Rems-Murr-Kreis

Corona: Wie sinnvoll ist die Maske? Eine Antwortsuche im Rems-Murr-Kreis

Masken Chaos
Das Schöne an der Maske: Wenn jemand wirklich herzlich lächelt, kann man das trotz Mund-Nasen-Schutz eindeutig erkennen. ZVW-Mitarbeiterin Silke Salzmann liefert den Beweis. © ALEXANDRA PALMIZI

Eine Maske tragen – bringt das wirklich was? Und falls ja – sollten wir sie zum Niesen abnehmen, damit sich kein Nasenschleim darin fängt? Fragen über Fragen. Eine ernsthafte Antwortsuche nebst skurrilen Schnurren aus dem maskierten Rems-Murr-Alltagsleben.

Frage 1 - Orkanwarnung, oder: Was tun, wenn man Maske trägt und niesen muss?

Folgende faszinierende Beobachtung hat neulich eine Kollegin in der S-Bahn bei Schorndorf gemacht: „Eine Frau trägt vorschriftsmäßig einen Mund-Nasen-Schutz. Als sie merkt, dass sie niesen muss, zieht sie die Maske unters Kinn und niest in die Armbeuge. Anschließend zieht sie die Maske wieder über Mund und Nase. Ich stellte mir nun die Frage: Ist das korrekt, um so den Schnodder nicht im Gesicht zu haben? Oder ist das genau falsch?“

Um der Antwort auf die Spur zu kommen, wenden wir uns Sir Francis Beaufort zu, einem britischen Seemann des 19. Jahrhunderts. Nach ihm ist die Beaufortskala zur Einteilung der Windstärken benannt.

Werden die Nervenzellen der Nasenschleimhaut gereizt – durch Pollen, Katzenhaar, Erkältung –, kommt es zu folgender Reaktion: kräftiges Einatmen; schlagartiges Ausatmen. Die Luft wird mit bis zu 160 km/h rausgeknattert: Windstärke 12, „Orkan“. Die Folgen nach Beaufort: „außergewöhnlich schwere See, schwerste Sturmschäden und Verwüstungen“.

Wer laut spricht oder angestrengt atmet, scheidet mehr Aerosole und Tröpfchen aus als der Leise und Entspannte – Niesen aber „ist der Extremfall“, sagt Martina Keck vom Landratsamt. Deshalb: Wenn sich eine Nasal-Detonation ankündigt, die Maske besser nicht abnehmen.

Aber was, wenn die Maske danach so verschleimt ist, dass sie nicht mehr taugt? Monique Michaelis, Pressesprecherin der Rems-Murr-Kliniken, verkündet die schmerzliche Wahrheit: „Dann ist sie zu wechseln.“

Frage 2 - die Hamster-Offenbarung, oder: Hilft die Maske wirklich gegen das Coronavirus?

Egal, was Ächter oder Verfechter mit missionarischem Eifer verkünden mögen – was die Maskenpflicht genau bringt oder auch nicht, wissen wir nicht sicher. Martina Keck vom Landratsamt übt sich nach Rückfrage bei Experten in Demut: „Ganz, ganz viel ist einfach noch nicht erforscht. Die Kollegin aus dem Gesundheitsamt hat mir gesagt: Diejenigen, die das erforschen können, haben gerade leider noch andere Sorgen.“ Dass medizinische Spezialmasken selbst feinste Aerosole aufhalten, ist gesichert – zum Einsatz selbstgenähter Stoffmasken liegen kaum Erfahrungswerte vor.

Immerhin, es gibt erste Hinweise: In Jena wurde die Maskenpflicht außerordentlich früh eingeführt, nämlich bereits am 6. April, als es in der Stadt 142 bestätigte Infektionsfälle gab. Danach: nur 16 weitere Fälle in den folgenden 20 Tagen.

Zum Vergleich der Rems-Murr-Kreis: 809 Infektionen bis zum 6. April – und 469 weitere Fälle bis zum 26. des Monats. Erst danach kam auch bei uns die Maske.


Solche Zahlenspiele sind keine Beweise, allenfalls Indizien. Die Realität ist komplex, viele unterschiedliche lokale Faktoren mögen eine Rolle spielen. Für eine Studie aber verglichen Forscher Jena auch gezielt mit anderen Kommunen ganz ähnlicher Größe, Einwohnerdichte und Infektionslast, indes ohne derart frühe Maskenpflicht. Ergebnis: Andernorts war im Vergleichzeitraum die Ansteckungszahl durchschnittlich von 143 auf über 200 gestiegen, statt von 142 auf 158. Entsprechend unbescheiden klingt der Titel der Studie: „Was die Welt von Jena lernen kann“. Auch eine US-Arbeit, die den Verlauf des Infektionsgeschehens in New York (späte Maskenpflicht) und Wuhan (früh) verglich, kam zum Ergebnis: Masken helfen.

Forscher in Hongkong gingen radikal anders vor: Sie verpassten Goldhamstern einfache OP-Masken – das Infektionsrisiko sank um 75 Prozent. Der Studienleiter folgerte: Das Maskentragen sei nicht wichtiger und auch nicht viel wichtiger, sondern „sehr viel wichtiger“ als „alles andere“.

Nur sind wir keine Hamster – auch wenn wir uns im Alltagsrad bisweilen so fühlen mögen. Mit anderen Worten: All diese Erkenntnisse sind vorläufig; erste Senklote in die dunklen Tiefen unseres Unwissens. Sollten sich die Befunde aber verdichten, könnte die Maske – derzeit von vielen noch belächelt, nur widerstrebend getragen und oft trotzig unters Kinn gehängt statt über die Nase gezogen – spätestens im Herbst zu einem Schlüsselinstrument werden, um eine zweite Welle zu verhindern.

Frage 3 - der Rückspiegel-Trick, oder: Wie gehe ich mit meiner Maske um?

Maske? Aber immer! Im Auto hängt eine am Rückspiegel, die man aufzieht, bevor man die Tankstelle betritt; und wenn man zu Fuß zum Einkaufen geht, steckt man den Zinkenlappen in die Jackentasche. Okay?

Nun ja – Martina Keck vom Landratsamt will nicht die Oberlehrerin spielen, ihr ist auch klar, dass es bei diesem Thema nicht nur um Fragen der perfekten Hygiene geht, sondern auch der praktischen Handhabbarkeit. Deshalb merkt Keck nur ganz diplomatisch an: Prinzipiell heiße so eine himmelblaue Einmalmaske womöglich nicht ganz grundlos Einmalmaske.

Aber sie weiß: Das gilt auch für Einmaltaschentücher– und wer fordere, ins Tempo nur einmal reinzuschnäuzen, verpasse „vielen Schwaben“ einen „Schlag ins Gesicht“.

Die Maske an den Rückspiegel zu hängen, sei womöglich „gar nicht so verkehrt“; solange das Ding da nicht „wochenlang“ baumelt. Zum Thema Hosentasche indes hat der Virologe Hendrik Streeck das Nötige gesagt: „Die Leute knüllen die Masken da rein, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen – das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.“


„Die Kollegin vom Gesundheitsamt“, sagt Martina Keck, „hat eine schöne Idee: Sie hat einen Gefrierbeutel dabei für die Maske, den sie täglich desinfiziert.“

Was Monique Michaelis von den Rems-Murr-Kliniken empfiehlt, ist die hohe Hygiene-Schule: „Beim Anziehen einer Maske ist darauf zu achten, dass die Innenseite nicht kontaminiert wird. Die Hände sollten vorher gründlich mit Seife gewaschen werden. Die Außenseite der gebrauchten Maske ist potenziell erregerhaltig. Um eine Kontaminierung der Hände zu verhindern, sollte diese möglichst nicht berührt werden. Die Maske sollte nach dem Abnehmen in einem Beutel oder Ähnlichem luftdicht verschlossen aufbewahrt oder sofort gewaschen werden. Die Aufbewahrung sollte nur über möglichst kurze Zeit erfolgen, um vor allem Schimmelbildung zu vermeiden.“

Investigative Frage an mich selbst: Herr Schwarz, halten Sie sich penibel daran? Antwort: Ich verweigere die Aussage.

Frage 4 - auf halbmast, oder:  Muss die Maske unbedingt über die Nase?

Beobachtung einer Kollegin aus der S-Bahn: „Wenn nicht viele fahren, sieht man immer häufiger, dass Mitfahrende den Mund-Nasen-Schutz am Kinn tragen.“ Ergänzung eines Kollegen: Ob beim Bäcker, im Dönerladen oder Barbershop – allerorten sehe er „Masken auf halbmast“.

Und eine dritte Stimme aus der Redaktion: Viele trügen in der Bahn die Maske so, „dass sie sich die Mühe auch gleich sparen könnten. Die beliebteste Variante ist der Mund-Kinn-Schutz. Besonders schön anzuschauen bei einer älteren Dame im Vierersitz nebenan, die alle paar Minuten laut und kräftig hustet. Zu kümmern scheint das übrigens keinen. Das ältere Paar mit seinem erwachsenen Sohn einige Sitze weiter tauscht sich jedenfalls in aller Ruhe über den Sinn des Tragens einer Maske aus: In ihren Augen ist es Unsinn.“

Faustregel: Die Maske tief zu tragen, ist sinnvoll! Sofern es nur darum geht, das Doppelkinn zu tarnen. Ansonsten gilt der wissenschaftliche Befund: Ein schöner Nasenrücken kann zwar auch entzücken – aber das Virus infiziert zunächst vor allem die Nasenschleimhaut und befällt erst später den Rachen; wer also auf andere Rücksicht nehmen will, bedecke den Zinken.

Frage 5 - der Rauchschlitz, oder: Welche Tricks und Tücken gibt es noch bei Coronamasken?

„Der große Vorteil der Bärte“, soll John Wayne mal gesagt haben, „liegt darin, dass man nicht mehr viel von den Gesichtern sieht.“ Nachteil: Masken sollten immer gut sitzen und an der Nasenwurzel und an den Seiten sauber abdichten – ein Bart ist da nicht direkt hilfreich. Trost für Behaarte: Nicht einmal Verschwörungstheoretiker rechnen damit, dass demnächst neben der Abschaffung der Demokratie und der Einführung der Impfpflicht auf der teuflischen Agenda von Angela Merkel und Bill Gates auch die allgemeine Zwangsrasur steht.

Anderes Problem: Neulich rief ein Leser in der Redaktion an und klagte, er müsse als Asthmatiker eindeutig keine Maske tragen, werde aber „ständig angegangen“, angepflaumt, gemaßregelt. Als er am Buseinstieg erklärt habe, dass er sogar ein Attest vorweisen könne, habe der Busfahrer geantwortet, das interessiere ihn nicht, er sei doch „kein Arzt und kein Rechtsanwalt“.

„Wenn aus medizinischen Gründen keine Maske getragen werden kann“, heißt es dazu glasklar auf www.baden-wuerttemberg.de, „entfällt die Maskenpflicht.“ Der Betroffene müsse das belegen können, „beispielsweise durch eine ärztliche Bestätigung“ – die sollte der Busfahrer dann aber bitteschön auch zur Kenntnis zu nehmen.

Letzte Beobachtung, notiert von einer Kollegin: „Wann? Anfang Mai, kurz nach Einführung der Maskenpflicht. Tatort? Aldi-Parkplatz in Winnenden. Sachverhalt? Ein Mann, schätzungsweise um die 40, steht mit leerem Einkaufswagen vor dem Discounter. Bevor er seine Einkäufe tätigt, raucht er noch schnell eine Zigarette – durch einen Schlitz in seinem Mundschutz.“

Eine Maske tragen – bringt das wirklich was? Und falls ja – sollten wir sie zum Niesen abnehmen, damit sich kein Nasenschleim darin fängt? Fragen über Fragen. Eine ernsthafte Antwortsuche nebst skurrilen Schnurren aus dem maskierten Rems-Murr-Alltagsleben.

Frage 1 - Orkanwarnung, oder: Was tun, wenn man Maske trägt und niesen muss?

Folgende faszinierende Beobachtung hat neulich eine Kollegin in der S-Bahn bei Schorndorf gemacht: „Eine Frau trägt vorschriftsmäßig einen

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