Rems-Murr-Kreis

Der Fall Hilburger: "Da ist ein Netzwerk entstanden"

Oliver Hilburger Alternative Gewerkschaft AfD_0
30.04.2018, Sachsen, Zwickau: Oliver Hilburger von "Alternative Gewerkschaft" spricht auf einer Kundgebung der AfD. © Christine Tantschinez

Waiblingen.
Rechtsradikales Treiben solle man nicht auch noch aufwerten, indem man es beachte – lieber ignorieren, das geht vorbei: Die Idee ist nicht totzukriegen. Das Problem ist nur: Es geht nicht vorbei.

2010 trat Oliver Hilburger aus Althütte im Daimlerwerk Untertürkheim erstmals mit einer Liste namens Zentrum Automobil bei der Betriebsratswahl an. Die von der IG Metall getragene Betriebsratsmehrheit wirkte danach zunächst recht ratlos.

Sicher, Hilburger hatte fast 20 Jahre lang in der Rechtsrock-Band Noie Werte gespielt, bei manchen Konzerten waren im Publikum massenweise Hände zum Hitlergruß hochgeschnellt, das Terrormord-Trio NSU hatte Musik der Gruppe als Soundtrack eines Bekennervideos verwendet. Und Hilburger ist nicht der einzige Zentrums-Kopf mit einschlägiger Vita. Ein anderer, aus Schorndorf, war früher Bundesschatzmeister der Wiking-Jugend – die Organisation wurde 1994 verboten, wegen rassistischer, auf einen „Führerstaat nationalsozialistischer Prägung“ zielender Tendenz.

Dennoch gab es lange in Untertürkheim Stimmen, dass man diese Splittergruppe nur stärke, wenn man sich dauernd an ihr abarbeite. Bis ein Vorfall im Jahr 2019 zum endgültigen Umdenken führte.

Entlassungen wegen Rassismus: Ein „Skandal“?

Zwei Daimlerbeschäftigte in Untertürkheim – der eine lebt in der Gemeinde Plüderhausen – wurden fristlos entlassen. Das Zentrum Automobil reagierte mit einem Youtube-Film: Großaufnahmen von aufgewühlten Gesichtern, anklagend dräuende Hintergrundmusik. Tenor: Die Kündigungen seien „Denunziation und Willkür“ – die IG Metall aber kusche einfach. Der Film legte nahe, dass die beiden sich nur eines zuschulden kommen hätten lassen: an einen türkischstämmigen Kollegen ein Whatsapp-Bildchen zu verschicken – eine Tafel Ritter Sport, per Fotoshop umgebaut in „Hitler Sport“; plus ein Hakenkreuz.

Fristlose Entlassung für einen einzigen dummen Witz? Hilburger sprach von einem „Skandal“. Der Film wurde bei Youtube 85 000-mal geklickt. Zitat aus der Kommentarspalte: „Dieses Vorgehen ist ja schlimmer als früher in der DDR.“

Damit, sagt Jose-Miguel Revilla, Betriebsrat in Untertürkheim, habe das Zentrum „die Maske fallen“ gelassen: Es setze sich „offen für Rassisten ein“. Denn dies sind die erstinstanzlich vom Arbeitsgericht bestätigten Hintergründe der Kündigungen: Es ging nicht um eine Whatsapp-Nachricht – es ging um etwa 20, mit denen der Türke über Monate traktiert wurde. Wehrmacht-Soldaten mit Schnellfeuergewehr: „Das schnellste deutsche Asylverfahren lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!“ Hitler in einem Bilderrahmen: „Ohne dich ist alles doof.“ Eine Hakenkreuzfahne: „Wenn dich diese Flagge stört, helfe ich dir beim Packen.“ Eine Audionachricht: „Sieg Heil“-Rufe. Und und und.

"Da ist ein Netzwerk entstanden"

Das Zentrum Automobil hat 2018 sechs von 47 Betriebsratssitzen in Untertürkheim geholt, etwa 1800 Stimmen bei 23 000 Wahlberechtigten: Nur ein „Schneeball“, sagt Andre Kaufmann, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Waiblingen. Aber wenn niemand dagegen aufsteht, könne daraus eine „Lawine“ werden. Denn Untertürkheim fügt sich ein in ein größeres Bild: Hilburger tritt als Redner bei Konferenzen des rechten Compact-Magazins auf, gemeinsam mit Björn Höcke, pflegt offenbar Kontakte zur rechtsradikalen Kampagnen- und Finanzierungsplattform „Ein Prozent“, ist bundesweit unterwegs, um Zentrums-Anleger aufzubauen, „Brückenköpfe in wichtigen Betrieben“ vor allem der Autoindustrie. „Da ist ein Netzwerk entstanden.“

Die Autobranche steckt in einer monumentalen Transformationsphase vom Verbrennungsmotor zu neuen Antriebstechnologien. Für einen Betriebsrat, sagt Jose-Miguel Revilla, gilt es, die Arbeitsplätze der Zukunft zu sichern. Der „elektronische Antriebsstrang“ soll künftig in Untertürkheim produziert werden – ein Erfolg. Der „Forderungskatalog“ aber, den die Konzernleitung im Gegenzug auftische, sei ein „Horrorkatalog“: mehr arbeiten, weniger Geld. Betriebsrat und Gewerkschaft müssen da zäh verhandeln, wieder und wieder.

Das Zentrum Automobil hat es einfacher – sein Programm lautet: „Rettet den Diesel!“ Als ließe sich der Wandel locker mal eben abschaffen, wenn die IG Metall nur wollte. Hilburger, erzählt Revilla, sei regelmäßig bei Besprechungen zwischen Betriebsräten und Werkleitung dabei. „Er glänzt damit, dass er gar nichts sagt“ – keine Kritik, kein Gegenvorschlag. Danach spiele er den „Helden: Wir sind dagegen!“

Stimmungsbilder, oder: Fahren bald alle nur noch Fahrrad?

Teile der Belegschaft sind tief verunsichert, manche sehnen sich nach „einfachen Lösungen“. Demnächst laden die noch Greta Thunberg zur Betriebsversammlung ein, bald müssen wir alle Fahrrad fahren: Solche Sprüche kursieren. Dem Zentrum Automobil spielt die aufgewühlte Stimmung in die Karten: Die IG Metall ist gekauft von der Konzernleitung? Der Vorwurf zündet bei manchen. „Mit Dreck werfen in der Hoffnung, dass was hängenbleibt“: So beschreibt Kaufmann die Taktik.

Gewerkschaft und Betriebsräte, sagt Andre Kaufmann, müssen künftig ihre Kämpfe „transparenter kommunizieren“: Konflikte mit der Konzernspitze offen darstellen, nicht nur die mühsam erstrittenen Verhandlungskompromisse verkünden. Dann werde sich die Hohlheit rechter Fundamentalopposition offenbaren.

Bei Gewerkschaftstreffen, erzählt Revilla, spüre er, dass bundesweit die Erkenntnis reife: „Wir müssen mehr machen“ gegen rechte Hetze in Betrieben. Bekämpfen durch ignorieren? Das wird nicht reichen.

Waiblingen.
Rechtsradikales Treiben solle man nicht auch noch aufwerten, indem man es beachte – lieber ignorieren, das geht vorbei: Die Idee ist nicht totzukriegen. Das Problem ist nur: Es geht nicht vorbei.

2010 trat Oliver Hilburger aus Althütte im Daimlerwerk Untertürkheim erstmals mit einer Liste namens Zentrum Automobil bei der Betriebsratswahl an. Die von der IG Metall getragene Betriebsratsmehrheit wirkte danach zunächst recht

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