Rems-Murr-Kreis

Das Remstal singt! Mitschmettern unterm Autodach

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Manche hielten es nicht mehr im Auto aus: Sie flohen vor den Wagentemperaturen – und strebten zur Musik hin. © Benjamin Büttner
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Patrick Bopp (am Keyboard) und Christian Langer führten durchs Programm. © Benjamin Büttner

Eine Blechlawine wird zum bunt gemischten Chor: „Das Remstal singt!“ macht's möglich. Und das Beste daran: Die Konzertstimmung konnte live und virtuell zugleich verfolgt werden.

Auf dem Parkplatz bleibt keine Lücke frei: 99 vergebene Tickets, Fahrzeug an Fahrzeug akkurat von Einweisern platziert, ausgebucht. Dies ist der eine Teil des Publikums, das Patrick Bopp - musikalischer Leiter der Vocal-Comedy-Gruppe „Die Füenf“ - und sein Bandkollege Christian Langer vor sich haben. Hinter Frontscheiben zwar, aber sich bemerkbar machend: Da wird mit Tüchern gewunken, zwei Schirmchen wippen im Takt, Insassen trommeln auf dem Autodach mit. Kinder hängen sich zu den Rückfenstern raus und verfolgen das Konzert mit freiem Blick über die Autodächer, unter denen zum Sound aus den Radios mitgeschmettert wird. Christian Langer gibt mit der Melodica das Hupzeichen und ruft in die Blechlawine: „Schreit mal!“ Dann: „Jetzt klatschen!“ Die Autokolonne zeigt Regung, spart nicht an gehuptem Applaus, das Publikum ist willig, der Musiker zufrieden: „Ja super“, „sehr schön“ und „passt doch“.

Als die Taktstöcke zum Start von „In the Summertime“ aneinanderklopfen und daraufhin der Ohrwurm mit elegant-entspanntem Reggae-Touch den tropischen Sommerabend ins Schwingen bringt, ist beinahe schon Normalität zu spüren. Bei geschlossenen Scheiben hält es kaum jemand aus. Und so bekommen die Musiker direktes Feedback, weil der Wind den Gesang, die Hupen, das Klatschen und Jubeln nach vorne auf die Bühne weht. Den Sommer kann man bei tropischen 28 abendlichen Grad spüren und man kann ihn in durchweg sommerlichen Titeln, die per Publikumsvoting zusammengestellt wurden, auch klangvoll hören: Walking on Sunshine, Summer in the City und Lasciatemi Cantare sind die Vorgaben, in die Textsichere ausgelassen einstimmen.

Es zeigt sich, was jeder Musiker weiß: Musik lebt, live vor Publikum, das lässig einstimmt in „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“.„Wie sagen die jungen Leute immer - total geil“, sagen zwei Seniorinnen, die quietschvergnügt mitsingen. Alle Liedtexte haben sie vorbildlich ausgedruckt. „Ich kann keine Noten, aber singe mit Herz und Freude mit“, sagt Ute. Rose muss ins Singen noch reinfinden, sagt sie. „Es ist sehr unterhaltsam, ich denke, das färbt noch ab auf mich, der Abend ist ja noch lang.“ Beide sind bekennende „Füenf“-Fans, und das eben am besten live. „Daheim ist es einfach nicht wie jetzt hier“.

Singen, das geht auch mit Mundschutz

Tanja Güntjens aus Hegnach winkt mit dem Mundschutz zum geöffneten Fahrerfenster raus. Bis ihr Lieblingstitel läuft - sie hat abgestimmt für „Ein Bett im Kornfeld“ -, singt sie ebenso euphorisch sämtliche Schlager und Popsongs mit. „Ich kenne fast alle Texte auswendig“, meint sie. Ihr 18-jähriger Sohn Simon hat für die „alten Kamellen“ ebenfalls ein Faible. „Doch, ich höre auch Schlager“, sagt er. Beim letzten Mal sei die ganze Familie daheim am Stream gesessen und habe mitgesungen. Heuer habe für sie beide der reale Konzertraum den Zuschlag erhalten, nur Papa und die Tochter schauen von daheim aus zu. „Wir wollten unbedingt live dabei sein, raus von daheim, weil’s noch mehr Spaß macht.“ Auch einige Zaungäste, mit Hund, joggend oder „einfach nur so aus der Nachbarschaft herspaziert“, lassen es sich nicht nehmen: „Mir gefällt das Gehupe“, sagt Ritzi Strähle. Man fühle sich an die Stimmung beim Autocorso nach einem WM-Spiel erinnert. Zudem singt sie für ihr Leben gern: „Wenn ich irgendwo Musik höre, kann ich nicht grad stehen“, meint sie. Ihre Bekannte Hildegard Kraus zeigt in Richtung Bühne - das sei ihr Beweggrund, hier zu sein: „Ich bin totaler Fan von Bopp und den Jungs.“

Zum Autokino-Chor gibt es noch einen zweiten Publikumskreis, der nicht zu sehen ist, aber virtuell „Zugabe“ rufen kann. Das Kulturamt zählt 300 Endgeräte, die gleichzeitig auf das mitsingende Remstal zugegriffen haben.

Der Stream hatte bis Montagfrüh 1600 Aufrufe

Der Stream habe bis Montagvormittag mehr als 1600 Aufrufe verzeichnet. „Auch hier war die gute Stimmung und Begeisterung sichtlich zu spüren“, sagt Daisy Dedner vom Fachbereich Kultur und Sport der Stadt. Aus Tübingen, Stuttgart, Göppingen und aus dem ganzen Remstal seien Grüße eingetroffen. Drei Zugaben können sich die beiden Publika erklatschen. Veranstaltet wird „Das Remstal singt“ von Remstal-Tourismus. Nach dem Aus für den eigentlich angedachten Remstal-Sommer sei das Mitsingen unter Corona-Vorzeichen neu ausgerichtet worden „Wir haben uns entschlossen, es virtuell zu probieren und ins bestehende Autokino einzubinden“, erklärt Werner Bader, Geschäftsführer von Remstal Tourismus. Für die zwei von „Die Füenf“ ist es das erste Konzert unter mehrkanaligen Bedingungen. „Einerseits vor Live-Publikum zu spielen und zugleich vor einem Publikum, das nicht zu spüren ist“, beschreibt Patrick Bopp die besondere Herausforderung für ihn und die Musiker Till Müller-Kray am Schlagzeug, den Bassisten Dirk Blümlein und den Gitarristen Jens-Peter Abele, die mit Patrick Bopp zusammenarbeiten bei seiner regelmäßigen Mitsingaktion „Aus voller Kehle für die Seele“ im Kulturhaus Schwanen.

Eine Blechlawine wird zum bunt gemischten Chor: „Das Remstal singt!“ macht's möglich. Und das Beste daran: Die Konzertstimmung konnte live und virtuell zugleich verfolgt werden.

Auf dem Parkplatz bleibt keine Lücke frei: 99 vergebene Tickets, Fahrzeug an Fahrzeug akkurat von Einweisern platziert, ausgebucht. Dies ist der eine Teil des Publikums, das Patrick Bopp - musikalischer Leiter der Vocal-Comedy-Gruppe „Die Füenf“ - und sein Bandkollege Christian Langer vor sich haben. Hinter

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