Rems-Murr-Kreis

Der Arbeitsplatz als Wohlfühloase: Wie bitte? Wie geht das?

Hand Attracting Human Figures With Horseshoe Magnet
Wer als Unternehmen gute Leute für sich gewinnen will, muss dafür mehr tun, als nur eine Stellenanzeige zu schalten. © AndreyPopov

Eine Schulter- und Nacken- sowie Fußmassage gleichzeitig fordert mit Nachdruck Da’Vine Joy Randolph im Film. In „The Lost City“ erhält sie selbstverständlich, was sie will, während man sich im wahren Leben bereits mit einer Zehen-Massage zufrieden gäbe.

Chef/-innen sind für Fußmassagen nicht zuständig, schon hierarchiebedingt nicht. Wer sich unterm Schlagwort „Feelgood- Management“ beim Imaginieren diverser Massage-Szenen ertappt, befindet sich eh auf dem falschen Dampfer. Dort sitzt bereits jene Generation von Führungskräften, die noch von „zwingen“, „mal Dampf machen“ und „eh keine Ahnung“ spricht.

Nicht in allen Branchen, doch in vielen würden Personalverantwortliche manches dafür geben, auf eine Stellenanzeige wenigstens drei, vier ernstzunehmende Bewerbungen erwarten zu dürfen. In Zeiten, da man als Arbeitgeber/-in potenziellen Beschäftigten den roten Teppich ausrollen muss und Fachkräfte vorn und hinten fehlen – muss man was tun. Das Feelgood-Management-Seminar jüngst bei der IHK Rems-Murr war wohl genau aus diesem Grund gut besucht.

Was sich Beschäftigte am meisten wünschen: Wertschätzung

Referentin Jasmin Böttinger fragt ab, welche Werte die Seminargäste gern in den Fokus rücken würden – und siehe da: Sofort prangt „Wertschätzung“ groß geschrieben in der Mitte. Als Chefin wünscht sie sich genau das auch, merkt eine Teilnehmerin an: „Feelgood“ steht der Chefetage auch zu, findet sie, und ein Wohlgefühl stellt sich bei ihr ganz sicher nicht ein, wenn Beschäftigte sich wiederholt montags früh krank melden, ohne den durch Alkoholgenuss verursachten Kater ehrlich beim Namen zu nennen.

„Feelgood-Management“ hilft, den Krankenstand zu verringern, sagt Jasmin Böttinger, und eine aufs Wohlergehen der Belegschaft ausgerichtete Firmenkultur spare noch an anderer Stelle Geld: Im besten Fall wechseln Beschäftigte nicht dauernd die Firma, identifizieren sich mit ihrem Laden, arbeiten gern dort, statt in die innere Kündigung zu gehen, und reagieren auf Konflikte nicht mit ständig wiederkehrenden Krankmeldungen: so weit das Idealbild.

"Wertschätzung und  Anerkennung"

Wie man’s fürs jeweilige Unternehmen passend mit Leben füllt, muss jede(r) selber herausfinden. Feelgood-Management funktioniert nicht wie ein Werkzeugkasten, aus welchem man nur den passenden Schraubenzieher hervorklauben muss. Vielmehr erwächst eine am Wohlergehen der Belegschaft orientierte Unternehmenskultur aus einer wertschätzenden inneren Haltung. In Jasmin Böttingers Bausteine-Kasten befinden sich außer „Wertschätzung und Anerkennung“ Schlagworte wie „Konfliktmanagement“, „Stärken stärken durch Fort- und Weiterbildung“, „Stressmanagement“ oder „Kommunikation“. Ob nun ein Unternehmen Gesundheitstage veranstaltet, Kaffee kostenfrei ausschenkt, Ausflüge organisiert oder firmeneigene Werte anderweitig konkretisiert, darauf kommt’s im Einzelnen nicht an. Wichtig ist das offene Ohr für die Belange der Menschen – ganz besonders auch für jene, die eh schon ewig im Unternehmen werkeln, stetig, zuverlässig und gut ihren Job erledigen. Vor lauter Ärger über die paar wenigen Drückeberger gerät die große Mehrheit der Stammbeschäftigten leicht aus dem Fokus, wie eine Teilnehmerin einräumte.

Widerstände ernstnehmen

Das offene Ohr bedarf besonderer Weite zu Beginn eines Veränderungsprozesses: Manche Menschen mögen Neues nicht automatisch nur deshalb, weil es gut sein soll für sie und „Feelgood-Management“ heißt. Jasmin Böttinger rät jedenfalls dringend, Widerstände ernst zu nehmen, und vor allem auch die Ängste und Sorgen: Welche Anforderungen sind mit diesem Feelgood-Dings verbunden, warum machen die das, und was soll das bringen?

Mehr Zufriedenheit für alle soll das bringen – und dadurch dem Unternehmen Vorteile. Zufriedenheit entwickelt Strahlkraft, die ein Unternehmen für potenzielle zukünftige Beschäftigte attraktiv erscheinen lässt.

Ein Unternehmen tritt als Bewerber auf

Um heiß begehrte Fachkräfte für sich einzunehmen, geht der eine oder die andere unkonventionelle Wege. Unternehmen drehen den Spieß um und treten selbst als Bewerber/-in auf: Von „Reverse recruiting“ spricht die Fachwelt. Das Stahlbauunternehmen Barghorn aus Brake beschreitet diesen Weg schon länger. Interessierte richten nichts weiter als eine Kontaktanfrage ans Unternehmen – und die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Firma verschickt eine Bewerbermappe inklusive Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse. Beim Vorstellungsgespräch läuft es genau andersherum als gewohnt: Der Firmenchef tritt als Bewerber auf, verzichtet zu Beginn des Prozesses komplett auf schriftliche Unterlagen, setzt aufs Gespräch und auf eine Probearbeitswoche. Beim ersten Treffen geht's um die Unternehmenswerte, wird Geschäftsführer Gunnar Barghorn in einer Veröffentlichung zitiert: Beide Seiten gleichen zunächst ab, ob sie zusammenpassen könnten. Wie bei einem Date.

Nicht immer nur auf die Schwächen starren

Wer sich nicht ernsthaft über Unternehmenskultur Gedanken und ein paar zentrale Punkte transparent für alle macht, wird sich mit Feelgood-Management schwertun, bestätigt Jasmin Böttinger. Sie hat viele Jahre lang bei einem großen Personaldienstleister gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. In ihren Beratungen möchte sie den Blick aufs Positive, aufs Machbare lenken: „Wir schauen in unserer heutigen Gesellschaft ganz viel auf die Schwächen eines Menschen“, was Jasmin Böttinger bedauert: „Es macht mehr Spaß, sich auf die Stärken zu konzentrieren.“

Eine Schulter- und Nacken- sowie Fußmassage gleichzeitig fordert mit Nachdruck Da’Vine Joy Randolph im Film. In „The Lost City“ erhält sie selbstverständlich, was sie will, während man sich im wahren Leben bereits mit einer Zehen-Massage zufrieden gäbe.

Chef/-innen sind für Fußmassagen nicht zuständig, schon hierarchiebedingt nicht. Wer sich unterm Schlagwort „Feelgood- Management“ beim Imaginieren diverser Massage-Szenen ertappt, befindet sich eh auf dem falschen Dampfer. Dort sitzt

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