Rems-Murr-Kreis

Das lange Warten auf den Krankenwagen - und Nachtzuschlag für die Verspätung

Saniteam Winkler
Das Saniteam Winkler in Fellbach ist der einzige Anbieter, der im Rems-Murr-Kreis auch nachts Krankenfahrten durchführt. Obwohl inzwischen werktäglich 26 Krankentransportwagen im Einsatz sind, kommt es gelegentlich zu Wartezeiten. © Benjamin Büttner

Bei einer Notfallrettung kommt es auf jede Minute ein. Ein Krankentransport kann schon mal warten - aber warum gleich mehr als fünf Stunden? Zur ärgerlichen Warterei auf die Rückkehr ihres 92-jährigen Vaters kam bei Gerlinde Schaal als Tüpfelchen auf dem i ein paar Wochen später die Rechnung hinzu. Für den Krankentransport wurde ein Nachtzuschlag von 42 Euro berechnet. „Dafür fehlt mir jegliches Verständnis“, beschwert sich die Rudersbergerin.

Helmut Winkler, Chef des Fellbacher Saniteam Winkler, kann den Ärger nachvollziehen. Seine Sanitäter waren es, die den nächtlichen Krankentransport von Schwaikheim nach Rudersberg abgewickelt haben. Aber weil es schließlich Nacht geworden war, wurde eben auch der Zuschlag berechnet. Bei Krankentransporten komme es immer wieder zu Nachfragespitze, weiß Winkler. „Zeitweise reichen dann die Kapazitäten nicht aus.“

Im Rems-Murr-Kreis sind mehr als ein Dutzend Anbieter von Krankentransporten unterwegs. Vom Roten Kreuz über den ASB bis hin zu privaten Transportunternehmen wie eben das Saniteam Winkler, das als einziger Anbieter die Nachtschichten übernimmt. „Der Rems-Murr-Kreis ist gut aufgestellt“, sagt Helmut Winkler. Wo’s klemmt, wie in dem Fall des 92-Jährigen, der stundenlang auf seine Fahrt warten musste? Winkler zögert bei der Antwort und lässt durchblicken, dass es an der Rettungsleitstelle gelegen haben könnte.

Gerlinde Schaal hat alles richtig gemacht. Sie hat die Krankenfahrt für ihren Vater rechtzeitig angemeldet. Der 92-Jährige durfte im Februar nach einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt und einer Kurzzeitpflege im Haus Elim in Schwaikheim endlich wieder nach Hause. „Mir wurde zugesagt, dass mein Vater am nächsten Tag, also am 21. Februar, zwischen 16 und 17 Uhr nach Rudersberg gebracht wird.“

Mein Vater war erst um 23.30 Uhr in seiner Wohnung“

Sie habe sehr viel Verständnis gezeigt und viel Geduld bewiesen, dass sich der Transport - trotz mehrfacher Rückfragen - erheblich verspätete. „Mein Vater war erst um 23.30 Uhr in seiner Wohnung.“ Das Fass zum Überlaufen brachte allerdings, dass der Familie dann auch noch ein Nachtzuschlag in Höhe von 42 Euro in Rechnung gestellt wurde!“

Das Landratsamt Rems-Murr als Aufsichtsbehörde für den Rettungsdienst hat sich der Sache angenommen. Mit den „Abschlussbericht“ war Gerlinde Schaal aber gar nicht zufrieden. Denn das Fazit lautete: Die Integrierte Leitstelle habe schlüssig ein sehr hohes Transportaufkommen darstellen können. Die Forderung des Krankentransportunternehmens sei in Ordnung, das heißt, der Nachtzuschlag also gerechtfertigt.

Sie stellt sich nun die Frage: „Was läuft hier schief? Zumal uns gesagt wurde, dass solche Verspätungen öfter vorkommen.“

Wie ist aus Sicht des Landratsamtes die Situation bei Krankentransporten? Derzeit werden im Rems-Murr-Kreis wöchentlich 1358 Fahrzeugstunden Krankentransport vorgehalten, rechnet das Landratsamt vor. An Wochentagen sind bis zu 26 Krankentransportwagen der Hilfsorganisationen und Privatunternehmen zeitgleich im Einsatz. „Ein Fahrzeug ist rund um die Uhr an jedem Tag im Einsatz“, verweist das Landratsamt als Aufsichtsbehörde für den Rettungsdienst auf das sukzessive aufgestockte Angebot. Anfang 2020 waren es noch 1201 Wochenstunden mit 23 Fahrzeugen. Die Fahrzeugausfälle durch technischen Defekt oder Krankheit liegen bei 0,5 Prozent und können somit als zufriedenstellend bewertet werden.

„Ein erhöhtes, nicht planbares Transportaufkommen“

Die Krankentransportwagen werden vom Landratsamt genehmigt, die Tätigkeit erfolgt auf Grundlage einer zwischen den Krankentransportunternehmen und den Kostenträgern abgeschlossenen Vergütungsvereinbarung. Für den Krankentransport gebe es keine gesetzlich definierten „Hilfsfristen“ oder Zeitvorgaben, auf deren Grundlage das Landratsamt als Rechtsaufsicht tätig werden kann. Dennoch werde jeder auffällige Einzelfall vom Landratsamt überprüft. Die Stabsstelle Brand- und Katastrophenschutz befindet sich in einem ständigen Dialog mit den Krankentransportunternehmen, der Integrierten Leitstelle und den Kostenträgern, um eine bestmögliche Versorgung mit Krankentransporten im Landkreis zu erreichen.

Der Fall des 92-Jährigen war zwar kein Einzelfall. Allerdings einer von wenigen. Dem Landratsamt wurden im Jahr 2020 insgesamt drei Fälle und im Jahr 2021 bisher ein Fall einer verlängerten Wartezeit zur Kenntnis gebracht. Alle Fälle seien umgehend und gründlich von der Stabsstelle Brand- und Katastrophenschutz überprüft worden. „Alle vier Fälle konnten von der Integrierten Leitstelle mit einem zu diesem Zeitpunkt erhöhten, nicht planbaren Transportaufkommen begründet werden. „Pflichtverletzungen der verantwortlichen Unternehmen seien keine festgestellt worden.

Aufwendige Corona-Hygiene bringt die Einsatzpläne durcheinander

Das Landratsamt räumt Engpässe ein. Durch die aufwendigen Hygienemaßnahmen bei Transporten von Patienten mit Corona Infektion seien die Fahrzeuge derzeit oft länger an Einsätze gebunden. „Dies kann zu verlängerten Wartezeiten im Krankentransport führen.“ Grundsätzlich sei es nur schwer möglich, das Aufkommen von Krankentransporten strategisch vorzuplanen, da die Nachfrage starken Schwankungen unterliegt.

In der Integrierten Leitstelle gibt es für die Disponenten eine Handlungsanweisung, die beschreibt, wie sich der Disponent bei verlängerten Wartezeiten zu verhalten hat. „Zunächst werden die entsprechenden Krankentransportunternehmen zur Erhöhung der Kapazität mit zusätzlichen Fahrzeugen oder im Rahmen der Höchstarbeitszeit möglichen Schichtverlängerung aufgefordert.“ In einem zweiten Schritt bestehe die Möglichkeit, mit ehrenamtlichen Kräften des Sanitätsdienstes weitere Krankentransportwagen in Dienst zu stellen. Die Option ehrenamtliche Kräfte werde etwa zwei bis dreimal jährlich zum Einsatz gebracht.

Wenn Engpässe abzusehen sind, beispielsweise viele Transporte von Dialysepatienten an Sonn- und Feiertagen, werden laut Landratsamt in Absprache mit den Krankentransportunternehmen auch pragmatisch und kurzfristig zusätzliche Fahrzeuge genehmigt.

Im Rettungsdienst sind nur vier Hilfsorganisationen erlaubt

Der Rettungsdienst in Deutschland ist eine komplexe Angelegenheit. Krankentransport und Notfallrettung sind nämlich zwei paar Stiefel. Finanziell und organisatorisch. Bei den Krankentransporten sind private Anbieter erlaubt; beim Rettungsdienst bleiben private Anbieter wie das Sani-Team Winkler außen vor. In der Notfallrettung sind nur vier Hilfsorganisationen – Arbeiter-Samariter-Bund, DRK, Johanniter Unfallhilfe und Malteser - unterwegs. Die Sonderstellung im Rettungsdienstgesetz dient laut Landratsamt dazu, „den Schutz von Leben und Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger bestmöglich zu gewährleisten“.

Bei einer Notfallrettung kommt es auf jede Minute ein. Ein Krankentransport kann schon mal warten - aber warum gleich mehr als fünf Stunden? Zur ärgerlichen Warterei auf die Rückkehr ihres 92-jährigen Vaters kam bei Gerlinde Schaal als Tüpfelchen auf dem i ein paar Wochen später die Rechnung hinzu. Für den Krankentransport wurde ein Nachtzuschlag von 42 Euro berechnet. „Dafür fehlt mir jegliches Verständnis“, beschwert sich die Rudersbergerin.

Helmut Winkler, Chef des Fellbacher

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