Rems-Murr-Kreis

Der beste Lehrer meines Lebens, oder: Der Traum von der ganz anderen Schule

Smededal Efterskole. MUT magazine. The Danish school Efterskole.
Auf der dänischen Insel Seeland dauert das Schullandheim ein Jahr lang. © Uffe Weng

Ein Jahr lang ins Schullandheim gehen - ist das realistisch? Neugier und Bildungsbegeisterung wecken, anstatt auf Noten und Strafen zu setzen - kann das funktionieren? Grundsätzliche Gedanken und persönliche Erfahrungen zur Frage, wie gute Schule aussehen muss. Und Anregungen aus einem Heft der Weinstädter Reportage-Agentur Zeitenspiegel.  

Herr K., Wilhelm Tell und das Stadtarchiv

Den besten Lehrer meines Lebens hatte ich in der siebten Klasse in Deutsch.

1977 oder ‘78 war das, in Ellwangen: Herr K., noch ganz jung, kam frisch von einer vermutlich 68er-zeitgeistbewegten Uni und weigerte sich einfach, uns – wie wir es kannten – mit abfragbarem Lernwissen den Kopf zuzukleistern oder uns zu bestrafen, wenn wir nicht mitzogen. Stattdessen ließ er uns Szenen aus „Wilhelm Tell“ in moderne Jugendsprache umschreiben oder im Stadtarchiv nach Spuren jüdischer Geschichte suchen.

Er hatte es nicht leicht mit uns: An guten Tagen zogen wir begeistert mit, doch es gab viele schlechte. Wenn wir in der Doppelstunde vor Deutsch eine Mathe-Arbeit geschrieben hatten, bauten wir bei Herrn K. Stress ab, indem wir den Schrank von der Wand in die Klassenzimmermitte rückten und uns dahinter, 30 Schüler nebst Tischen, verschanzten. Mit der Freiheit, die er uns zutraute, konnten wir nicht recht umgehen, wir waren daran einfach nicht gewöhnt.

Die Lehre des Herrn K.: Pauke nicht – begeistere dich!

Aber Herr K. hat mir Dinge beigebracht, die blieben. Einmal erzählte er, dass er als Jugendlicher Englisch gelernt hatte, indem er Rockmusik hörte und, ganz nebenbei, die Songtexte zu entschlüsseln übte – das hat auch bei mir funktioniert.

Oder er lehrte uns, Form und Inhalt zu unterscheiden: Im Fernsehen lief damals „Roots“, eine US-Serie über die Not der afroamerikanischen Sklaven, wir alle schauten das aufgewühlt an, auch Herr K. lobte das historisch wichtige Thema – dass aber am Ende Held und Heldin glücklich vereint als Silhouetten vor der untergehenden Sonne stehen, das sei halt trotzdem Kitsch.

Und schon machte er daraus eine Unterrichtsaufgabe: Wie hätte man das Ende weniger klischeehaft inszenieren können?

Dass ich später im Literatur-Studium meine Magisterarbeit über die „Darstellbarkeit des Holocaust“ (Form und Inhalt!) schrieb, hat nicht nur, aber auch mit meinen Schulforschungen zu den Ellwanger Juden zu tun. Klingt abgedroschen wie „Paar im Abendrot“, ist aber so: Von Herrn K. habe ich fürs Leben gelernt.

"Mut", das "Magazin für Lösungen"

Anregungen zum Nachdenken über gute Schule liefert auch ein Heft der Weinstädter Reportage-Agentur Zeitenspiegel. "Mut“, das „Magazin für Lösungen“, erscheint einmal im Jahr in einer Auflage von 800 000 Exemplaren und liegt vielen Tageszeitungen in Deutschland bei (zum Beispiel den Druckausgaben des Zeitungsverlages Waiblingen am Montag, 11. Oktober). Das 2018er-Heft stand unterm Motto „Afrika anders – Reportagen aus einem unterschätzten Kontinent“. Die 2019er-Ausgabe hieß: „Der Himmel kann warten – Wie ein langes Leben gelingt“. 2020 war die Titelzeile: „Einfach machen! Wie Städte globale Probleme lösen“. Und nun also Nummer vier: „Lasst sie leuchten! Wie Schule unsere Kinder fit fürs Leben machen kann“.

Wer darin blättert, staunt, was alles möglich ist.

Statt Unterricht: Auf die Walz gehen ...

Man könnte zum Beispiel einfach mal ein ganzes Jahr lang ins Schullandheim gehen. In Dänemark gibt es das. Die Jugendlichen leben eng beieinander, in einfachen Verhältnissen, lernen sich selbst und andere, Stärken wie Schwächen, besser kennen, halten Konflikte aus, entwickeln gemeinsame Projekte.

In einer Schule in Wien kommt man erst nach 13 statt 12 Schuljahren zum Abitur. „Blockunterricht, Theaterprojekte oder Auslandsreisen wären sonst nicht machbar“ – und auch nicht die ein halbes Jahr dauernde Walz: Die Schüler ziehen von Ort zu Ort, helfen auf Bauernhöfen und in Handwerksbetrieben, führen Straßentheater auf.

In Wutöschingen, Deutschland, gibt es eine Gemeinschaftsschule ohne Frontalunterricht: Die Kinder entscheiden selbst, mit welchen Aufgaben sie sich wie lange beschäftigen. Die Lehrer sind „Lernpartner“: betreuen Neulinge enger, lassen Durchstartern mehr Freiräume.

Der Witz dabei: Viele der Ideen von einer anderen Schule sind gar nicht so neu. Auch das macht das Mutheft en passant deutlich.

Den Forschergeist in jungen Menschen wachzuküssen, ist besser, als ihnen unter Qualen „letztlich unverstandene scholastische Flausen“ einzutrichtern – das vertrat der Theologe Comenius schon im 17. Jahrhundert!

Ein ganzes Jahr Schullandheim – das wurde in Dänemark schon Mitte des 19. Jahrhunderts erprobt!

Im Kinde die natürliche Neugier zu wecken, anstatt es mit Noten zu motivieren – dafür warb Maria Montessori schon Anfang des 20. Jahrhunderts!

Setze im Menschen die Bildungslust frei, anstatt Lehrplanstoff in Lernautomaten zu stopfen: So machte das Herr K. schon in den 70er Jahren.

Bildung ist mehr als Wissen, sagt der Erziehungswissenschaftler

Die Kinder heute „lernen viel, verstehen aber wenig“, sagt im Mut-Interview der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer. „Wissen allein ist kein Wert. Ich kann sogar lernen, Menschen umzubringen. Aber welchen Wert hätte dieses Wissen? Lernen allein hat nichts mit Bildung zu tun.“

Manchen, die das "Mut"-Heft lesen, mag Widerspruch auf der Zunge liegen: So geht das doch nicht, das ist doch naiv, weltfremd, realitätsfern ...

Derlei hört man oft: Friedenspolitik sei naiv, heißt es – aber ist es vernünftiger, eine Billion Dollar nebst vielen, vielen Menschenleben im Afghanistankrieg zu verbrennen? Die Energiewende sei weltfremd – aber in die Erderhitzung reinzulaufen ist sinnvoll? Diese Wolkenkuckucksträume von einer Schule, die glücklich macht, seien naiv – aha; ist es also klüger, Unterricht als Pein zu begreifen?

„Computer erledigen viele Aufgaben heute schon schneller und besser als der Mensch“, heißt es im Heft. „Denn während Nervenzellen maximal 500 Signale pro Sekunde abfeuern, senden Mikroprozessoren eine Milliarde Signale.“ Werden wir also alle überflüssig, dank Künstlicher Intelligenz?

Nein, denn in einer derart hoch technisierten Welt werden andere Eigenschaften umso wichtiger; Tugenden, die bisher meist als „Soft Skills“ bezeichnet werden, weiche Fähigkeiten (als sei es ganz nett, aber nicht so wichtig, sie zu haben) – nämlich: „Kreativität, Einfühlungsvermögen und Gemeinschaftssinn“.

Für mich sind das die Prinzipien des Herrn K.

Ein Jahr lang ins Schullandheim gehen - ist das realistisch? Neugier und Bildungsbegeisterung wecken, anstatt auf Noten und Strafen zu setzen - kann das funktionieren? Grundsätzliche Gedanken und persönliche Erfahrungen zur Frage, wie gute Schule aussehen muss. Und Anregungen aus einem Heft der Weinstädter Reportage-Agentur Zeitenspiegel.  

Herr K., Wilhelm Tell und das Stadtarchiv

Den besten Lehrer meines Lebens hatte ich in der siebten Klasse in Deutsch.

1977 oder

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