
Im Kreisimpfzentrum in Waiblingen könnten viel mehr Menschen begrüßt werden. Doch es wird zu wenig Impfstoff geliefert. © ALEXANDRA PALMIZI

Es wird und wird nicht besser: Als das Sozialministerium Anfang Mai erstmals die Impfquoten aller 44 Stadt- und Landkreise veröffentlichte, nahm der Rems-Murr-Kreis bei den Erstimpfungen Platz 31 ein. Bei den Zweitimpfungen lag der Kreis auf Platz 25. Inzwischen ist der Kreis anstatt nach vorne noch einen Rucker nach hinten gewandert. Und das trotz Vorschlägen zur Verbesserung der Misere.

Der Kreis braucht mehr Impfstoff? Keine neue Erkenntnis

Landrat Richard Sigel hat’s, seit die Impfungen gegen Corona losgingen, wie ein Mantra wiederholt: Der Rems-Murr-Kreis brauche mehr Impfstoff. Und im Schlepptau dieser Forderung folgte aus dem Landratsamt auch immer wieder die Einschätzung: Das Kreisimpfzentrum merke von den zusätzlichen Lieferungen, die versprochen wurden, so gut wie nichts. Die Kritik schwebte lange im unbestimmbaren Raum, denn es hatte gedauert, bis das Sozialministerium es seinen Landräten ermöglichte, sich mit anderen Landkreisen zu vergleichen. Erst im April, zum Impfgipfel, kam die Zusage, die Impfquoten aller Stadt- und Landkreise zusammenzustellen – und dann dauerte es nochmals zwei Wochen, bis das Versprechen wahr gemacht wurde. Das mit dieser ersten Liste gegebene Versprechen, die Impfquoten nun „regelmäßig“ zu veröffentlichen, wurde sehr elastisch ausgelegt: Ging man im Landratsamt davon aus, dass die neuen Zahlen nun wöchentlich eintrudeln, ist der nächste Vergleich tatsächlich erst einen Monat später möglich.

Nur noch Platz 33 bei den Erstimpfungen

Diese neue Listung kann Richard Sigel nicht freuen. Denn der Rems-Murr-Kreis ist bei den Erstimpfungen um zwei Plätze auf Platz 33 nach hinten gerutscht. Und auch bei den Zweitimpfungen, die erst den vollen Impfschutz für die Menschen bedeuten, sieht es nicht anders aus: um drei Plätze zurück von 25 auf 28. Sigel erklärt, dass der Verweis des Landes auf zu wenig Impfstoff vom Bund angesichts der deutlich höheren Impfquoten andernorts in Baden-Württemberg zu kurz greife.

Auch den zweiten Erklärungsversuch des Sozialministeriums will Sigel nicht gelten lassen. Das Ministerium betont, dass aus den Impfquoten geschlossen werden könne, „dass Stadt- und Landkreise mit größeren Bevölkerungsgruppen, die im Durchschnitt vergleichbar schwierigere sozioökonomische Bedingungen aufweisen, oft niedrigere Impfquoten haben“. Das mag in anderen Städten richtig sein, für den Rems-Murr-Kreis allerdings, sagt Sigel, sei der Grund schlichtweg „der wenige Impfstoff, der im Kreisimpfzentrum angeliefert wird“.

Die Situation im Kreisimpfzentrum ist für die, die dort die Corona-Bekämpfung organisieren, und für die, die dort verzweifelt nach einem Termin suchen, tief frustrierend. Gerd Holzwarth, Leiter des Kreisimpfzentrums, stellt fest, dass Erstimpfungen „praktisch gar nicht mehr“ angeboten werden können. Und bei jeder Impfstoff-Lieferung habe man Sorge, dass sie selbst für die Zweitimpfungen nicht ausreiche und Termine abgesagt werden müssten.

Die Liste ist alphabetisch sortiert und somit schwer auszuwerten

Um die schlechte Versorgung des Rems-Murr-Kreises erkennen zu können, braucht das Landratsamt in Bezug auf die Ministeriumsliste entweder sehr viel Geduld und eine bis auf die dritte Nachkommastelle fixierte Aufmerksamkeit oder das richtige Computerprogramm. Denn das Sozialministerium veröffentlich die Listung der Impfquoten sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Stadt- und Landkreise. So findet der jeweilige Landrat – üblicherweise des Alphabets mächtig - in der Reihe der 44 seinen Kreis recht schnell. Doch bis die so in Erfahrung gebrachten Zahlen auch zu einer wirklichen Einschätzung der Lage in Bezug auf den Stand bei Erst- und Zweitimpfungen führen, dauert es seine Zeit.

Das System verhindert die Kritik dennoch nicht: Die aktuellen Impfzahlen und -quoten „belegen weiter klipp und klar, dass sich die eklatante Ungleichbehandlung der Menschen je nach Wohnort in den letzten Wochen fortgesetzt hat und dass dies bisher zulasten der Menschen im Rems-Murr-Kreis geht“, erklären auch Jochen Haußmann und Julia Goll, die zwei FDP-Landtagsabgeordneten aus dem Rems-Murr-Kreis. „Abweichungen von über zehn Prozent bei den Erstimpfquoten sind ein Zeichen für Missmanagement“, sagen sie. Sie beziehen sich beispielsweise auf den Erstplatzierten im Impfquoten-Ranking, den Landkreis Emmendingen. Dort sind inzwischen 51,2 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger mit einer ersten Impfung versorgt. Im Rems-Murr-Kreis sind es nur 38,9 Prozent. Über eine Zweitimpfung und somit über den vollständigen Impfschutz freuen sich im Landkreis Emmendingen bereits 21 Prozent der Menschen, im Rems-Murr-Kreis sind es erst 16 Prozent. Emmendingen wird bei der Zweitimpfung übrigens vom Stadtkreis Freiburg übertrumpft, der bei den Erstimpfungen zwar nur den zweiten Platz einnimmt, bei den Zweitimpfungen mit 23,9 Prozent aber der klare Sieger ist.

Die für den Rems-Murr-Kreis vom Sozialministerium veröffentlichte Anzahl der Erstimpfungen zeigt übrigens im Vergleich mit den Zahlen, die das Landratsamt auf seinem Dashboard veröffentlicht, auch, dass sich rund 60.000 Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis ihren Corona-Impfschutz woanders geholt haben. Zum Beispiel im erstplatzierten Landkreis Emmendingen, der, obwohl er nicht einmal halb so viel Einwohner wie der Rems-Murr-Kreis hat, in seinem Kreisimpfzentrum die gleiche Menge an Impfstoff verimpfen konnte.

Ein Modellprojekt mit der IHK? Findet keine Berücksichtigung

Vor diesem Gesamthintergrund wiegt Landrat Sigels Vorwurf besonders schwer: Vorschläge für niedrigschwellige und zusätzliche Impfaktionen würden beim Sozialministerium keine Berücksichtigung finden. „Gemeinsam mit der IHK hätten wir in einem Modellprojekt kleine und mittelständische Unternehmen angesteuert oder die Impfungen in den Städten und Gemeinden für weniger mobile Menschen fortgesetzt.“ Doch es sei nicht möglich, das durchzuführen – mangels Impfstoff.

Es wird und wird nicht besser: Als das Sozialministerium Anfang Mai erstmals die Impfquoten aller 44 Stadt- und Landkreise veröffentlichte, nahm der Rems-Murr-Kreis bei den Erstimpfungen Platz 31 ein. Bei den Zweitimpfungen lag der Kreis auf Platz 25. Inzwischen ist der Kreis anstatt nach vorne noch einen Rucker nach hinten gewandert. Und das trotz Vorschlägen zur Verbesserung der Misere.

Der Kreis braucht mehr Impfstoff? Keine neue Erkenntnis

Landrat Richard Sigel hat’s,

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