Rems-Murr-Kreis

Damit Recycling nicht zum Stress ausartet und klimafreundliche Wiederverwertung mehr Spaß macht

Deponienotbetrieb
Vor gut einem Jahr bildeten sich nach der coronabedingten Schließung der Deponien lange Schlangen: Die Recyclingstationen sind jedoch nicht nur in Corona-Zeiten oft überlastet, was die Recyclingbereitschaft der Rems-Murr-Bürger nicht unbedingt erhöht. © Gaby Schneider

Die Müllmengen müssen runter. Mit rund 210 Kilogramm Haus-, Sperr- und Bioabfällen pro Bürger und Jahr liegt der Rems-Murr-Kreis in der baden-württembergischen Müllhitparade zwar nicht schlecht und so eben im soliden Mittelfeld. Doch es ginge besser. Zum Beispiel, wenn der durchaus recyclingbewusste Müllentsorger samstags vor der Deponie nicht stundenlang im Stau stehen und für den halbvollen Kofferraum Sperrmüll dann gleich die volle Gebühr von 20 Euro abdrücken müsste.

Am Montag hat sich der Kreistag auf den Weg gemacht, ein neues Abfallwirtschaftskonzept zu entwickeln. Über diesen doch recht sperrigen Begriff ist Landrat Richard Sigel gleich zu Anfang des Pressegesprächs gestolpert. Dabei geht es schlicht darum, den Bürgern ein „bequemeres, angenehmeres und kundenorientiertes Recycling zu ermöglichen“, wie Sigel später ausführte. Das alte Konzept hat immerhin schon mehr als 15 Jahre auf dem Buckel und ist damit ein Fall für den Schredder.

Die Staus vor fast einem Jahr vor den Deponien und Recyclinghöfen haben es den Verantwortlichen der Abfallwirtschaft im Kreis (AWRM) drastisch vor Augen geführt. Die Wertstoffstationen sind dem Ansturm nicht mehr gewachsen. Den ersten coronabedingten Lockdown nutzten die Leute zum Ausmisten von Kellern und Bühnen sowie zum Großreinemachen im Garten. Als die Recyclinghöfe wieder öffneten, bildeten sich lange Schlangen - was die offensichtliche Bereitschaft, ein guter Müllbürger zu sein und zu bleiben, wohl nicht gerade befördert hat. Doch statt nur ein paar Stellschrauben bei der Annahme des Mülls zu verändern, soll beim Abfall das große Rad gedreht werden. Bis Ende des Jahres soll ein neues Abfallwirtschaftskonzept beschlossen werden.

Diese fünf Ziele verfolgt das Abfallwirtschaftskonzept

  • Abfallvermeidung,
  • eine bessere Infrastruktur fürs Recycling,
  • Klimaschutz,
  • ein Gebührensystem, das dem Verursacherprinzip folgt und Abfallvermeidung und -trennung honoriert,
  • sowie ein geschärftes Problembewusstsein für das komplexe Thema Müll.

Und was kostet der Spaß die Gebührenzahler? Fast nichts, sagt Landrat Richard Sigel über einen „sehr überschaubaren Betrag“, den der Landkreis beispielsweise in die Kampagnen investieren will, die das neue Abfallwirtschaftskonzept begleiten sollen. Freilich steht auch das Gebührensystem selbst auf dem Prüfstand. Das beruht aktuell auf einer Grundgebühr pro Haushalt und einer behälterabhängigen Gebühr für die Leerung der Rest- und Biomülltonnen. Und Sperrmüll kostet extra. Unterm Strich kostet der Müll einen Vier-Personen-Haushalt verhältnismäßig kommode 117 bis 138 Euro pro Jahr. Auf der anderen Seite des Neckars, im Landkreis Ludwigsburg, wären 190 Euro fällig, jenseits des Schurwaldes in Esslingen nur 100 Euro.

Um sich bei den Gebühren Arbeit zu sparen, überlegt sich die AWRM, nicht mehr die 200 000 Haushalte zur Kasse zu bitten, sondern die Hauseigentümer. Die könnten die Abfallkosten dann über die Nebenkosten auf ihre Mieter abwälzen. Eine andere Idee ist, die Mülltonnen mit Chips auszustatten. So könnte jede geleerte Tonne erfasst und abgerechnet werden.

Und auch für den Sperrmüll gibt es Überlegungen: Statt dass der Haushalt für jede Abfuhr oder Anlieferung extra zahlen muss, könnten die Kosten auf die Grundgebühr umgelegt werden. Diese Idee steht in einem engen Zusammenhang mit dem wichtigsten Ziel des Konzepts, der Abfallvermeidung. Den Hebel ansetzen will die AWRM bei der Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger. Machtlos steht der Kreis jedoch den Ursachen der Müllflut gegenüber, zum Beispiel dem ausufernden Onlinehandel mit seinen Bergen von Verpackungen, räumte Richard Sigel ein.

In den Restmülltonnen stecken noch viel zu viele Wertstoffe

Was bleibt, sind Kampagnen und zielgruppenorientierte Öffentlichkeitsarbeit, um die Haushalte dazu zu bewegen, Restmüll noch bewusster zu vermeiden - aktuell 100 Kilogramm pro Haushalt. Wer genauer in die Tonnen guckt, findet nämlich außer Restmüll auch ein Drittel Abfälle, die eigentlich Wertstoffen zuzuordnen sind, sowie ein Drittel Biomüll. Ziel sind „Maßnahmen zur Sensibilisierung der Bürgerschaft“, um Wertstoffe wie Glas, Papier oder Kunststoffe auszusortieren und feinsäuberlich ihrer Wiederverwertung zuzuführen, wie es in der Vorlage für den Umwelt- und Verkehrsausschuss am Montag heißt.

Ein gutes Beispiel für Müllvermeidung haben sich die Kreisräte im Kreis Günzburg angeschaut. Auf einem ehemaligen Militärgelände in Leipheim steht heute ein Gebrauchtwarenhaus, wo die Leute alte, aber gebrauchsfähige Produkte abgeben können, statt in einen Müllcontainer zu werfen. Landrat Sigel macht sich keine Illusionen darüber, dass das Gebrauchtkaufhaus ein lukratives Geschäft für die AWRM wird. Im Gegenteil, wie die Diakonie Stetten zeigt, die ihre Fundgrube-Läden in Stetten und Waiblingen geschlossen hat. Nicht zuletzt, weil außer „qualitativ wertigen Sachspenden zunehmend auch unverkäufliche Ware gespendet wird, die zu hohen Eigenkosten entsorgt werden muss“.

Damit Recycling aber niemals zu Stress ausartet, will die AWRM das Hol- und Bringsystem so organisieren, dass die Trennung von Müll nicht allzu viel Arbeit macht. Die Wertstoffhöfe sollen so ausgebaut werden, dass sie den höheren Anlieferungsmengen gewachsen sind und die Abwicklung rasch erfolgen kann.

Beim Elektroschrott soll der Handel stärker in die Pflicht genommen werden. Vorsichtig formuliert, gelte es, die „noch unzureichend genutzten Potenziale der Rücknahmestellen im Einzelhandel besser zu erschließen“. Das heißt aber nichts anderes, als dass sich Läden und Geschäfte, die beispielsweise Smartphones mit Lithium-Ionen-Akkus verkaufen, bei der Entsorgung nicht länger wegducken dürfen.

Und noch ein letzter, wichtiger Punkt, der für ein neues Abfallkonzept spricht: das Klima. Weniger Müll bedeutet im Sinne der Nachhaltigkeit besseres Klima. So sollen 28 000 Tonnen Grüngut nicht mehr fortgeschafft werden, sondern vor Ort verwertet werden. Stillgelegte Deponien werden zu Solarparks, und Deponiegase werden nicht mehr in die Luft geblasen, sondern in Strom und Wärme verwandelt.

Die Müllmengen müssen runter. Mit rund 210 Kilogramm Haus-, Sperr- und Bioabfällen pro Bürger und Jahr liegt der Rems-Murr-Kreis in der baden-württembergischen Müllhitparade zwar nicht schlecht und so eben im soliden Mittelfeld. Doch es ginge besser. Zum Beispiel, wenn der durchaus recyclingbewusste Müllentsorger samstags vor der Deponie nicht stundenlang im Stau stehen und für den halbvollen Kofferraum Sperrmüll dann gleich die volle Gebühr von 20 Euro abdrücken müsste.

Am Montag hat

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