Rems-Murr-Kreis

Corona und Inflation: Eine Krise zu viel! Diakonie Rems-Murr warnt vor Folgen

Inflation Diakonie
Gerhard Rall und Barbara Monauni vom Kreisdiakonieverband warnen: Das Ausmaß der Not wird wohl erst nach den Sommerferien sichtbar werden. © Gabriel Habermann

Die Coronakrise? Schwer zu stemmen. Aber kaum hat sie sich etwas beruhigt, sind wir bereits in die nächste Not getaumelt: Inflation. Viele Menschen führt das an Grenzen. Wo wird das enden? Eine bedrückende Bestandsaufnahme mit Geschäftsführer Gerhard Rall und der für Sozialberatung zuständigen Fachbereichsleiterin Barbara Monauni vom Kreisdiakonieverband.

Manche, die sich bisher finanziell über Wasser hielten, werden bald untergehen

Noch ist die nicht zuletzt durch Putins Krieg gegen die Ukraine befeuerte Wirtschaftskrise mit ihrer hohen Inflationsrate und steigenden Preisen vor allem auf dem Energie- und Lebensmittelsektor nicht bei der Diakonie angekommen. „Aber das wird kommen, vermutlich nach den Sommerferien“, sind sich Geschäftsführer Gerhard Rall und die für Sozialberatung zuständige Fachbereichsleiterin Barbara Monauni sicher. Zumal der jetzigen Krise eine andere namens Pandemie vorausgegangen ist. „Viele haben sich von der einen noch nicht erholt, und dann ist schon die neue da“, stellt Gerhard Rall fest – mit Blick genauso auf die wirtschaftlichen wie die psychischen Folgen, weil sich wirtschaftliche Not und sozialpsychiatrische Probleme in vielen Fällen gegenseitig bedingen, und zwar in die eine genauso wie in die andere Richtung.

Von der neuen Krise betroffen sein werden vor allem die, „die sich bislang gerade so über Wasser halten konnten“, befürchtet Barbara Monauni und vermutet: „Für die ist das eine Krise zu viel.“

Wobei es aus Sicht der Fachbereichsleiterin in wirtschaftlicher Hinsicht zwischen der Pandemie und dem, was jetzt auf die Menschen zukommt oder was sie schon in ihrem Geldbeutel spüren, einen gravierenden Unterschied gibt: „Corona hat die Menschen je nach Beruf stark oder nicht so stark getroffen, aber was jetzt passiert, betrifft großflächig alle – und die Ärmeren ganz besonders.“

Finanznot, häusliche Gewalt, Sucht: Die Probleme verstärken einander

Gleichwohl sind auch schon von 2020 auf 2021 die bei der Sozialberatung ankommenden Fälle, in denen es um Existenzsicherung geht, um 25 Prozent gestiegen. Wobei in diesem Zeitraum und während der Pandemie vor allem die Fälle häuslicher Gewalt mit einer Verdoppelung der Zahlen und die Wünsche nach einer Paarberatung mit einer Steigerungsrate um 40 Prozent zugenommen haben.

Was wiederum die wirtschaftliche Not betrifft, so sprechen auch die Zahlen der Schuldnerberatung eine deutliche Sprache: Da liegt der Hilfsbedarf laut Gerhard Rall aktuell zwischen zehn und 30 Prozent höher als im Sommer 2021, in dem aber auch schon eine Zunahme im ähnlichen Ausmaß im Vergleich zu Vorpandemiezeiten registriert worden war.

Und natürlich bekommt auch die Suchtberatung die Folgen der jeweiligen Krise zu spüren. Gerhard Rall spricht in diesem Zusammenhang von einer „Symptomverstärkung“, die sich auch schon während der Pandemie gezeigt habe. Bedingt unter anderem durch Kontaktverbote und dadurch, dass die Gruppenangebote des Kreisdiakonieverbandes nicht fortgeführt werden konnten.

Schwierige Lage gerade für jene, die knapp über Sozialhilfe-Niveau liegen

Was nun die Sozial- oder existenzsichernde Beratung angeht, so kommt die Nachfrage nach den Erfahrungen von Barbara Monauni immer erst zeitverzögert im Verhältnis zur jeweils aktuellen Krise beim Kreisdiakonieverband an. Dabei geht es zunächst einmal um die Fragen, welche Hilfen in wirtschaftliche Not geratenen Menschen und Familien überhaupt zustehen. Im Extremfall betrifft das Hartz IV und die Grundsicherung, die immerhin eine Absicherung bei steigenden Miet- und Heizkosten bietet.

Anders sieht es bei denen aus, die ihren Lebensunterhalt bislang autonom bestritten haben und denen jetzt auf einmal 200 Euro im Monat fehlen, weil alles um sie herum teurer geworden ist. Und so befürchtet denn Barbara Monauni auch, dass künftig mehr Menschen in die Sozialberatung des Kreisdiakonieverbandes kommen, die knapp über Hartz IV und sonstigen staatlichen Hilfen liegen und plötzlich nicht mehr wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Oder nicht wissen, wie sie ausgerechnet jetzt auch noch das kaputte Auto reparieren lassen oder die defekte Waschmaschine ersetzen sollen.

Keine falsche Scheu bitte: Hilfe zu bekommen, „ist Ihr Recht“

„Auch für die sehen wir uns zuständig, obwohl sie selten zu uns kommen“, sagt Barbara Monauni mit Blick auf die Einzelfallhilfen, die die einzige konkrete finanzielle Möglichkeit sind, mit der ihr Fachbereich Menschen unterstützen kann, die überwiegend unverschuldet in finanzielle Not geraten sind. Was nicht heißt, dass alles bewilligt werden kann, was beantragt wird, zumal sich diese Hilfen, denen jeweils eine vergleichsweise unbürokratische Bedürfnisprüfung vorausgeht, außer aus Eigenmitteln der Diakonie vor allem aus Spenden (zum Beispiel auch von Seiten des Zeitungsverlags Waiblingen) speisen.

In der Regel gehe es um finanzielle Unterstützung im dreistelligen Euro-Bereich, sagt Barbara Monauni und betont, dass es sich bei dieser Art von Hilfe „nicht um Almosen“ handle. Weshalb sich auch niemand scheuen sollte, sich vertrauensvoll an den Kreisdiakonieverband und den zuständigen Fachbereich zu wenden. „Das ist kein Bittgang, sondern Ihr Recht und unsere Aufgabe“, ermuntert die Fachbereichsleiterin Betroffene.

Und Gerhard Rall, der als weitere Form auch der präventiven Hilfe die Erstellung eines Haushaltsplans oder die Überprüfung von Versicherungen ins Spiel bringt, macht deutlich: „Es ist Teil unserer Arbeit, in guter Weise mit den Leuten umzugehen und ihnen klarzumachen, dass es nicht ihr Versagen ist, wenn ihre Eigenressourcen erschöpft sind und sie auf Unterstützung angewiesen sind.“

Tankrabatt und Einmalzuschuss? Damit darf die Politik sich nicht begnügen

Und was macht die Politik beziehungsweise was könnte sie (besser) machen?

Zunächst einmal sind sich Gerhard Rall und Barbara Monauni einig, dass mit der Gießkanne über alle ausgeschüttete Maßnahmen wie der ohnehin kaum wirkende Tankrabatt keine griffigen Hilfen sind, allein schon, weil viele der dauerhaft Hilfsbedürftigen gar kein Auto haben.

Und auch ein einmaliger Heizkostenzuschuss löst nicht das Grundproblem einer Inflation in den sich abzeichnenden Dimensionen.

„Vielleicht sollte man einige Grundnahrungsmittel anders besteuern, so wie es die Italiener mit dem Kaffee machen“, überlegt Barbara Monauni und verweist auf die zunehmende Konkurrenz in den Tafelläden.

Wieder mal die Leidtragenden: Kinder

Und auch die geplante Kindergrundsicherung könnte eine wertvolle Hilfe sein, meint die Fachbereichsleiterin und plädiert für eine Lernmittelfreiheit, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern die Lernen und Bildung tatsächlich kostenfrei macht.

Wie überhaupt die Kinder und dabei vor allem die, die zu Hause nicht unterstützt würden, die Leidtragenden solcher Krisen seien. „Man hätte nach der Pandemie auch überlegen können, ein halbes Schuljahr zum Aufholen zu nutzen, aber es wird einfach weitergemacht“, stellt Barbara Monauni resignierend fest.

Die Coronakrise? Schwer zu stemmen. Aber kaum hat sie sich etwas beruhigt, sind wir bereits in die nächste Not getaumelt: Inflation. Viele Menschen führt das an Grenzen. Wo wird das enden? Eine bedrückende Bestandsaufnahme mit Geschäftsführer Gerhard Rall und der für Sozialberatung zuständigen Fachbereichsleiterin Barbara Monauni vom Kreisdiakonieverband.

Manche, die sich bisher finanziell über Wasser hielten, werden bald untergehen

Noch ist die nicht zuletzt durch Putins

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