Rems-Murr-Kreis

Der Lockdown und die Folgen für Kinder und Jugendliche: Kinderärztinnen schreiben einen Brandbrief

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Sehen in ihrer Praxis tagtäglich, welche Auswirkungen der Lockdown auf Kinder und Jugendliche hat: Die Fellbacher Kinderärztinnen Julia Forch (links) und Dr. Ruth Adam haben zum dritten Mal einen Brief an Ministerpräsident Kretschmann und Kultusministerin Eisenmann geschrieben. © Ralph Steinemann Pressefoto

Jammern auf hohem Niveau? Oder schütteln Corona und der Lockdown eben doch Kinderschicksale durch? Da wäre zum Beispiel ein Fünfjähriger, der in die Praxis der beiden Fellbacher Kinderärztinnen Julia Forch und Dr. Ruth Adam kommt. Er hat in der Zeit des Lockdowns wieder angefangen einzunässen. Da ist eine Siebenjährige, die nicht mehr alleine schlafen kann. Ein Achtjähriger hat im vergangenen Jahr neun Kilo zugenommen.

Noch nie so viele Magersüchtige, manche Situation eskaliert total

Die Jugendlichen tragen übrigens auch ihr Päckchen. Noch nie, sagen die beiden Ärztinnen, hatten sie so viele Magersüchtige wie zurzeit. Ein weiteres junges Mädchen musste zu Hause raus: Die sowieso schon angespannte Situation war total eskaliert. Eine Gymnasiastin kämpft mit Bauchweh und kann nicht mehr schlafen. Sie hat große Angst, im Home-Schooling zu versagen. Einen 15-Jährigen bekommen die Eltern nicht mehr von der Spielekonsole weg, ein anderer Jugendlicher loggt sich zwar im Online-Unterricht ein, teil nimmt er jedoch nicht.

287 Unterschriften innerhalb von 72 Stunden haben die beiden Ärztinnen gesammelt. Sie stehen unter einem Brief, dessen Thematik brennt. Der Brief ging am 1. März an Ministerpräsident Winfried Kretschmann und an Kultusministerin Susanne Eisenmann. Antwort haben die Ärztinnen noch keine bekommen. Beziehungsweise: Zwei vergleichbare Briefe, ebenfalls mit angehängten Unterschriftensammlungen, hatten sie schon im Mai und im Juni an genau dieselben Adressaten geschickt. Damals antworteten deren Büros mit freundlichen Worten: Man tue das Bestmögliche.

Kultusministerin Eisenmann verkündet regelmäßig: Präsenzunterricht lasse sich durch nichts ersetzen und müsse „so schnell wie möglich“ wieder beginnen. „Es reicht nicht, das nur zu wollen“, sagen die beiden Kinderärztinnen. „Sagen Sie uns, was Sie für die Zukunft der baden-württembergischen Schüler und Schülerinnen tun möchten“, fordern sie von Winfried Kretschmann.

„Kinder“, erklären die Ärztinnen, „brauchen für ihre gesunde Entwicklung den Kontakt zu Gleichaltrigen, die Möglichkeit, sich im kreativen Spiel zu entfalten, und viel körperliche Bewegung“. Im Jugendalter liege sogar der Lebensmittelpunkt „im Bezug zur Gruppe im selben Alter“.

Für Kinder war das Jahr Lockdown "unendlich"

All das werde den Kindern und Jugendlichen zurzeit verwehrt. Und keiner dürfe vergessen: Einem Erwachsenen fliege normalerweise die Zeit vorbei. Doch selbst für die Erwachsenen sei das Pandemie-Jahr lang gewesen. Für Kinder sei „diese Zeit unendlich“.

Die Schwaikheimer Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Christiane Kauffmann-Schneider – sie arbeitet am Zentrum für psychische Gesundheit in Stuttgart – hat den Brief der beiden Fellbacher Kinderärztinnen auch unterschrieben. Sie fordert, dass nicht nur auf die Auswirkungen des Virus, sondern auch auf die Auswirkungen des Lockdowns geschaut wird. Denn neben den Einschränkungen, die die Kinder verkraften müssten, würden auch die Sorgen der Erwachsenen ungefiltert auf sie einprasseln. „Die Symptome und Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen sind alarmierend“, erklärt sie. „Die jetzt entstehenden Beschwerden und Erkrankungen werden diese Generation noch lange begleiten und sind als gesundheitliche Gefährdung mit Langzeitschäden genauso ernst zu nehmen wie das Virus mit seinen Risiken.“

Bei der Krisenbewältigung, stellen Julia Forch und Ruth Adam fest, werde zweierlei Maß angelegt. Schulen würden explizit anders behandelt als Unternehmen. Die Erwachsenen dürften weiterhin gemeinsam im Büro, in der Fabrik oder auf der Baustelle arbeiten, obwohl auch dort Infektionen aufträten. „Warum?“ Christiane Kauffmann-Schneider bittet um einen Vergleich: Wie viel Geld sei in der Pandemie in die Industrie und wie viel in Schulen und Kitas geflossen?

„Es kann nicht alles dem Infektionsschutz untergeordnet werden“, sagen die Fellbacher Ärztinnen und rechnen vor, was die kurzen Schulöffnungen im Herbst bedeuteten: „Wir haben in unserer Praxis Kinder, die innerhalb der zwölf Wochen Schulöffnung sechs Wochen in Quarantäne waren. Anderthalb Monate, in denen die Kinder in einer Wohnung eingesperrt waren, ohne die Möglichkeit, im Freien zu toben und zu spielen.“ Manche der kleinen Patienten, die noch in die Grundschule gehen, hätten jetzt, in den fünf Wochen vorsichtiger Öffnung bis zu den Osterferien, tatsächlich nur ein paar wenige Tage Schule. „Die restlichen Schüler der weiterführenden Schulen haben noch gar keine Perspektive“, schreiben sie. Und: „Das ist nicht genug!“

Mittelstufenschüler bleiben im Fernunterricht

In der Ministerpräsidenten-Konferenz am Mittwoch, 3. März, waren durchaus Perspektiven für die nähere Zukunft aufgezeigt worden: Für Buchhandlungen, Baumärkte oder auch Museen und Zoos. Was die vielen Schülerinnen und Schülern angeht, die nach wie vor nur zu Hause sitzen? Da soll es in Baden-Württemberg fast zwei Wochen später endlich auch für die fünften und sechsten Klassen im „eingeschränkten Regelbetrieb“ losgehen. In Bayern übrigens gehen 90 Prozent der Schüler noch vor den Osterferien wenigstens in den Wechselunterricht. Hier aber bleiben die Klassen der Mittelstufe, also die siebten, achten, neunten und zehnten Klassen, weiterhin im Fernunterricht. Nur wer in einer dieser Klassen bereits am Schulabschluss arbeitet, kann zumindest stundenweise in die Schule kommen. Wie so oft, das entscheiden die Schulen selber.

Jammern auf hohem Niveau? Oder schütteln Corona und der Lockdown eben doch Kinderschicksale durch? Da wäre zum Beispiel ein Fünfjähriger, der in die Praxis der beiden Fellbacher Kinderärztinnen Julia Forch und Dr. Ruth Adam kommt. Er hat in der Zeit des Lockdowns wieder angefangen einzunässen. Da ist eine Siebenjährige, die nicht mehr alleine schlafen kann. Ein Achtjähriger hat im vergangenen Jahr neun Kilo zugenommen.

Noch nie so viele Magersüchtige, manche Situation eskaliert

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