Rems-Murr-Kreis

Das Menschenrecht auf Wohnen: Im Rems-Murr-Kreis nicht erfüllt

Wohnraum
Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas bietet Mietern und Vermietern Sicherheit. Sie sprach bei der Armutskonferenz in Waiblingen. © Benjamin Büttner

Warum diese horrende Mietforderung, fragte Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz den Wohnungseigentümer. Sie hatte, erzählt sie, eine akzeptable Wohnung aufgetan, rund 80 Quadratmeter, aber der Preis stimmte definitiv nicht. Der potenzielle Vermieter erklärte sich in etwa so: Na, wenn Sie zehn Asylbewerber da reinpacken, dann passt das doch.

Dieses Erlebnis schildert Ellen Eichhorn-Wenz bei der Armutskonferenz in der Waiblinger Christuskirche. Das Thema – dringend seit vielen Jahren und inzwischen längst in der Mittelschicht angekommen – „Wohnen ist ein Menschenrecht“.

Wohnen muss dem Menschen auch gerecht werden

Der Vermieter hätte rein monetär gesehen, nicht mal falsch gelegen: Die Miete für Asylbewerber wird vom Landkreis oder dem Jobcenter übernommen. Die Caritas hätte mit ihrem Projekt „Türöffner“ nichts draufzahlen müssen. Denn für jeden Menschen steht ein bestimmter Betrag zur Verfügung: Zehnfach zusammengerechnet kommt da was Ordentliches raus für eine mittelgroße Wohnung. „Das machen wir nicht!“, sagt Ellen Eichhorn-Wenz. Es wäre den Menschen eben nicht gerecht geworden.

Menschenrechte sind moralisch begründete, individuelle Freiheits- und Autonomierechte, die jedem Menschen allein aufgrund seines Menschseins gleichermaßen zustehen. Sie gelten überall und für alle Menschen, und sie können nicht abgetreten oder weggenommen werden. „Unveräußerlich“ lautet der Begriff. Das Menschenrecht auf einen „angemessenen Lebensstandart“, zu dem das Wohnen dazugehört, gibt es erst seit 1968. Und wie schwer ist es in unserer Gesellschaft, dieses Recht umzusetzen. Man müsste „bauen, bauen, bauen“, sagt Pfarrer Thomas Stürmer von der Freien Wohlfahrtspflege Stuttgart. Doch will, soll, darf die Gesellschaft das? Die Menschheit frisst die Erdoberfläche auf. Und Nachbarschaften haben die Wiese nebenan noch nie so geschätzt, wie ab dem Moment, in dem der Baubeschluss gefallen ist.

Der Mensch muss akzeptieren, dass auch der andere Mensch zu seinem Recht kommen will

Die Gesellschaft, sagt der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky, muss umdenken: „Wir müssen akzeptieren, dass auch andere zu ihrem Recht kommen.“ Und solang die Nachfrage nach Wohnungen größer bleibe als das Angebot, blieben die auf der Strecke, um die es in der Armutskonferenz geht. Die Menschen nämlich, die einen Migrationshintergrund haben, die alleinerziehend sind, die mehrere Kinder haben, die ein Handicap haben, die nicht so sind, wie alle anderen, ganz gleich, ob es da um Religion, Hautfarbe oder was anderes geht. Oft, sagt Ellen Eichhorn-Wenz, summieren sich mehrere der Faktoren. Doch eine Aussage gilt bei allen: Bei wem das Geld nicht fließen kann, der hat keine Chance.

Wohnungsverlust? Gründe sind Mietschulden, Trennung, Kündigungen

Mietschulden sind es daher auch oft, die Heinrich Knodel von der Wohnungslosenhilfe Ludwigsburg zu den Menschen treibt: Er ist unterwegs, damit aus diesem Problem keine Obdachlosigkeit wird. „Es gibt Menschen, die können sich nicht vorstellen, dass man in Deutschland auf der Straße landen kann“, sagt er. Doch man kann. Und es seien, sagt er aus seiner Erfahrung heraus, zu 50 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Knodel sucht nach Lösungen, gemeinsam mit Mietern und Vermietern. Idealerweise, sagt er, kommen die Menschen schon zu ihm, bevor es zu einer Kündigung gekommen ist. Aber in der Realität ist oft schon alles den Bach runter. Doch greift die Wohnungslosenhilfe rechtzeitig ein, ist sie meist erfolgreich: Im Jahr 2019 seien bei 303 Beratungen 87 Prozent, also 263 Fälle gut ausgegangen. Und: Auch wenn die Kommunen für diese Hilfe bezahlen, es lohnt sich. Jeder Euro, der in die Vorsorge gesteckt werde, sagt Knodel, spare 3,50 Euro bei der Obdachlosenunterbringung ein.

"Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft"

Wie noch kann verhindert werden, dass Menschen aus ihrem Leben herausfallen? Indem andere sie halten. Indem sich die Menschen im Viertel kennen, schätzen, mögen, sowieso schon viel miteinander unternehmen und im Notfall eben noch ein bisschen mehr tun. „Quartiersarbeit“ heißt das, wenn dieses gute Zusammenleben gezielt gefördert wird. Lisa Wagner von der Diakonie Stetten tut Solches in Fellbach-Schmiden. „Wohnen für alle“ heißt der Neubau-Komplex. Hier leben Menschen mit Handicap, Menschen mit größerem und kleinerem Geldbeutel, alte und junge Menschen zusammen. Und neben Alteingesessenen. Alle diese sollen zusammenwachsen und zusammen stark sein. Denn neben dem Menschenrecht auf Wohnen gibt es auch noch den Artikel 29: „Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entwicklung seiner Persönlichkeit möglich ist“.

Warum diese horrende Mietforderung, fragte Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz den Wohnungseigentümer. Sie hatte, erzählt sie, eine akzeptable Wohnung aufgetan, rund 80 Quadratmeter, aber der Preis stimmte definitiv nicht. Der potenzielle Vermieter erklärte sich in etwa so: Na, wenn Sie zehn Asylbewerber da reinpacken, dann passt das doch.

Dieses Erlebnis schildert Ellen Eichhorn-Wenz bei der Armutskonferenz in der Waiblinger Christuskirche. Das Thema –

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