Rems-Murr-Kreis

Debatte um Drogenkonsumraum: Wie groß ist das Drogen-Problem im Rems-Murr-Kreis?

Drogenkonsumraum
Wer intravenös Drogen konsumiert, begibt sich nicht nur wegen der Suchtmittel in Gefahr. Drogenkonsumräume können hier helfen.  Symbolbild. © Büttner

Wer in Schwaikheim am Bahnsteig steht und den Blick nach unten auf die Schienen richtet, kann sie in erschreckender Anzahl sehen: Spritzen. Die Landesregierung vermeldet Ende Juni: „Drogenkonsumräume auch in Städten mit weniger als 300 000 Einwohnern möglich“.

Der FDP-Landtagsabgeordnete aus Kernen Jochen Haußmann reagiert darauf mit der Einschätzung, diese Entscheidung habe „viel zu lange gedauert“. Was bedeutet diese politische Wende jetzt für den Rems-Murr-Kreis?

Spritzen liegen in Sandkästen auf dem Spielplatz

Wie groß ist das Drogenproblem im Rems-Murr-Kreis? Wie viele suchtkranke Menschen leben hier? Konsumieren hier? Es geht um die sogenannten harten Drogen: Heroin, Kokain, Benzodiazepine und was es alles noch so gibt. Wo werden diese Drogen genommen? Oft finden Mütter die Spritzen in Sandkästen auf dem Spielplatz. In Schwaikheim liegen sie zwischen den Gleisen. Und Schwaikheim ist noch lange keine Stadt. Wenn’s in einer doch noch überschaubaren Kommune ein Drogenproblem gibt, das so sichtbare Spuren hinterlässt – was ist dann in den großen Kreisstädten?

Die Landesregierung hat entschieden, dass in Zukunft auch Städte, die weniger als 300 000 Einwohner haben, einen Drogenkonsumraum einrichten dürfen. Drogenkonsumräume sind nicht nur ein Hinterzimmer, wo der Konsument die Tür zumachen kann. Drogenkonsumräume müssen Kriterien erfüllen, die im Paragraf 10 a des Betäubungsmittelgesetzes geregelt sind: Süchtige können dort die zum Eigenverbrauch mitgebrachten Drogen geschützt konsumieren. Und zwar unter hygienischen Bedingungen – sterile Spritzen werden zur Verfügung gestellt. Überdosierungen und Notfälle können durch medizinisches Personal vor Ort aufgefangen werden. Außerdem gibt es Beratungsangebote und Ausstiegshilfen und Personal für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. In Karlsruhe gibt es seit 2019 einen Drogenkonsumraum – ein Erfolg, fünfmal sogar ein Lebensretter.

In ganz Baden-Württemberg: ein einziger Drogenkonsumraum

Wer auf die Internetseite drogenkonsumraum.net der Deutschen Aidshilfe geht und mittels Postleitzahl einen Drogenkonsumraum sucht, der für Suchtkranke im Rems-Murr-Kreis gut erreichbar wäre, findet – nichts. Nun gut, die Großen Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis sind natürlich deutlich kleiner als 300 000 Einwohner. Stuttgart aber hätte über 600 000 Einwohner. Auch nichts. Es gibt bislang in Baden-Württemberg nur einen einzigen Drogenkonsumraum. In Karlsruhe.

Doch jetzt stünde der Einrichtung eines solchen Hilfs- und Überlebensangebots nichts mehr im Wege. Wie schätzen die Großen Kreisstädte die Situation ein? Was denken die Verantwortlichen in Bezug auf die Anzahl der Suchtkranken, auf den Bedarf in Sachen Drogenkonsumraum?

„Kein Bedarf“ heißt es aus Schorndorf, und Waiblingen. Die Notwendigkeit für einen Drogenkonsumraum sei „bislang nicht ersichtlich“, heißt es aus Backnang. Es sei kein Drogenkonsumraum „geplant“, heißt es aus Fellbach, Winnenden und Weinstadt. Waiblingen ergänzt: „Ein problematisch hoher Konsum von harten Drogen ist in Waiblingen in unserer Bewertung so gut wie nicht sichtbar“. In Fellbach, so die Aussage, seien zurzeit „andere Themen brisanter“.

Der gesamte Rems-Murr-Kreis wäre von der Einwohnerzahl her passend: Bedarf?

Wie sieht’s dann für den gesamten Rems-Murr-Kreis aus? Ein Drogenkonsumraum verlangt Aufwand und Personal, die Kosten tragen die Kommunen. Die Kreisstädte haben zwischen gut 26 000 und 55 000 Einwohner, sind also im Vergleich zu Stuttgart mit seinen über 600 000 Einwohnern sehr klein. Und auch Karlsruhe hat immerhin knapp 300 000 Einwohner. Ein Drogenkonsumraum wäre für eine einzelne Rems-Murr-Stadt vielleicht zu viel. Aber für den Kreis als Gesamtkonstrukt – er zählt deutlich über 400 000 Einwohner – könnte die Einrichtung eines solchen Raumes doch eine Überlegung sein?

In Sachen Drogenhilfe, -beratung, -prävention arbeiten im Kreis viele verschiedene Abteilungen und Organisationen zusammen. Diese treffen sich und besprechen, was zu tun ist. Drogenkonsumräume seien, heißt es aus der Pressestelle des Landratsamts, in diesem großen Gremium „noch nie eine Frage“ gewesen.

Im Rems-Murr-Kreis starben laut Innenministerium im Jahr 2018 insgesamt fünf Menschen wegen des Konsums von harten Drogen, im Jahr 2019 waren es drei und im Jahr 2020 zwei. Aktuellere Zahlen sind noch nicht öffentlich. In Gesamt-Baden-Württemberg ist die Zahl der Drogentoten laut Landesregierung „stark gesunken“. Im Jahr 2021 waren es 130 Menschen.

Brauchen wir die Drogenkonsumräume – endlich erlaubt – jetzt womöglich gar nicht mehr? Ist der Rems-Murr-Kreis eine wenn auch nicht drogenfreie, so doch zumindest sehr drogenberuhigte Zone? Obwohl die Überbleibsel des Konsums sehr wohl zu finden sind?

Eine in etwa seit Jahren gleichbleibende Zahl von Suchtkranken im Klinikum Schloss Winnenden

Nein, dem ist natürlich nicht so. Dr. Ulrich Lutz, Oberarzt auf der Drogenentzugsstation im Klinikum Schloss Winnenden, hat jedes Jahr etwa 300 bis 350 Patientinnen und Patienten. Sie kommen aus dem Rems-Murr-Kreis und aus dem Umland und spritzen sich in den meisten Fällen Opiate intravenös. Auf anderen Stationen werden außerdem Patienten aufgenommen, die andere Mittel konsumieren.

In der Behandlung von Suchterkrankungen, sagt Lutz, gebe es unter anderem einen Ansatz der sich „Schadensminimierung“ nenne. Was bedeutet: Da Suchterkrankungen oftmals nicht geheilt werden können, sollen die Patientinnen und Patienten wenigstens so gut wie möglich damit leben können. Im Hinblick auf diesen Ansatz und auf die Betroffenen wäre ein Drogenkonsumraum sehr sinnvoll.

Aber, sagt Lutz: Im Rems-Murr-Kreis gebe es, anders als in Großstädten, keine offene Szene, keinen Hotspot, an dem Drogen im großen Stil vertickt und konsumiert werden. Die Abhängigen konsumieren irgendwo – vielleicht auf dem Bänkle am Gleis, vielleicht in einem Park, vielleicht auch zu Hause. Ob ein Suchtkranker, der irgendwo im Rems-Murr-Kreis wohnt, mehrmals täglich zum Drogenkonsumraum fahren würde, um geschützt seinen dringend benötigten Schuss zu setzen, sei fraglich. Von daher wäre eine im Prinzip sehr gute Maßnahme womöglich dennoch ein Misserfolg. Es sei sehr schwer einzuschätzen.

Die schwere Frage: Wo wäre ein guter Standort für einen Drogenkonsumraum?

Sollten Verantwortliche im Rems-Murr-Kreis jemals doch über einen Drogenkonsumraum nachdenken, muss auch ein Standort gefunden werden. Wäre das Klinikum Schloss Winnenden mit seinem Know-How und dem medizinischen Personal vor Ort nicht der richtige Platz? Nein, sagt Ulrich Lutz. Denn ins Klinikum kämen Menschen, die etwas ändern wollten. Die wegkommen wollten von den Drogen. Diesen Suchtkranken dann in nächster Nähe einen Ort anzubieten, an dem problemlos konsumiert werden kann, sei sicher kein guter Ansatz.

Wer in Schwaikheim am Bahnsteig steht und den Blick nach unten auf die Schienen richtet, kann sie in erschreckender Anzahl sehen: Spritzen. Die Landesregierung vermeldet Ende Juni: „Drogenkonsumräume auch in Städten mit weniger als 300 000 Einwohnern möglich“.

Der FDP-Landtagsabgeordnete aus Kernen Jochen Haußmann reagiert darauf mit der Einschätzung, diese Entscheidung habe „viel zu lange gedauert“. Was bedeutet diese politische Wende jetzt für den Rems-Murr-Kreis?

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