Rems-Murr-Kreis

Corona und Grippe auf Intensivstation: Erkennen Tests trennscharf Influenza?

ultraschnelle PCR-Tests
Wie steht es um die Verlässlichkeit und die Viren-Trennschärfe von PCR-Tests bei Geimpften, Genesenen und Ungeimpften? © Benjamin Büttner

Welche Rolle spielt eigentlich die Grippe in dem ganzen Corona-Schlamassel? Sie taucht ja seltsamerweise gar nicht mehr in den Statistiken auf, munkeln misstrauische Zeitgenossen. Das Gerücht, Grippe-Tote würden einfach als Corona-Tote deklariert, wird weiter hartnäckig wiedergekäut. Zudem kursiert die Behauptung, dass PCR-Tests und Antigen-Schnelltests nicht zwischen Sars-CoV-2, Influenzaviren und harmlosen Adenoviren unterscheiden würden. Stimmt das? Ein Faktencheck.

Wie steht es um die Genauigkeit von Tests bei Geimpften, Genesenen und Ungeimpften?

„Sowohl Antigen-Schnelltests als auch PCR-Tests unterscheiden eindeutig zwischen Grippeviren und Sars-CoV-2“, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme und Klinikhygieniker des Rems-Murr-Klinikums Winnenden. Und nein, Tests schlügen nicht bei Geimpften oder Genesenen an, weil Antikörper vorhanden sind, tritt Ade einem anderen verbreiteten Gerücht entgegen. Bei allen Tests werde auf RNA-Spuren des Sars-CoV-2 geprüft und das sei andere RNA als bei Grippeviren oder harmlosen Adenoviren. „Eine Verwechslung ist ausgeschlossen“, so Ade. Da spiele es auch keine Rolle, dass Grippe- und Coronaviren verwandt sind.

„Wenn nun ein PCR-Test spezifisch auf das Vorhandensein von SARS-CoV-2 prüft, wird ausschließlich analysiert, ob in der Probe RNA von SARS-CoV-2 enthalten ist“, sagt Christian Ries, Sprecher der Synlab-Labore in Leinfelden-Echterdingen, die auch immer wieder Proben aus dem Rems-Murr-Kreis auswerten. „Sollte die Probe kein SARS-CoV-2-Erbmaterial enthalten, ist der Test negativ – auch, wenn in der Probe Influenzaviren vorhanden wären, weil sich die RNA der Virenarten unterscheidet.“

Es gebe auch teurere und kompliziertere Multiplex-PCR-Tests, die verschiedene Virusarten in einer Probe nachweisen können, falls eine solche Untersuchung gewünscht wird, sagt Christian Ries. Pharmaunternehmen werben seit 2020 ausdrücklich zum Beispiel für Multiplex-PCR-Testkits zwecks „Differentialdiagnostik“ von SARS-CoV2 und Influenza in einer Probe.

Wenn dann Geimpfte oder Genesene richtigerweise positiv getestet werden, dann liegt das daran, dass sie sich tatsächlich infiziert haben und infektiös sind – dies aber wiederum in viel geringerem Maße und viel kürzer als Nicht-Immunisierte, sofern es sich nicht um symptomatische Impfdurchbrüche handelt. Das RKI schreibt mit Stand vom 19.11. weiterhin: „ In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden.“ Immunität liege nach Infektion oder Impfung in unterschiedlichen Ausprägungen und Dauer vor. Schutz vor Erkrankung sei nicht gleichbedeutend mit Schutz vor Infektion. Aber auch: „In der Summe ist das Risiko, dass Menschen trotz Impfung PCR-positiv werden und das Virus übertragen, auch unter der Deltavariante deutlich vermindert.“

Die Test-Verlässlichkeit ist freilich eine andere Frage. Das geben alle Experten unumwunden zu: Drei bis vier Antigen-Schnelltests von zehn können falsch negativ oder falsch positiv sein. Deshalb werden zur Überprüfung von positiven Schnelltests stets PCR-Tests nachgeschoben.

PCR-Tests sind viel genauer, Fehler sind jedoch auch hier nicht gänzlich ausgeschlossen. Laut RKI könnten falsch negative Ergebnisse aufgrund schlechter Qualität der Probennahme, unsachgemäßen Transports oder einem ungünstigen Zeitpunkt (bezogen auf den Krankheitsverlauf) der Probenentnahme nicht ausgeschlossen werden. Auch betont das RKI: „Ein negatives PCR-Ergebnis schließt die Möglichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 nicht aus.“ Zudem muss nicht jeder PCR-positiv Getestete zwangsläufig ansteckend sein.

Kann im Krankenhaus Corona und Grippe verwechselt werden?

Letztendlich nein. Von vielen Symptomen her gleichen sich zwar Covid- und Influenza-Erkrankungen. Wer jedoch so schwer erkrankt, dass er ins Krankenhaus muss, wird ja mehrfach getestet, so kann sehr wohl trennscharf unterschieden werden. Und dies geschieht auch schon, bevor bei einem Teil der Patienten der Tod eintritt. Weder Grippe-Patienten und Covid-Patienten noch Grippe-Tote und Corona-Tote sind also zu verwechseln.

Zudem betont Chefarzt Dr. Torsten Ade vom Rems-Murr-Klinikum Winnenden: „Grippe-Patienten kommen gewöhnlich nicht aufgrund ihrer Influenza-Infektion ins Krankenhaus, sondern aufgrund nachgelagerter durch Bakterien verursachter Lungenentzündungen, die sie wegen ihrer geschwächten Immunabwehr befallen konnten.“ Hier sei demnach eine weitere Diagnose-Trennschärfe gegeben. Wenn von einer Influenza-Folge-Lungenentzündung betroffen, dann sind dies häufig ältere Menschen. Hier helfen Antibiotika und Bettruhe. Fälle von Influenza-Patienten, die ans Beatmungsgerät angeschlossen werden müssen, seien sehr selten, pro Jahr vielleicht zwei oder drei.

„Bei Covid-19-Intensivpatienten hingegen ist der Anschluss ans Beatmungsgerät viel häufiger notwendig“, sagt Dr. Ade. Die Rems-Murr-Kliniken versorgen aktuell 64 Covid-19-Patienten, davon werden dreizehn Patienten auf der Intensivstation versorgt und beatmet.

Die Pflege von Covid-Patienten ist viel intensiver und zeitaufwendiger als bei Grippe-Patienten und die Verweildauer der Covid-Patienten mittlerweile in der vierten Welle extrem lang, weil auch die Anzahl der „jüngeren“ Covid-Intensivpatienten zugenommen hat, bestätigt Alexander Tsongas, Sprecher der RKH-Kliniken in Ludwigsburg, Bietigheim, Mühlacker, Bretten und Bruchsal.

„Auf Intensiv haben wir viele Patienten im Alter zwischen 35 und Mitte/Ende 50. Diese Patienten sind jünger und widerstandsfähiger und liegen deshalb länger in den Betten. Ältere Menschen haben eine Verweildauer von rund zwei bis drei Wochen. Die jüngeren dagegen fünf bis sechs Wochen, so dass die Betten länger belegt sind“, sagt Tsongas. Ähnliches ist aus dem Klinikum Stuttgart und dem Robert-Bosch-Krankenhaus zu hören. Das RKI gibt als durchschnittliche Verweildauer für beatmete Covid-Intensivpatienten mittlerweile 18 Tage an.

Welche Rolle spielt die Grippe in dem ganzen Corona-Schlamassel?

„Aktuell spielt die Grippe keine Rolle in dieser Situation“, sagt Alexander Tsongas (RKH-Kliniken). Und Dr. Torsten Ade vom Rems-Murr-Klinikum Winnenden: „Weder 2020 noch 2021 gab es bis jetzt ein relevantes Grippe-Aufkommen.“

Seit April 2020 ist die Zahl der Influenza-Virus-Nachweise dramatisch gesunken – nämlich um 99 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren - trotz ähnlicher Testfrequenzen, ergänzt Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart. „Die Grippesaison 2020/2021 ist faktisch ausgefallen als Nebeneffekt der AHA-Regeln und stark reduzierten Mobilität.“

Die Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigten, dass dies auf der Südhalbkugel 2021 bislang erneut der Fall war. „Dort endet die Grippesaison im Oktober und ist auch dieses Jahr quasi ausgefallen (Quelle: WHO Global Influenza Programme).“ Insofern gebe es auch Grund zur Hoffnung, dass dies auf der Nordhalbkugel ähnlich sein könnte. Das RKI halte Prognosen für den Winter 2021/2022 mit Blick auf Influenza jedoch für kaum möglich, da die „Grippe-Saison“ normalerweise erst im Januar an Fahrt aufnimmt.

Laut RKI wurden für die 45. Meldewoche 2021 nach Infektionsschutzgesetz (IfSG) bislang 38 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle übermittelt. Daraus errechnete sich eine Grippe-Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner von rund 0,05. Gesprochen: null Komma null fünf (Stand: 16.11.2021).

„Positiv ist auch, dass als Nebeneffekt der Hygienemaßnahmen mit dem Rückgang der Influenzaviren auch deren genetische Vielfalt offenbar abgenommen hat“, sagt Jürgensen. „Es gibt aber auch Grund zur Aufmerksamkeit und die Gefahr, eines gegenteiligen Effektes: Nach anderthalb Jahren mit stark erhöhten Hygienemaßnahmen und ausgefallener Grippesaison blieb die Exposition der Bevölkerung aus – und damit auch die Immunisierung gegen diese Erreger. Damit geht die Gefahr eines Nachholeffektes einher, den wir bei Kindern (und Babys, Anm. d. Red.) jetzt mit stark gehäuften RSV-Infekten sehen.“

Das sogenannte Respiratorische Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) grassiert gerade auch im Rems-Murr-Kreis. „Derzeit kommen etwa 40 stationäre Kinder pro Woche mehr als in derselben Zeit des Vorjahres“, berichtet Prof. Ralf Rauch, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden.

Auch die Entscheidung über die genaue Zusammensetzung der Influenza-Impfstoffe, die jährlich anhand der zuletzt nachgewiesenen Viren ausgerichtet wird, sei nunmehr natürlich erschwert, weil es kaum Nachweise gab, sagt Prof. Jürgensen vom Klinikum Stuttgart.

Welche Rolle spielt eigentlich die Grippe in dem ganzen Corona-Schlamassel? Sie taucht ja seltsamerweise gar nicht mehr in den Statistiken auf, munkeln misstrauische Zeitgenossen. Das Gerücht, Grippe-Tote würden einfach als Corona-Tote deklariert, wird weiter hartnäckig wiedergekäut. Zudem kursiert die Behauptung, dass PCR-Tests und Antigen-Schnelltests nicht zwischen Sars-CoV-2, Influenzaviren und harmlosen Adenoviren unterscheiden würden. Stimmt das? Ein Faktencheck.

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