Rems-Murr-Kreis

Der lange Kampf um die schwerst an Corona Erkrankten: Zur Lage in den Rems-Murr-Kliniken - eine Nahaufnahme

1/2
Rems Murr Klinikum
Orte der Not und Hilfsbereitschaft: Die Kliniken in Winnenden ... © Benjamin Büttner
2/2
RMK Schorndorf
... und in Schorndorf. © Gabriel Habermann

Ständig unter Anspannung und bisweilen an der Belastungsgrenze entlanghangelnd, kämpfen Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger an den Rems-Murr-Kliniken um die Leben schwer erkrankter Corona-Patienten. Was lernen die Helfer dabei über die Tücken dieser Krankheit? Was über sich selbst? Wie lange wird das noch so weitergehen? Und was halten sie von der Impfung? Ein Gespräch darüber mit Prof. Dr. Andreas Jeron, Dr. Torsten Ade und dem Intensivpfleger Stefan Gräter.

Geduld: Corona in den Kliniken - die Sicht eines Intensivmediziners

Intensivmediziner sind ein eigener Schlag: "Wir sind es gewohnt, aktiv zu werden“ – Entscheidungen schnell treffen und entschlossen umsetzen zu können, gehört zum Anforderungsprofil in diesem Job. In der Corona-Krise aber hat Andreas Jeron etwas anderes lernen müssen: warten; und bisweilen Hilflosigkeit aushalten.

Bei dieser „ungewöhnlichen Krankheit“ ziehen sich schwere Verläufe nicht selten über „drei, vier Wochen Maximal-Therapie“ auf der Intensivstation. Während das Virus dem Patienten die Luft abschnürt, muss der Mediziner „einen langen Atem haben“. Vor allem aber: Es gibt „keine spezifischen Therapeutika“, man kann nicht sagen, na gut, wir geben dieses Medikament, dann passiert nach fünf bis sieben Tagen das – oder wir operieren halt. „Es ist wenig vorhersehbar, wann sich der Zustand eines Patienten verbessert; wie stark er sich verbessert. Ob er sich verbessert.“

Während Intensivmediziner sonst oft Kämpfe führen, bei denen es um Minuten geht, vollzieht sich das Ringen mit Corona in Zeitlupe. Manchmal tut sich bei einem Kranken über viele Tage nichts, nicht in die eine Richtung, nicht in die andere; und man weiß nicht, warum. Manchmal bricht sich plötzlich doch noch die Genesung Bahn; warum auch immer. Dass man gegen Covid-19 „so wenig spezifisch machen kann und so viel Geduld haben muss“, das sei „manchmal schon schwer erträglich“.

Aber, schiebt Jeron nach, „noch viel schlimmer ist es für die Pflegekräfte“.

Ein harter Weg: Corona in den Kliniken - die Sicht eines Pflegers

Natürlich, sagt Stefan Gräter, Pflegebereichsleiter Intensivstation, zehre das an einem: dass „man extrem lang um diese Patienten kämpfen“ muss; dass es keinen breiten, vielfach beschrittenen, solide ausgeschilderten Routineweg zum absehbaren Heilungserfolg gibt. Oft hilft buchstäblich nur eine Politik der kleinen Schritte.

Bei manchen Patienten zum Beispiel hat es sich bewährt, sie zu „mobilisieren“, also stetig zu wechseln zwischen Bauchlage, sitzen und „viel laufen“, begleitet und gestützt, „auf dem Flur, zwei- bis dreimal täglich, mit Beatmung“ per Maske.

Das ist ein „enormer personeller Aufwand, einfach ein harter Weg. Wir sehen aber, dass sich der Kampf lohnt“ und mancher Patient nach Wochen in der Schwebe tatsächlich Fortschritte macht.

Manchmal komme eine Pflegerin, ein Pfleger und sage: Ich kann nicht mehr. „Wir versuchen, sehr sensibel zu sein, wir versuchen, unseren Mitarbeitern regelmäßige Pausen zu geben, wir bemühen uns, auf Mitarbeiter aktiv zuzugehen, wenn man merkt, dass jemand am Rande der Belastbarkeit steht.“ Auf den Covid-Stationen ist „die Klinikseelsorge sehr stark eingebunden“; wer will, kann freitags „an einer Reflexionsrunde teilnehmen; und vieles lasse sich „in Einzelgesprächen abfangen“. Aber auch die Kraft der Stärksten ist endlich.

„Oft ist das Sterben im Krankenhaus einsam, wie man es niemandem wünscht. Das sehen wir bei vielen älteren Menschen.“ Derlei aushalten zu müssen, gehört zum Berufsalltag, nicht erst seit Corona; und bleibt doch „sehr bedrückend“. Man gehe „abends auch mal mit Tränen in den Augen raus“.

Kaffeesatzleserei: Corona in den Kliniken - eine Prognose, was noch kommt

Die Rems-Murr-Kliniken haben noch „Reserven“, sagt Stefan Gräter, „wir sehen unsere Strukturen funktionieren“. Aber dass die Beschäftigten stark „belastet“ sind, lässt sich nicht wegdiskutieren. Derzeit werden an den beiden Häusern in Schorndorf und Waiblingen insgesamt 82 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 behandelt, 18 von ihnen intensivmedizinisch, größtenteils mit Beatmungsbedarf.

So etwa, sagt Jeron, ist es „seit sechs, sieben Wochen, auf stabil hohem Niveau“. Die Stimmung ist „dem Wetter angepasst, ein bisschen trübe“. Und leider zeichne sich ab, dass es „mindestens mehrere Wochen“, womöglich „zwei, drei Monate auf dem Level weitergehen wird“. Warum ist das absehbar? „Wir sind immer so zwei bis drei Wochen hinter dem Geschehen“ – so lange nämlich dauert es im Schnitt, bis Menschen, die erkrankt sind, „auf die Intensivstation kommen. Die Leute, die sich heute infizieren, liegen Mitte Januar bei uns.“

Anfang Oktober begann die zweite Welle, das war vor zweieinhalb Monaten. „Wir haben“, sagt Stefan Gräter, „den Halbzeitpfiff noch nicht gehört“.

Hinzu komme die „Unsicherheit“, ergänzt Torsten Ade, in den Rems-Murr-Kliniken der Hygiene-Experte. Wird der Lockdown, der Mitte Dezember in Kraft trat, wirken? Wann und wie stark? Und falls ja – werden die weihnachtlichen Familienfeiern dazu führen, dass ab Anfang Januar die Infektionszahlen wieder steigen? Ob die Situation auf Wochen hinaus „gleich bleibt“, irgendwann „besser“ wird oder „dramatisch schlechter“ – niemand weiß das.

Das schlimmste Szenario, das während der ersten Welle in einigen Ländern wahr wurde, träte ein, wenn die Kapazitäten in den Kliniken so heillos überlastet, Beatmungsgeräte und Betten so knapp und die personellen Reserven so aufgezehrt wären, dass man schlicht nicht mehr allen helfen könnte. Grausame Entscheidungszwänge würden dann greifen: Bei diesem Patienten sehen wir bessere Genesungs-Chancen, also versuchen wir ihn zu retten – bei jenem gibt es allenfalls vage Hoffnungen, also dürfen wir uns nicht für ihn aufreiben. Für jeden Notleidenden, den man vielleicht festhalten kann, einen anderen loslassen zu müssen – das wäre im allerengsten Sinne der antiken Dramentheorie eine tragische, sprich ausweglose Situation: Sie ließe nicht mehr die Wahl zwischen einer moralisch verantwortungsvollen Entscheidung und einer falschen – egal, was man täte, es hätte für irgendjemanden schwere Folgen.

Diese Situation drohe „aus meiner Sicht“ in den Rems-Murr-Kliniken „aktuell“ nicht, sagt Torsten Ade – und dass es später dazu kommt, „würde ich persönlich nicht erwarten“. Aber „ein Stück weit ist das Kaffeesatzleserei“. Zu behaupten, dass es nicht schlechter wird, wäre „reine Spekulation“. Mit Sicherheit sagen könne man nur eines: „dass es in den nächsten drei bis vier Wochen nicht deutlich besser wird“.

Impfen, ja! Corona in den Kliniken - und was "extrem große Hoffnung" macht

Am Dienstagabend bei einer Corona-Demo in Schorndorf sagte ein Redner, Radiologe von Beruf: Die jetzt anstehende Massen-Impfung mit einem neuartigen Stoff sei ein gigantischer „Feldversuch“; das Ende: offen. Es wundere ihn, warum es dagegen keinen „Aufschrei der Medizin-Ethiker“ gebe.

Ade antwortet: „Was ist bitte unethisch daran, sich selbst und andere zu schützen? Ich sehe darin eher eine Verpflichtung“ – keine „gesetzliche“, die Impfung ist ja freiwillig; aber eine „moralische“. Und Andreas Jeron: Sobald das Sozialministerium signalisieren werde, dass die Kliniken mit Impfen dran sind, „werde ich sofort da sein – und wenn es morgens um drei Uhr ist“.

Wer sehe, was diese Krankheit bisweilen auch Leuten antue, „die jünger als Sie sind“, neige da nicht zum Zaudern.

„Da gilt für mich exakt dasselbe“, sagt Ade – „wenn der Impfstoff nachts kommt, werden wir nachts anfangen“. Zur Not werde er persönlich „die Spritze aufziehen“.

Treibt ihn nicht die Sorge um, dass die Impfung Nebenwirkungen haben könnte? „Mich persönlich? In keinster Weise.“ Der Impfstoff habe ein sauberes Prüfverfahren durchlaufen – es zog sich nicht so lange hin wie sonst, das stimmt; aber das, sagt Ade, habe dran gelegen, dass es wohl nie sonst in der Entwicklungs- und Erprobungsphase so eines Serums derart viele Freiwillige gab, derart viel Unterstützung aus der Politik, derart viel Geld zur Realisierung.

Hier die Covid-Gefahr, da die Möglichkeit einer Impf-Komplikation – „wenn Sie die Patienten in unseren Klinken sehen“, sagt Torsten Ade, „dann fällt Ihnen die Risiko-Abwägung wirklich nicht schwer“.

Andreas Jeron hat seine Schwiegereltern seit einem Dreivierteljahr nicht mehr gesehen. Die „Angst, das Virus in die Familie zu schleppen“, begleite ihn seit Ausbruch der Krise. „Meine Hoffnung ist extrem groß, dass ich im Frühjahr“ dank der Impfung „mein Leben wieder zurückbekomme“.

Ständig unter Anspannung und bisweilen an der Belastungsgrenze entlanghangelnd, kämpfen Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger an den Rems-Murr-Kliniken um die Leben schwer erkrankter Corona-Patienten. Was lernen die Helfer dabei über die Tücken dieser Krankheit? Was über sich selbst? Wie lange wird das noch so weitergehen? Und was halten sie von der Impfung? Ein Gespräch darüber mit Prof. Dr. Andreas Jeron, Dr. Torsten Ade und dem Intensivpfleger Stefan Gräter.

Geduld: Corona

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper