Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Lage eskaliert – womit wir jetzt rechnen müssen

Infektionsstation
Eingang zur Infektionsstation am Winnender Klinikum über die Notaufnahme. © Gabriel Habermann

Die Inzidenz liegt jetzt schon bei 372 - das Infektionsgeschehen im Rems-Murr-Kreis ist binnen einer Woche förmlich explodiert, der November 2021 wird absehbar düster und der Dezember womöglich dramatisch: eine Prognose nebst Begründung.

Wie hat sich die Inzidenz entwickelt?

Ach, die Inzidenz ist doch nicht mehr so wichtig – diese Zahl verzeichnet ja auch harmlos verlaufende Infektionen; maßgeblich ist doch die Intensivbettenbelegung: Viele haben das gedacht, und wenn wir von der Zeitung dennoch regelmäßig weiter über die Inzidenz berichteten, wurden wir in den vergangenen Wochen bisweilen als Panikmacher geschmäht.

Nur: Die Inzidenz ist und bleibt der entscheidende Pfeil, der frühzeitig zeigt, wohin die Reise geht. Wenn wir heute hohe Infektionszahlen haben, werden sich zwei oder drei Wochen später die schweren Krankheitsverläufe häufen.

Am 4. November stieg die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis auf 252 und übertraf damit den bisherigen traurigen Rekord vom 25. April 2021 (245) – seither aber ist sie komplett aus dem Ruder gelaufen. Stand 10. November: 372.

Allein am 10. November wurden 315 Neu-Ansteckungen gemeldet - das ist der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. Die höchste Tagesmeldung während der zweiten Welle wurde am 9. Dezember 2020 verzeichnet: 236 neue Fälle. In der dritten Welle wurde der Tageshöchststand am 22. April 2021 verzeichnet: 201.

Doch auch die Inzidenz drückt die Wucht des Infektionsgeschehens nicht voll aus. Denn sie benennt ja nur die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner. Der Rems-Murr-Kreis hat aber mehr als 427.000 Einwohner.

Betrachten wir also die tatsächlich gemeldeten Positivdiagnosen:

  • 13. bis 19. Oktober: 598 Infektionen gemeldet
    20. bis 26. Oktober: 820 Infektionen gemeldet
    Zusammengezählt: 1418.
    Die derzeitige Belastung bei den Intensivbetten geht maßgeblich auf diese Infektionen zurück.
  • 27. Oktober bis 2. November: 871 Infektionen gemeldet
    3. bis 9. November: 1516 Infektionen gemeldet
    Zusammengezählt: 2387.
    Die Intensivbetten-Belegung Mitte, Ende November wird sich vor allem aus diesen Infektionen speisen.

Mit anderen Worten: Die wirkliche Zuspitzung auf den Intensivstationen steht uns erst noch bevor.

Könnte die Inzidenz weiter steigen?

Ja, leider, aus mehreren Gründen:

  • Das Reservoir an weder geimpften noch genesenen Personen ist im Rems-Murr-Kreis noch niederschmetternd groß. 261.276 Menschen waren Stand 7. November doppelt geimpft, 27.838 Menschen haben sich seit Beginn der Pandemie infiziert (davon sind 394 verstorben). Da der Rems-Murr-Kreis aber offiziell 427.286 Einwohner zählt, bedeutet das: Immer noch mehr als 138.000 Menschen sind derzeit hier bei uns weder geimpft noch genesen und damit dem Virus schutzlos ausgeliefert.
  • Je mehr Menschen sich infizieren, desto schwieriger wird es, die Nachverfolgung der Kontakte zu organisieren. Eine Durchbrechung von Infektionsketten ist kaum mehr möglich. Das wiederum befeuert die Infektionsdynamik. In diesem Teufelskreis sind wir gefangen.
  • Was die Mitwirkung von Geimpften am Infektionsgeschehen betrifft, haben wir überhaupt keine verlässlichen Daten, aber eine mutmaßlich hohe Dunkelziffer. Denn Geimpfte und Genesene werden in der Regel nicht getestet, solange keine Krankheitssymptome auftreten – und geben das Virus womöglich unerkannt an Ungeimpfte weiter.

Wie ist die Lage bei den Intensivbetten?

Es ist schon richtig: Eine hohe Inzidenz bedeutet heute nicht mehr dasselbe wie vor einem Jahr. In einer Gesellschaft mit vielen Geimpften führt eine Inzidenz von, sagen wir, 200 nicht mehr zu so einer hohen Klinikbelastung wie noch vor einem Jahr. Aber: Wenn die Inzidenz dermaßen durch die Decke geht wie derzeit, erledigt sich das trügerisch beruhigende Argument.

Bereits jetzt ist klar: Die Alarmstufe – 390 mit Covid-Patienten belegte Intensivbetten in Baden-Württemberg – wird unausweichlich kommen. Am 10. November sank der Wert zwar gegenüber dem Vortag von 356 auf 348, aber wer darin eine Trend-Umkehr zu sehen glaubt, hat einen Knick in der Optik. Die 390er-Marke wird gerissen werden, definitiv.

Wir müssen aber von noch Schlimmerem ausgehen. Eine Hochrechnung des Landesgesundheitsamtes prognostiziert, dass wir um den 20. bis 25. November herum bei 600 belegten Intensivbetten landen könnten.

Zum Vergleich: Der bisherige traurige Rekord waren 642 belegte Intensivbetten am 29. Dezember 2020, in der schwärzesten Stunde der zweiten Welle.

Und die Todesfälle?

Die bislang düsterste Zeit war im Rems-Murr-Kreis die Zuspitzungsphase der zweiten Welle von November 2020 bis Januar 2021. Es dauerte damals recht lange, bis eine steigende Inzidenz zu vielen Todesfällen führte. Zwischen dem 1. Oktober und dem 9. November starben 12 Menschen nach Infektion – bis zum 31. Dezember aber ließen 113 weitere Betroffene ihr Leben.

Zum Vergleich die momentane Situation: Zwischen dem 1. Oktober und dem 9. November 2021 waren im Landkreis bereits 22 Todesfälle nach Infektion zu beklagen; mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Es ist leider absehbar: Im Laufe des Novembers und vor allem im Dezember werden erneut viele Menschen sterben.

Was also tun?

Die Wucht der Welle ist bereits zu hoch, als dass sie sich von heute auf morgen abdämpfen ließe. Aber mittelfristig, mit Blick auf die nächsten Monate, wird viererlei wichtig:

  • Es ist verzweifelt nötig, die klaffenden Impflücken zu schließen. Man kann nur inständig werben: Wer noch mit sich ringt, wer zweifelt, möge sich einen Ruck geben und den Piks setzen lassen.
  • Die Geimpften brauchen den Booster. Tragfähige Strukturen müssen schnellstens geschaffen werden. Die Impfzentren zu schließen, war ein Fehler.
  • Die Regel, dass Geimpfte und Genesene kaum getestet werden, muss dringend überdacht werden.
  • Jede und jeder – vor allem aber jede und jeder Ungeimpfte oder Nichtgenesene – sollte intensiv erwägen, welche Treffen in größerer Runde derzeit wirklich noch nötig sind.

Die Inzidenz liegt jetzt schon bei 372 - das Infektionsgeschehen im Rems-Murr-Kreis ist binnen einer Woche förmlich explodiert, der November 2021 wird absehbar düster und der Dezember womöglich dramatisch: eine Prognose nebst Begründung.

Wie hat sich die Inzidenz entwickelt?

Ach, die Inzidenz ist doch nicht mehr so wichtig – diese Zahl verzeichnet ja auch harmlos verlaufende Infektionen; maßgeblich ist doch die Intensivbettenbelegung: Viele haben das gedacht, und

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