Rems-Murr-Kreis

Corona und Fußball-EM: Droht in Fellbach ein Italien-Party-Effekt?

Siegesfeier der Italiener mit Strassenjubel, Stuttgarter Str., Fellbach, 07.07.2021.
Party in Fellbach nach dem italienischen Sieg gegen Spanien. © Benjamin Beytekin

Die übergischtende Freude sei ihnen von Herzen gegönnt – aber ist es coronatechnisch okay? Die Bilder von italienischen Jubelfeiern in Fellbach nach jedem EM-Sieg der Azzurri treiben viele Leute um. Was ist davon zu halten? Versuch einer Einordnung – und ein Anruf dazu beim bekanntesten Italiener des Rems-Murr-Kreises ...

Corona und Italien-Partys in Fellbach: Eine Meldung vom Gesundheitsamt

Die wichtigste Botschaft vorab: „Das Gesundheitsamt im Rems-Murr-Kreis hat aktuell keine Kenntnisse über direkte Ansteckungen bei EM-Partys“, teilt Martina Keck mit, Pressesprecherin des Landratsamtes in Waiblingen. Wenn man bedenkt, dass die Fellbacher Tifosi ja schon nach dem EM-Eröffnungsspiel gegen die Türkei am 11. Juni erstmals öffentlich gefeiert haben, ist das eine gute Nachricht: Einen nachweisbaren Negativeffekt hat das rund vier Wochen später noch nicht gezeitigt.

In Fellbach leben fast 3000 Menschen italienischer Abstammung, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund sieben Prozent. Von etwa 44.000 Einwohnern befinden sich momentan zehn aufgrund einer in den vergangenen 14 Tagen diagnostizierten Infektion in Isolation. Wenn wir hilfsweise fünf Fälle pro sieben Tage unterstellen, dürfte die Inzidenz, hochgerechnet auf 100.000 Einwohner, ungefähr bei 11 oder 12 liegen; und damit nicht nennenswert über dem kreisweiten Durchschnitt von 8.

Dass ihr nicht ganz wohl ist, wenn sie die Bilder aus Fellbach sieht, lässt Martina Keck schon durchklingen. Andererseits: Sie wolle jetzt kein „Italiener-Bashing“ betreiben. Denn „sind wir mal ehrlich: Wenn's die Deutschen wären“, die mit hinreißend leidenschaftlichem Offensiv-Fußball von Sieg zu Sieg eilen würden – blieben dann garantiert und gewiss alle brav daheim?

Corona und Italien-Partys in Fellbach: Was die Regeln sagen

Blick ins Regelwerk: Bei einer kreisweiten Inzidenz unter 35, aber über 10 – das war fast während der gesamten EM die Lage – sind im Freien „öffentliche Veranstaltungen“ mit bis zu 750 Menschen erlaubt. In Fellbach mögen es nach dem Sieg gegen Spanien etwas mehr gewesen sein, aber rein zahlenmäßig war es gar so weit weg vom Erlaubten. Allerdings: Ab 200 Leuten wäre Maskenpflicht einzuhalten gewesen – ganz abgesehen davon, dass sich natürlich niemand in eine Anwesenheitsliste eintrug. In Ordnung waren die Aufläufe eindeutig nicht – aber würde eine Einsatzhundertschaft der Polizei mit Wasserwerfern anrücken, spräche das dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz ebenso eindeutig Hohn.

Geben wir einem das Wort, der sich auskennt in der italienischstämmigen Community: Alfonso Fazio hat es als Waiblinger Kommunalpolitiker und Kandidat bei Land- und Bundestagswahlen zu lokaler Berühmtheit gebracht – Herr Fazio, was sagen Sie dazu?

„Hocherfreut bin ich nicht. Nicht, weil ich das den Leuten nicht gönne, dass sie ihre Freude rausschreien – das habe ich zu Hause auch gemacht! Aber die Einhaltung der Regeln ist zwingend notwendig, damit wir uns nicht alles kaputtmachen, was wir erreichen konnten. Ich würde meinen italienischen Freundinnen und Freunden raten, sich an die aufgestellten Regeln zu halten.“

Alfonso Fazio und das schlechte Vorbild der UEFA

Es gebe da allerdings noch einen anderen Aspekt. In den vergangenen Tagen hat er öfters zu Bekannten gesagt: „Leute, was macht ihr für nen Scheiß? Bleibt im Auto und hupt!“ Die Antwort aber klang immer wieder ähnlich: „In London sind 60.000 im Stadion, und die haben eine viel höhere Inzidenz als wir! Warum sollen wir eine Gefährdung sein, 1000 Leute im Freien?“

Das, sagt Fazio, sei tatsächlich „ein riesiger Widerspruch“: Die UEFA stopft Stadien knüppelvoll, man sieht in Großaufnahme, wie die Leute sich ohne Maske in den Armen liegen und einander beim Begeisterungsgebrüll mit dem Speichelsprenkler einnässen – und dann soll man den Leuten daheim nachvollziehbar erklären, warum sie aber gefälligst im Party-Home-Office zu bleiben haben? „Der Vorbildcharakter ist nicht da! Warum müssen die Stadien voll sein? Ein Ärgernis!“

Am 19. Februar spielte in der UEFA-Champions-League Atalanta Bergamo gegen Valencia, vor 40.000 Fans. Zwei Wochen später begannen in Bergamo die Infektionszahlen duchzudrehen – Ende Februar waren es 100, eine Woche später 600, Ende März 7000. Das Ende: fast 17.000 Tote allein in der Lombardei; zu der Region gehört die Provinz Bergamo. Dieses Match, glaubt Fazio, „war das Corona-Epizentrum in Norditalien. Wie bei einem Erdbeben.“ Was hat die Uefa daraus gelernt? Es ist doch schon damals gutgegangen, das können wir gerne wiederholen?!

Womit müssen wir rechnen? Versuch einer Prognose

Aber halten wir inne: Dass die Fellbacher Straßenfeste auch nur ansatzweise eine ähnliche Wirkung entfalten könnten, ist nach momentanem Kenntnisstand so gut wie ausgeschlossen. Selbst, wenn sich in den nächsten Wochen die Ansteckungsfälle im Raum Fellbach mehren sollten, wäre der Kreis wohl in der Lage, den Infektionsherd einzuhegen; bei niedriger Inzidenz lassen sich Infektionsketten gut nachvollziehen und früh durchbrechen. Insofern: Man darf grummeln über die Fellbacher Szenen. Deshalb gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören sollten wir nicht.

Landrat Richard Sigel erklärt dazu: „Den Freudentaumel der italienischen Fans verstehe ich! Und nach den zahlreichen Bildern von vollen Stadien mit Fans ohne Maske wundert es mich nicht, dass viele auch hierzulande im Fußballrausch vergessen, dass wir Corona leider noch nicht ganz überstanden haben. Daher trotz Verständnis der Appell: Bitte nicht alles auf Spiel setzen. Trotz aller Freude ist es noch zu früh, dass wir uns alle ohne Maske und Abstand in den Armen liegen. Und mindestens so wichtig ist: Wer den Piks noch nicht hat, sollte sich jetzt gegen Corona impfen lassen. Das schützt uns alle vor einer vierten Welle, und es war nie einfacher, an einen Impftermin zu kommen.“

Die übergischtende Freude sei ihnen von Herzen gegönnt – aber ist es coronatechnisch okay? Die Bilder von italienischen Jubelfeiern in Fellbach nach jedem EM-Sieg der Azzurri treiben viele Leute um. Was ist davon zu halten? Versuch einer Einordnung – und ein Anruf dazu beim bekanntesten Italiener des Rems-Murr-Kreises ...

Corona und Italien-Partys in Fellbach: Eine Meldung vom Gesundheitsamt

Die wichtigste Botschaft vorab: „Das Gesundheitsamt im Rems-Murr-Kreis hat aktuell

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