Rems-Murr-Kreis

Coronaprämie bei Stihl: In vielen Metall- und Elektrobetrieben im Rems-Murr-Kreis steht eher die Streichung von Jahresprämien auf der Tagesordnung

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Mit dem Weihnachtsmann kommt für viele Beschäftigte das 13. Monatsgehalt - trotz Corona. © Pixabay

Die Stihl-Gruppe ist in den Schlagzeilen. Sie zahlt ihren Mitarbeitern eine Coronaprämie von 350 Euro, weil die Geschäfte derzeit so hervorragend laufen. Wie aber sieht es in der übrigen Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis aus? Unser Redaktionsmitglied Martin Winterling fragte den Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall Michael Kempter.

Herr Kempter*, die Metall- und Elektroindustrie steckt wegen Corona in einer konjunkturellen Krise. Hat es in den Betrieben deshalb Kürzungen beim Weihnachtsgeld gegeben?

Kürzungen oder Streichungen sind die Ausnahme. Aus unserer Beratungspraxis heraus würde ich sagen, dass über 90 Prozent der Unternehmen das Weihnachtsgeld auszahlen. Allerdings darf das nicht missinterpretiert werden. Arbeitsrechtlich sind Kürzungen oder eine Streichung des Weihnachtsgeld nicht ohne weiteres möglich. Also auch Firmen, die wirtschaftlich schlecht dastehen, sind oft vertraglich verpflichtet zu bezahlen.

Regelt nicht der Tarifvertrag solche Anpassungen an die wirtschaftlichen Gegebenheiten?

Der Flächentarifvertrag gibt die Möglichkeit her, mittels Betriebsvereinbarung den Auszahlungszeitpunkt des Weihnachtsgeldes nach hinten zu verschieben. Das kann Liquidität sichern. Soll das Weihnachtsgeld gekürzt oder ganz gestrichen werden, ist ein Firmentarifvertrag erforderlich. Mit Zustimmung der Gewerkschaft kann also vereinbart werden, dass es zwar weniger Geld, dafür im Gegenzug aber für einen bestimmten Zeitraum etwa eine Beschäftigungssicherung gibt. Eine Verhandlung mit jedem einzelnen Beschäftigten ist dann nicht mehr notwendig. So kann schnell auf eine Krisensituation reagiert werden.

Wie ist die Lage der ME-Industrie derzeit ganz generell?

Die Situation ist weiterhin sehr schwierig. Schauen wir uns etwa die Ertragslage 2020 im Bund an: Knapp 60 Prozent der Unternehmen sind in der Verlustzone oder niedrigen Gewinnzone unter zwei Prozent. Man rechnet für 2020 mit durchschnittlich 0,9 bis 1,3 Prozent Umsatzrendite. Das ist entschieden zu wenig für die Unternehmen. Deshalb haben unsere Mitgliedsunternehmen jetzt auch mit großem Unverständnis auf die Forderung der IG Metall von „bis zu vier Prozent mehr Lohn“ reagiert. In der aktuellen Situation gibt es einfach keinen Spielraum für Kostensteigerungen. Im Gegenteil: Viele Firmen brauchen jetzt Entlastung und niedrigere Arbeitskosten. Wir dürfen uns von einigen passablen Ergebnisse einiger weniger Unternehmen im 3. Quartal nicht täuschen lassen. Das ist kein Zeichen einer flächendeckenden deutlichen Erholung. Oft resultieren die wenigen positiven Ergebnisse aus Einsparungen und Kostenentlastungen aus der Kostenübernahme bei der Kurzarbeit durch die Arbeitsagenturen oder den Wegfall von Messeauftritten und Dienstreisen. Ich glaube nicht, dass wir in der Fläche vor 2023 wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

Zurück zu Stihl. Welches Unternehmen im Verband hat ebenfalls Prämien gezahlt oder aber Jahresprämien und Boni gekürzt?

Eine zusätzliche Prämie, gerade auch eine sogenannte „Coronaprämie“, wird sehr selten bezahlt. In einigen Firmen ist das auch noch nicht endgültig entschieden. Bei übertariflichen Leistungen oder Boni wird eher gekürzt als beim Weihnachtsgeld. Oft ist es auch arbeitsrechtlich leichter umsetzbar beziehungsweise geben es die entsprechenden Vertragsklauseln von sich aus her. Ich würde sagen, rund ein Drittel unserer Mitgliedsfirmen gehen das Thema aktiv an.

*Michael Kempter ist Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr. Der Arbeitgeberverband Südwestmetall ist eigenen Angaben zufolge einer der größten industriellen Arbeitgeberverbände Deutschlands. Er vertritt in Baden-Württemberg die arbeitsrechtlichen, tarif-, sozial- und bildungspolitischen Interessen von mehr als 1600 Mitgliedsbetrieben der Metall- und Elektroindustrie. Die Bezirksgruppe Rems-Murr als eine von insgesamt 13 regionalen Vertretungen betreut 96 Mitgliedsbetriebe mit knapp 20 000 Beschäftigten im Rems-Murr-Kreis.

Die Stihl-Gruppe ist in den Schlagzeilen. Sie zahlt ihren Mitarbeitern eine Coronaprämie von 350 Euro, weil die Geschäfte derzeit so hervorragend laufen. Wie aber sieht es in der übrigen Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis aus? Unser Redaktionsmitglied Martin Winterling fragte den Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall Michael Kempter.

Herr Kempter*, die Metall- und Elektroindustrie steckt wegen Corona in einer konjunkturellen Krise.

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